Zentralabitur

„Ein Ablenkungsmanöver“?

“Gleichwertiges Abitur von Kiel bis Konstanz“

"Gleichwertiges Abitur von Kiel bis Konstanz"

18. Oktober 2007 Der Präsident der Kultusministerkonferenz (KMK), Jürgen Zöllner (SPD), hat den Beschluss verteidigt, kein länderübergreifendes Zentralabitur einzuführen. Zöllner bezeichnete die stattdessen beschlossenen Bildungsstandards vor der Reifeprüfung als eine weit über die Ziele eines Zentralabiturs hinausreichende Maßnahme.

„Diese Standards umfassen, was die Schülerinnen und Schüler nach unseren Vorstellungen insgesamt lernen sollen. Das heißt, es sind die Inhalte“, sagte Zöllner. Die Kultusminister hatten am Mittwoch in Bonn einstimmig beschlossen. Sie folgten damit einem Konzept von Hessens Ministerin Karin Wolff, der Sprecherin der unionsgeführten Länder in der KMK.

Konnte bundesweites Zentralabitur nicht durchsetzen: Annette Schavan

Konnte bundesweites Zentralabitur nicht durchsetzen: Annette Schavan

Die verbindlichen Standards sollen zunächst für die Fächer Deutsch, Mathematik, Englisch sowie Französisch eingeführt werden. Hierzu sollen die 1972 eingeführten und mehrfach überarbeiten „Einheitlichen Prüfungsanforderungen in der Abiturprüfung“ weiterentwickelt werden. Dies soll durch das Berliner Institut zur Qualitätsentwicklung geschehen, dass die Kultusminister nach dem deutschen Pisa-Debakel gegründet hatten.

Merkel für zentrale Abiturprüfung

Mit ihrem Beschluss lehnten die Kultusminister zugleich die Forderung von Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) nach Einführung eines bundesweiten Zentralabiturs mit einheitlichen Prüfungsaufgaben ab. Einige Unionsminister wollten dem Vernehmen nach auf Schavans Forderung stärker eingehen, die große Mehrheit lehnte dies aber ab.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) nannte den Beschluss „wichtig“, sprach sich aber erneut für zentrale Prüfungen aus. Dann könnten sich die Universitäten Eingangsprüfungen ersparen, erklärte sie in Berlin.

Ministerin Wolff sagte, sie sei mit dem Beschluss sehr zufrieden. Damit sei gesichert, „dass in Zukunft von Kiel bis Konstanz alle Schüler ein gleichwertiges Abitur haben werden“. Es müsse aber auch weiterhin darum gehen, Maßstäbe zu vereinheitlichen, aber die Wege vielfältig zu lassen. Auf diese Weise setzten sich die besten Konzepte durch und es werde eine Qualitätssteigerung erreicht, die allen Schülern zugute komme, erklärte Wolff.

Konsequenz aus Pisa-Ergebnissen

Auch die Sprecherin der sozialdemokratisch geführten Länder, die rheinland-pfälzische Bildungsministerin Doris Ahnen (SPD), plädierte für Bildungsstandards. Sie garantierten die Vergleichbarkeit der Prüfungsleistungen, sicherten die Durchlässigkeit der Bildungswege zwischen den Ländern, trügen zur Verbesserung der Unterrichtsqualität bei und ließen den Ländern genügend Gestaltungsspielraum.

Stattdessen wurde ihrem Konzept gefolgt: Karin Wolff

Stattdessen wurde ihrem Konzept gefolgt: Karin Wolff

Die neue Regelung soll erstmals für die Schüler gelten, die im Schuljahr 2010/2011 in die gymnasiale Oberstufe eintreten. Als Konsequenz aus dem schlechten PISA-Abschneiden wurden bereits für die vierte Grundschulklasse sowie für das neunte und zehnte Schuljahr Bildungsstandards eingeführt.

„Ein Zwischenschritt“

Schavan hatte mit ihrer Forderung nach einem bundesweiten Zentralabitur die Debatte im Sommer ausgelöst. Ihr Sprecher bezeichnete Bildungsstandards als „Zwischenschritt“. Der Ministerin gehe es um eine bessere bundesweite Vergleichbarkeit der Abiturleistungen. Um diesem Ziel näher zukommen, begrüße Schavan „jede Maßnahme“, sagte ihr Sprecher Elmar König.

Verteidigt den Beschluss der Kultusminister: Jürgen Zöllner

Verteidigt den Beschluss der Kultusminister: Jürgen Zöllner

Die saarländische Kultusministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU), die Schavans Position teilt, sagte: „Mit den einheitlichen Bildungsstandards hat die KMK konkrete Schritte vereinbart, die uns dem Ziel eines länderübergreifenden Abiturs ein gutes Stück näher bringen.“

Überstürzte Verkürzung der Gymnasialzeit

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) wie auch der Philologenverband bezeichneten dagegen die Debatte um das Zentralabitur und um Bildungsstandards als überflüssig. Die GEW-Vizevorsitzende Marianne Demmer sprach von einem „großen Ablenkungsmanöver“. Das Problem der Gymnasien sei „die überstürzte Verkürzung der Gymnasialzeit auf zwölf Jahre.“ Der Vorsitzende des Philologenverbandes, Heinz-Peter Meidinger, sagte, selbst einheitliche Prüfungsaufgaben bedeuteten nicht, dass diese auch einheitlich bewertet würden.

Den Vorwurf der GEW, die Abiturstandards seien nur ein Ablenkungsmanöver von dem Problem der Schulzeitverkürzung auf zwölf Jahre, wies der KMK-Präsident Zöllner zurück. Er gestand ein, dass die verkürzte Schulzeit mit einer Verdichtung des Unterrichtsstoffes einhergehe, seiner Meinung nach müsse man dieses Problem aber unabhängig von Standards oder von einem einheitlichen Prüfungstermin zum Abitur lösen.

Gros der Schulabbrecher ist männlich

Bei ihrem Treffen in Bonn haben die Kultusminister außerdem einen umfangreichen Maßnahmenkatalog beschlossen, um die Zahl der Jugendlichen ohne Hauptschulabschluss in den kommenden fünf Jahren deutlich zu verringern. Vorgesehen sind unter anderem mehr individuelle Hilfen für Risiko-Kinder, Ganztagsangebote, mehr Sprachförderung für Einwandererkinder sowie mehr Berufspraktika und betriebliche Orientierungsphasen in den letzten Schuljahren.

Besonders die Zusammenarbeit von Schulen mit außerschulischen Partnern nach dem Modell der Betriebe und Handwerks- oder Industrie- und Handelskammern soll ausgeweitet werden. Sie hat sich vielen Regionen schon als wirksames Mittel gegen Schulabbruch und als sicherer Weg zu einem Ausbildungsplatz erwiesen.

Im vergangenem Jahr haben in Deutschland 7,9 Prozent aller Jugendlichen die Schule ohne Hauptschulabschluss verlassen. Der weitaus größte Teil brach die Schullaufbahn schon vor dem Abschlussjahr ab. Der Anteil der männlichen Jugendlichen lag weit über dem der weiblichen. Die meisten männlichen Schulabbrecher sind ausländische Jugendliche.

Zusätzliche Ausbildung für Lehrer

Zusätzlich zu den genannten Maßnahmen sollen Lehrer in Lerntheorie und Lernpsychologie aus- und fortgebildet werden. Um die Lehrerbildung in den Bundesländern zu vereinheitlichen, plant die KMK eine Anhörung über die künftigen für alle Länder gemeinsamen inhaltlichen Anforderungen für Fachwissenschaften und Fachdidaktiken. Der Präsident der KMK, Zöllner, rechnet damit, dass das Gesamtpaket für die Fachwissenschaften und Fachdidaktiken spätestens Anfang des Jahres 2009 vorgelegt werden kann.

Bisher gibt es in der Lehrerbildung nur Fachprofile für Deutsch und Physik. Sie dienen als Muster für weitere Fächer. Die Fachprofile beziehen sich auf die Kenntnisse, Fähigkeiten, Fertigkeiten und Einstellungen, über die ein Lehrer für seine spätere Aufgabe verfügen muss. Es gibt deshalb unterschiedliche Fachprofile für die Sekundarstufe I und die Sekundarstufe II. Für die Grundschulbildung werden die Anforderungen in einem integrativen Konzept „Grundschulbildung“ beschrieben, für die Förderschule in einem eigenen Fachkonzept „Pädagogik der Förderschule/Sonderschule“.

Text: FAZ.NET mit oll.
Bildmaterial: ddp, dpa

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