Von Theodor Ickler
25. Februar 2006 Als die Zwischenstaatliche Kommission für deutsche Rechtschreibung die Zusammenarbeit mit der kompromißbereiten Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung verweigerte, wurde sie kurzerhand entlassen und durch den Rat für deutsche Rechtschreibung ersetzt. Dessen Zusammensetzung ließ nichts Gutes erwarten, denn es saßen fast nur die bekannten Reformbetreiber darin, darunter sieben von zwölf Mitgliedern der aufgelösten Kommission. Trotzdem folgte ich im Frühjahr 2005 der Bitte des P.E.N.-Zentrums, die Interessen der Schriftsteller zu vertreten. Die dritte Sitzung war die erste richtige Arbeitssitzung und auch für mich die erste.
München, Hanns-Seidel-Stiftung, 8. April
Der Rat ist ziemlich vollzählig versammelt, ein Aufpasser der KMK sitzt immer dabei. Als erstes hat der Rat sich für alle Beschlüsse eine Zweidrittelmehrheit verordnet und auch schon von der KMK genehmigen lassen. Damit ist sichergestellt, daß keine Korrektur der neuen Regeln gegen den Willen der Reformbetreiber zustande kommt. Sehr schlau, aber nicht mehr zu ändern.
Der Altreformer Horst Sitta beantragt die Streichung des Tagesordnungspunktes Getrennt- und Zusammenschreibung, da zu wenig Zeit zur Vorbereitung gewesen sei. Verblüfftes Schweigen, denn nur wegen dieses Punktes ist der Rat heute zusammengekommen. Der Vorsitzende Zehetmair versucht die Lage zu retten, die durch Sittas scharfen Ton noch peinlicher geworden ist. Weitere Wortmeldungen in diesem Sinne. Ich selbst weise darauf hin, daß die Zeit zwar knapp, für Fachleute, die sich jahrzehntelang mit der Sache beschäftigt haben, aber ausreichend gewesen sei, außerdem darauf, daß ich für diejenigen, die nicht so mit der Materie vertraut sind, einen Kommentar versandt habe, der die Grundzüge und Hauptfolgen leicht erkennen läßt. Sitta stellt fest, daß bei ihm Post vom P.E.N. ungelesen in den Papierkorb wandert. Der Antrag wird abgewiesen, bei einer Gegenstimme.
Damit uns nichts Unangenehmes passiert
Ein Schulbuchautor berichtet, daß der hessische Ministerialrat Stillemunkes einem Schulbuch die Zulassung verweigert habe, weil darin nicht der Wortlaut der Rechtschreibreform wiedergegeben sei. Dabei beherrscht Stillemunkes die neue Rechtschreibung selbst nicht, wie seine fehlerhafte Broschüre Rechtschreibung gut erklärt beweist. Aber die hessische Landesregierung ist das Zentrum der Reformdurchsetzer. Das sieht ja auch der Verband der Schulbuchverleger so, der seine Agitation daher mit großem Erfolg auf Roland Koch und seine Schulministerin konzentriert. In den Rat haben die Schulbuchverleger den Klett-Lektor Michael Banse entsandt, damit uns allen nichts Unangenehmes passiert, wie es in einem internen Papier heißt.
Peter Eisenberg, der Kopf der Arbeitsgruppe Getrennt- und Zusammenschreibung, spricht den selbstverständlichen Grundsatz aus: Orthographie ist in erster Linie eine sprachliche Tatsache, und Tatsachen müssen respektiert werden. Die Reformer sind vom Gegenteil ausgegangen.
Die Altreformer wie Peter Gallmann wollen bei eindeutigen Regeln bleiben, auch wenn sie grammatisch bedenklich sind und vom Sprachgebrauch abweichen. Eisenberg und ich halten dagegen, wirkliche Einfachheit bestehe nicht darin, daß der Lehrer eine Regel einfach formulieren kann, sondern darin, daß der Schreibende sie nach seiner Intuition und Leseerfahrung ohne Zögern anwendet.
Orientierung am Usus
Kontrovers ist zwischen Eisenberg und mir die obligatorische Zusammenschreibung von leidtun anstelle der absurden Neuschreibung Leid tun. Eisenberg argumentiert: Da es für die Wortgruppe leid tun keine syntaktische Analyse gibt, muß zusammengeschrieben werden. Wo bleibt da die Orientierung am Usus? Für eine übliche Schreibweise ist es doch gleichgültig, ob Eisenberg sie analysieren kann oder nicht. Wir brechen die Diskussion ab, weil sie einigen Anwesenden zu linguistisch wird.
Der unmögliche Terminplan kommt zur Sprache; die KMK will ja bis August 2005 Ergebnisse sehen. Viele ahnen immerhin, daß bisher nur ein kleiner Teil der Probleme überhaupt diskutiert worden ist. Zehetmair stellt fest, der Zeitplan liege nicht in der Hand des Rates, sondern sei wie die Rangliste der Themen von der KMK vorgegeben. Im Statut steht davon allerdings kein Wort. In der kurzen Zeit kann die verkorkste Groß- und Kleinschreibung gar nicht mehr behandelt werden. Zehetmair bekennt noch einmal seinen kapitalen Fehler, sich als Politiker vor zehn Jahren an die Sprache herangewagt zu haben; das dürfe nie wieder geschehen.
Wie einfach könnte alles sein
Eine Arbeitsgruppe zur Worttrennung und Zeichensetzung wird eingesetzt. Es besteht die Gefahr, daß die bisher positiven Erfahrungen mit dem Rat von den Zeitungen so mißverstanden werden, als sei jetzt alles auf dem besten Wege. Das ist ganz und gar nicht der Fall. Die Verlautbarungen des Vorsitzenden während der Pressekonferenz sind allerdings Gold wert: fortschreitende Diskreditierung der Reform aus seriösem Munde.
Wie einfach könnte alles sein! An den Schulen wird die allgemein übliche Rechtschreibung unterrichtet. Rechtschreibwörterbücher werden wie andere Schulbücher von den Kultusministerien zugelassen. Das ist mein Vorschlag zur Entstaatlichung, er liegt seit neun Jahren auf dem Tisch, war sogar schon von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung gebilligt, bevor Eisenberg sie auf seinen Kompromißkurs brachte, um die Reform zu retten.
Mannheim, Institut für deutsche Sprache, 3. Juni
Sechs Mitglieder fehlen. Die Presse ist reichlich anwesend; die Zeitungen sind voll mit unseren Informationen: Die F.A.Z. bringt meinen Aufsatz über die Groß- und Kleinschreibung, die Süddeutsche hat ihre ganze zweite Seite dem Thema gewidmet, darunter Texte von Hermann Unterstöger und mir. Banse wirft mir meinen F.A.Z.-Aufsatz vor, kann aber nicht sagen, was daran eigentlich verwerflich sein soll. Das Thema Groß- und Kleinschreibung steht gar nicht auf der Tagesordnung, aber gerade das scheint die Wut der Reformer auszulösen, weil ich eben die verordnete Agenda in Frage stelle. Ludwig Eckinger, der den Beamtenbund, die GEW, die Lehrer und wer weiß wen vertritt, klopft anklagend auf die Süddeutsche, die vor ihm liegt. Was kann ich dafür, daß die Reformer keine so freundliche Presse haben wie wir? Sitta will den Spiegel-Artikel, in dem sein rüdes Wort über den PEN zitiert wird, auf die Tagesordnung setzen. Ziemlich komisch das Ganze, kostet aber 75 Minuten sinnlose Diskussion.
Bei den Reformern fällt die vollkommene Gleichgültigkeit gegenüber der sprachlichen Richtigkeit auf. Die guten Zeitungen, die ich als Maßstab des Schreibgebrauchs anführe, werden als elitär abgetan. Welch eine Geringschätzung der Schüler! Alle Anträge der Reformer werden überstimmt, die Änderungsvorschläge mit wachsenden Mehrheiten angenommen. Allerdings geht es auch nur darum, die Revision von 2004 auszuformulieren. Altreformer Sitta schließt mit der Bemerkung, daß auf dem nun eingeschlagenen Weg der Rechtschreibfriede nicht wiederhergestellt werden könne. Ich erinnere daran, daß Rechtschreibfriede herrschte, bevor die Reform ihn im Jahre 1996 zerstörte.
Anschlag auf die Sprache
Es fällt auf, daß Dudenchef Matthias Wermke noch niemals ein gutes Wort für den Duden eingelegt hat, in dem sich eine funktionierende Rechtschreibung und allgemeinverständliche Regeln fanden, bevor die Reform zuschlug. Wermke desavouiert die jahrzehntelange Arbeit seiner Redaktion, obwohl er genau Bescheid weiß.
Das Herumsitzen in Gremien zweifelhaftester Zusammensetzung mit dem Zweck, an der Sprache von 100 Millionen Menschen herumzubasteln, oder vielmehr an dem leichtfertigen Anschlag auf diese Sprache, ist grotesk. Warum treten wir das Ganze nicht wirklich in den Müll (wie eine große Zeitung neulich vorschlug) und vergessen es so schnell wie möglich? Sogar verzeihen würden wir es, wenn wir es nur bald los wären.
Mannheim, 1. Juli
Der Vorsitzende teilt mit: Im März 2006 werden sich die Ministerpräsidenten nochmals mit der Reform befassen. Stoiber stärkt dem Rat den Rücken, will gemeinsam mit Rüttgers am 14. Juli 2005 einen Vorstoß unternehmen, allerdings sei keine wesentliche Korrektur der Beschlüsse zu erwarten.
Der Vertreter der Union der Akademien der Wissenschaften stellt mit einiger Schärfe fest, daß er sich wie auf einer Placebo-Veranstaltung vorkomme. Ich mache darauf aufmerksam, daß laut neuer Vereinbarung der Kultusminister vom Juni die Silbentrennung nicht mehr auf dem Programm steht. Niemand scheint diese Vereinbarung und das geänderte Statut zu kennen, auch Zehetmair wirkt überrascht, als ich daraus vorlese. (Die Räte haben das Statut auch später nicht bekommen.) Zahllose Einzelfälle werden auf das spätere Wörterverzeichnis verschoben. Das stellen die Wörterbuchredaktionen in eigener Verantwortung her, der Rat wird nicht mehr dazu Stellung nehmen können.
Pflicht an der Schriftsprache
Die alberne Silbentrennung bei Fremdwörtern (Konst-ruktion, Diag-nose) will fast niemand korrigieren. Meine Argumente, auch bildungspolitische, perlen ab wie Regenwasser. Hoffnungslos. Auch die Groß- und Kleinschreibung soll nach dem Willen der meisten nicht mehr geändert werden. Der Reformer Richard Schrodt meint, wenn die Groß- und Kleinschreibung verändert werde, breche die ganze Reform zusammen. Gar nicht mal verkehrt.
Zehetmair verliest einen Brief von KMK-Generalsekretär Erich Thies: Die KMK hat nicht die Absicht, die Reisekosten der deutschen Mitglieder zu übernehmen, denn es sei davon auszugehen, daß die im Rat vertretenen Einrichtungen selbst ein originäres Interesse an der Mitwirkung im Rat haben. Wir sind eingeladen worden, unsere Pflicht an der Schriftsprache zu tun, wie Ministerin Wolff es einmal ausdrückte. Dafür zahlen wir natürlich gern.
Mannheim, 28. Oktober
Diesmal fehlen schon acht Mitglieder. Zehetmair teilt mit, daß Stoiber, Rüttgers und Wulff dem Rat folgen wollen. Rudolf Hoberg will nichts von Akzeptanzbefunden hören, erklärt 99,9 Prozent der Bevölkerung für unwissend. Für den Vorsitzer der Gesellschaft für deutsche Sprache eine bemerkenswerte Einstellung.
Die Abtrennung einzelner Buchstaben wird mit großer Mehrheit zurückgenommen, die Nichttrennung von ck leider mit noch größerer Mehrheit beibehalten. Die Blockierer sind völlig unempfindlich für den Widerspruch zur Trennung nach Sprechsilben. Immerhin wird ein großer Klumpen von Trennungen wie Dusche-cke beseitigt, der ebenso ärgerliche Da-ckel bleibt aber.
Die s-Schreibung soll auf einer Plenarsitzung diskutiert werden. Ich sehe jedoch auch hier keinerlei Änderungsbereitschaft. Angeblich kommen die Schüler problemlos zurecht. Untersuchungen gibt es natürlich nicht. Als ich feststelle, daß wir keine Schulorthographie, sondern eine Orthographie für Qualitätstexte zu machen hätten, höhnen einige Mitglieder gleich wieder, als hätte ich kein Herz für Kinder.
Mannheim, 25. November 2005
Diesmal fehlen schon zwölf Mitglieder. Wenn das so weitergeht, kann der Vorsitzende bald allein tagen. Die KMK will am 2. März 2006 über die bis dahin vom Rat korrigierten Teile abstimmen. Hierdurch entsteht ein Termindruck, gegen den Zehetmair die Unabhängigkeit des Rates verteidigt, aber auch er will bis dahin zu einem gewissen Abschluß kommen.
Die Vorlage zur Worttrennung wird mit kleinen Änderungen angenommen; ich stimme dagegen, wegen der Fremdwörter und wegen ck. Die revidierte Zeichensetzung wird mit großer Mehrheit angenommen, ich enthalte mich. Meiner Ansicht nach richtet die Neuregelung hier nun keinen großen Schaden mehr an, ich finde aber die Formulierung rückschrittlich und zu vage. Zehetmair berichtet schmunzelnd, neulich in Peking habe er den Spiegel gelesen und dabei ein dass entdeckt, worin er ein Signal sieht, daß auch der Spiegel allmählich wieder der Reformschreibung folge. Hoberg ist so taktlos, ihm durch den Hinweis, der Spiegel habe nie rückumgestellt, die Pointe zu verderben.
Eisenberg fliegt raus
Nach längerer Diskussion über einen Formfehler beim letzten Mal wird die AG Groß- und Kleinschreibung eingesetzt. Wie ich jedoch vorausgesehen hatte, wird der Themenbereich von vornherein unzumutbar begrenzt. Ich stimme fast als einziger dagegen.
Auf Zehetmairs offenbar dringenden Wunsch sage ich, daß ich mich in die neue AG zwar nicht hineindrängen, aber auch nicht verweigern wolle. Da meldet Banse sich plötzlich und verweist auf den Brauch, daß dieselben Mitglieder nicht zweimal in eine AG berufen werden sollen. Von einem solchen Brauch kann zwar keine Rede sein, und in der Geschäftsordnung steht auch nichts davon, aber das Argument reicht, um mich wieder aus der Gruppe herauszuschießen. Unmittelbar danach bittet Uwe Pörksen im Namen der Akademie für Sprache und Dichtung dringend darum, Eisenberg noch dazuzunehmen, und nun applaudieren dieselben Mitglieder, obwohl Eisenberg gerade führendes Mitglied der ersten AG gewesen war! Jetzt wird es Jürgen Hein (dpa) zu bunt; er weist darauf hin, daß der Rat gegen eine Regel verstößt, die er drei Minuten vorher aufgestellt hat. Eisenberg fliegt wieder raus.
Längere Diskussion darüber, wie man die widerspenstigen Zeitungen an die Kandare nehmen könne. Der Vorschlag, die F.A.Z., Axel Springer Verlag und Spiegel jetzt schon in die Entscheidungen einzubeziehen, wird als zu riskant empfunden. Zehetmair meint, damit könne man das Gegenteil bewirken. Es fällt das böse Wort, man dürfe diese Krawallmacher nicht noch durch besondere Aufmerksamkeit belohnen. Beifälliges Schmunzeln. Die Bemerkung soll nicht ins Protokoll.
Es gibt eigentlich wegen der selbstauferlegten Themenbegrenzung nichts mehr zu sagen; das Geplauder wird künstlich in die Länge gezogen. Ich fahre im (selbstbezahlten) ICE nach Hause und frage mich, in welchem Land ich eigentlich lebe.
Theodor Ickler lehrt Deutsch als Fremdsprache an der Universität Erlangen-Nürnberg.
Text: F.A.Z., 25.02.2006, Nr. 48 / Seite 37
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