03. November 2008 Immer wieder ist der hessischen SPD-Vorsitzenden vorgeworfen worden, nicht zuletzt vom amtierenden Ministerpräsidenten Koch, aus reiner Machtgier zu handeln. Wenn es so wäre, hätte Hessen längst eine große Koalition, und Frau Ypsilanti wäre stellvertretende Ministerpräsidentin oder Fraktionsvorsitzende einer Regierungspartei in starker Position.
Diese Option hatte sie sogar noch nach ihrem ersten gescheiterten Versuch mit Rot-Grün-Rot. Der Wille zur Macht ist im Übrigen auch nichts Verwerfliches. Ein Politiker, der ihn nicht hat, ist eine Fehlbesetzung. Was aber Frau Ypsilanti auf ihrem waghalsigen Weg vorantrieb war ihr unerschütterlicher Glaube, eine Mission zu haben; die säkulare Aufgabe, Hessen vollkommen umzukrempeln. Nur mit ideologischer Verblendung lässt sich erklären, wie sie so viele Stoppschilder am Wegesrand übersehen konnte.
Nichts konnte sie beirren
Dass es in der Fraktion noch andere Zweifler an ihrem Kurs gab als Frau Metzger, wurde schon im März gemunkelt; dass der Parteivorsitzenden Beck im Frühjahr beinahe über seine Nachgiebigkeit gegenüber Ypsilanti gestürzt wäre; dass ihretwegen ein förmliches Parteiausschlussverfahren gegen einen ehemaligen stellvertretenden Bundesvorsitzenden eröffnet wurde, dass die Umfragen sich keineswegs mehr mit ihrer Behauptung deckten, die Hessen wollten den Wechsel mit Rot-Grün-Rot - nichts konnte sie beirren.
Je stärker der Widerstand wuchs, desto mehr fühlte sie sich darin bestärkt, dass ihre Mission von dunklen Mächten - den Medien, den Wirtschaftsbossen, den Rechten - hintertrieben werde, deren Macht es nun in Hessen zu brechen gelte.
Mit religiösem Eifer
Für den Zustand der SPD ist es ein bedenkliches Zeichen, dass auch die Funktionärsschicht dieser Autosuggestion erlag und ihr auf dem Parteitag bedenkenlos folgte. Wieviel Kontakt hat diese Parteitags-SPD eigentlich noch zum Volk? Und nur mit dem religiösen Eifer, der eine Art Sektenmentalität erzeugte, ist auch zu erklären, warum die Dissidenten in der Fraktion sich nicht früher aus der Deckung gewagt haben.
Wie es Frau Metzger ergangen ist, die als einzige frühzeitig den Mut dazu aufbrachte, oder dem Kritiker Walter, hatten alle vor Augen. Ihre Hoffnung, Frau Ypsilanti werde vielleicht doch noch vor dem Stoppschild mit der Aufschrift Vorsicht Abgrund Halt machen, war berechtigt, solange die hessische SPD noch ein halbwegs rationales Verhältnis zur Macht hatte. Dass Frau Ypsilanti völlig den Blick für die Realitäten verlieren würde und sogar meinen konnte, ohne Einbindung ihres Gegenspielers Walter eine Mehrheit im Landtag zu erreichen, hat sich erst am Schluss herausgestellt.
Text: FAZ.NET