Koch versus Andrea Ypsilanti

Ein hessisches Verhängnis

Von Volker Zastrow

09. November 2008 Gut drauf war Roland Koch wirklich nicht - damals, nach dem Wahldesaster. Mit gerade mal fünfzig Jahren schon am Ende der Fahnenstange? Nach bald neun Jahren als Ministerpräsident würde er nicht den Oppositionsführer spielen, das stand fest. In die Wirtschaft? Justitiar, Finanzvorstand, Vorstandsvorsitzender? Schließlich hatte Koch auch das Bundesland nach Art eines Unternehmens geführt und sich mitunter wie ein „Vorstandsvorsitzender des Landes Hessen“ gefühlt - und das auch so gesagt. Oder doch über die Elbe, nach Canossa?

Koch war bereit, bei Merkel vorzufühlen, der Frau, die nun weiß Gott nicht er zur Bundeskanzlerin gemacht hat. Sich ein Bundestagsmandat in Hessen zu verschaffen wäre ein Leichtes. Dass Koch jedem Berliner Ministerium gewachsen wäre, weiß er. Es bestreitet auch niemand in der Union. Nicht mal außerhalb der Union. Eigentlich war es immer nur um die Frage gegangen, ob er Kanzler würde. Oder: wann.

Die Unterschiede könnten kaum größer sein: Roland Koch und Andrea Ypsilanti

Die Unterschiede könnten kaum größer sein: Roland Koch und Andrea Ypsilanti

Helmut Kohl, das ist bekannt, traute ihm das zu, mehr als jedem anderen der jüngeren Garde. Der alte Kanzler hatte auch versucht, nachzuhelfen - als er George Bush dazu brachte, den hessischen Ministerpräsidenten Roland Who 2003 in Washington persönlich zu empfangen.

Spiel nicht mit den Schmuddelkindern...

Koch war es, der Merkel im Januar 2002 gezwungen hatte, zugunsten Stoibers auf eine (überaus aussichtsreiche) Kanzlerkandidatur zu verzichten. Womit er, dem der Schatten der hessischen Parteispendenaffäre den Griff nach den höchsten Weihen da noch verwehrte, zunächst wenigstens die stärkste und etwa gleichaltrige Konkurrentin aus dem Weg geräumt hatte. Bis auf weiteres. Ausgerechnet bei der jetzt um ein warmes Plätzchen einzukommen . . . Nein, gut drauf war Roland Koch Anfang des Jahres wirklich nicht.

Janusköpfiger Auftritt und unstimmiger Wahlkampf:  Koch mit Regierungssprecher Metz (ganz rechts)

Janusköpfiger Auftritt und unstimmiger Wahlkampf: Koch mit Regierungssprecher Metz (ganz rechts)

Er stand, ein bisschen abgemagert nach dem Wahlkampf, ein bisschen blass um die Nase, ein bisschen fahrig mit den Händen, die Fingernägel ein bisschen länger als üblich und gefällig, in der Glasmenagerie des Zauberbergs seiner neuen Staatskanzlei. Kochs Vater, einst hessischer Justizminister, war gerade erst gestorben, er selbst hatte die Wahl vergeigt, und obendrein war er der neue Buhmann der Nation. Ein Mann, der Kinder, vermutlich Ausländerkinder, in den Knast stecken wollte und dem die CDU, vor allem die Herren Wulff, Beust, Laschet und Pofalla (in Vertretung der Kanzlerin) öffentlich Bescheid gegeben hatten, was sie davon hielten, nämlich nichts. Spiel nicht mit den Schmuddelkindern, sing nicht ihre Lieder.

Geschwächt, abgeblendet, gleichsam transparent.

Koch wirkte merkwürdig unangeschlagen. Nicht einfach nur beherrscht, nicht wie jemand, der sich nicht in Larmoyanz entblößen, in Anklagen entblöden will, nicht einmal wie ein Mensch, der leidet. Obwohl er natürlich litt. Sondern nur geschwächt, gemindert, abgeblendet, gleichsam transparent. In dem perfekten grauen Anzug selbst ein wenig verschossen, fadenscheinig.

Bis dahin hatte Koch als einer dagestanden, der Wahlen gewinnt. Kampfklasse: Schwergewicht. Er hatte in Hessen das beinah Unmögliche geschafft und die Union mit einer Unterschriftenaktion gegen die doppelte Staatsbürgerschaft an die Macht gebracht - unbeirrt von dem kräftigen Hautgout, der von dieser Art Straßenwahlkampf ausging. Beim nächsten Mal hatte Koch obendrein die absolute Mehrheit gewonnen. Im roten Hessen! Kein CDU-Politiker hat dieses Land solange regiert. Vom Amtssitz herab ist es leicht, Wahlen zu gewinnen. Ministerpräsidenten werden meistens wiedergewählt, es ist wie mit Bäckern oder Zeitungen, man wechselt sie selten, und nicht ohne Not. Doch nun, aus der Favoritenrolle, war Koch kein Sieg geglückt. Und damit war auch sein Nimbus futsch - denn Wahlen gewinnen ist das wichtigste Pfund eines Politikers.

Todeskuss von Wulff

Die Selbstbeherrschung war bemerkenswert. Nicht, dass Koch gute Laune vorgetäuscht hätte. Aber herumgejammert hat er auch nicht. Nicht einmal sein Sprecher Dirk Metz, der sich, wie das Leben so spielt, gerade kräftig geschnitten hatte und den Daumen dick verbunden trug. Es waren auch nicht die anderen schuld, sondern man selbst. Allerdings: Den Todeskuss habe man von Wulff erhalten, der sich öffentlich von der Kinderknastgeschichte distanziert hatte. Die doch nur, da waren Koch und Metz sich einig, die Rechtslage wiedergegeben hatte. Stimmte auch. Aber es war trotzdem dämlich, damit zu diesem Zeitpunkt nachzulegen; nachdem Koch der Wind wegen der Debatte über die Jugendkriminalität von Ausländern schon derart kräftig ins Gesicht biss. Das wussten beide auch. Sie hatten ja den Wind gesät, um im Sturm zu ernten. Nachher ist man immer klüger.

Manchmal aber auch vorher. Die Lage sei so aussichtslos auch wieder nicht, erläuterten der blasse Koch und der angeschnittene Metz damals in der Staatskanzlei. Sie erläuterten die hessische Verfassung. Koch werde geschäftsführender Ministerpräsident bleiben. Ypsilanti werde sich ihre Mehrheit suchen müssen. Aber wie? Am Ende werde es, vielleicht, keine Ministerpräsidentin Ypsilanti geben, sondern Neuwahlen zum Hessischen Landtag. Q.e.d. Da muss man schon kalt sein bis ans Herz hinan. Um dieses Ding - im Tiefpunkt einer Niederlage, im Pfeilregen der Selbstentwertung - überhaupt zu sehen. Und es dann auch durchzuziehen. Nicht, weil man die Macht dazu hat. Sondern weil man sein Ziel kennt. Und, wo eben möglich, seinen Beitrag leistet.

Der Eisprinz und die Schneekönigin

Erstaunlich, wie sehr Koch und Merkel, die beiden Hauptantagonisten dieser Dekade in der Union, einander da ähneln: der Eisprinz und die Schneekönigin. Koch hatte begriffen, dass er zwar nicht gewonnen, aber auch noch nicht verloren hatte. Bei Ypsilanti war es genau umgekehrt. Überhaupt ist alles umgekehrt bei diesen beiden, die Gegensätzlichkeit kann kaum größer sein. Es lässt sich im Einzelnen durchdeklinieren, aber auch auf eine sehr einfache Formel bringen: Er ist klug, und sie ist schön. (Das ist die charmante Fassung.)

Nicht von ungefähr ein perfektes Geschlechterklischee. Das entspricht Ypsilantis ideologischem Biotop. Aus der zunehmend gehässigen Instrumentalisierung der charakterlichen Gegensätze im rasanten, kompromisslos auf „er oder sie“ zugespitzten Wahlkampf des letzten Jahres und seiner Fortsetzung in diesem entstand das Verhängnis. Kochs Kälte ließ Ypsilanti pottwarm erscheinen, Ypsilantis Leidenschaft schärfte Kochs technokratischen Schneid. Noch in der bemühten Schonung seiner Herausforderin fühlte man die Fassungslosigkeit dieses Ministerpräsidenten, sich mit einer Frau auseinandersetzen zu müssen, die noch mit über fünfzig Jahren an dem Ergebnis ihrer Diplomarbeit festhält, dass Papi schuld ist, und tief ungerecht findet, dass Piloten besser bezahlt werden als Luftkellnerinnen. (Siehe auch: Porträt: Quote mit Ypsilon)

Das sind Zeichen von Unreife. So was sagt man nicht. Doch ist unübersehbar, dass bei Andrea Ypsilanti das Murmeltier nun schon seit mehr als dreißig Jahren grüßt. Sicher war es nicht nur verhängnisvoll, dass sie damals, in der exzessiven Enge der Siebziger, gerade im labilsten Lebensalter steckte - aber anders als viele ist sie darüber offensichtlich nicht hinweggekommen. Und sie hat sich mit Leuten umgeben, denen es genauso geht. Selbst beim grünen Koalitionskandidaten wurde über das Drehmoment mancher Leute aus Ypsilantis Corona mortis derb gehöhnt.

Mit solchen Eigenarten hat Ypsilanti wie dunkler Gegengrund Kochs High-End-Intellekt als ultrahartes Weißlicht ätzen lassen. In der ersten Garnitur der deutschen Politik trifft man niemanden, der dem hessischen Ministerpräsidenten den messerscharfen Verstand abspricht. Egal, um welches Thema es geht, Koch ist sattelfest, kennt die Details, vermag sie zu analysieren, ist lösungsorientiert und entwirrt auch konfuse Diskurslagen im Punkt. Das hat schon viele beeindruckt, und es hat ihn immer schon, über Parteigrenzen hinweg, zum gesuchten Gesprächspartner gemacht. Es ist aber auch das Ergebnis einer einseitigen Entwicklung - einer charakterlichen Spezialisierung. Wer was werden will, hält sich an das, was er kann. Wenn er damit Erfolg hat, kann er dann vieles andere nicht. Der Preis solchen Erfolgs sind Defizite.

Sprecher Dirk Metz als Alter Ego

Wer sich an Koch gerieben hat, tat das jedenfalls nie wegen Stumpfheit, sondern wegen seiner Schärfen. Da kommt nun wieder Metz ins Spiel. Kochs Sprecher, den der Staatssekretärsrang nicht nur auszeichnet, sondern auch absichert, ist sein politischer Freund und Weggefährte seit drei Jahrzehnten - und so ungeheuer verschieden die beiden auch sind, so unterschiedlich, dass man auf Anhieb kaum begreift, warum ein solcher Ministerpräsident sich einen solchen Sprecher sucht, so wenig liegt man wohl falsch, wenn man Metz als das Alter Ego, das andere Ich Roland Kochs begreift.

Metz, auch ein schneller, kluger Kopf, auch ein scharfer Analytiker, repräsentiert in gewisser Weise den Typus des Boulevard-Journalisten. Er ist, zumindest im ersten Umgang, forsch und direkt, grüßt jedermann jederzeit und wahrscheinlich noch bei Staatsbegräbnissen mit einem degoutanten „Glück auf“; er liebte es, bei der Handball-WM den Hallensprecher zu geben, und er liebt es, im Wahlkampf mit der Bildzeitung Pingpong zu spielen - was ja Koch im Januar letztlich zum Verhängnis wurde, denn der definitive Dreh zu viel, der Kinderknast, stammte aus Springers Kampagnenküche.

Janusköpfiger Auftritt

Koch hatte Metz, der damals JU-Kreisvorsitzender in seiner siegerländischen Heimat war, zu verdanken, dass ihm Kosmetikschülerinnen mit irgendeiner Gurkenkräuterpackung das Gesicht zupappten. Koch war damals stellvertretender Bundeschef der Jungen Union, und dieser Streich brachte ihn zum ersten Mal richtig bundesweit in die Presse. Metz meint, dass es das war, was Koch begeistert hat. Und das stimmt sicher auch. Aber vielleicht stimmt auch, dass ohne Metz' Mitwirkung niemals irgendwelche niedlichen Kosmetikelsen dem sauber gescheitelten Primus aus Eschborn irgendetwas ins Gesicht geschmiert hätten - weil: Koch ist nun mal nicht der Kerl, der so etwas auf sich zieht. Und er war das wohl auch nie. Er ist einfach das Superhirn, dieser 1,0-Typ, und zwar aus jener Zeit, als wirklich noch drin war, was draufstand.

Das Koch-Metz-Duo erklärt den janusköpfigen Auftritt und Wahlkampf, jene für die einen furchteinflößende, für die anderen nur unglaubwürdige und immer schon unstimmige Mischung aus kompetent und krass. Aber damals, im Januar, ein, zwei Tage nach dem Wahldebakel, nein, schon ein paar Wochen vorher, hatten die beiden längst kalt analysiert, dass ihnen durch eine forsche Reformpolitik soundsoviele Wähler weggelaufen waren: hier Beamte, dort Eltern, da Ärzte, dort Patienten. Zahlen inbegriffen. Und die heiße Phase des Wahlkampfs war nichts anderes als die kalkulierte Konsequenz dieser kalten Analyse. Das war schlau. Aber nicht klug. Und es ist zugleich der Grund dafür, warum so viele Hessen ihren so überaus sachkundigen Ministerpräsidenten satthatten. Man möchte schließlich nicht bloß das Objekt im Gehirn anderer Leute sein. Das ist Kochs Anteil am Chaos in Hessen. Sein Anteil. Der kleinere.

Text: F.A.S.
Bildmaterial: AP, David E. Smith, F.A.Z. - Wolfgang Eilmes

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