14. September 2007 Eine Woche nach der vermutlich antisemitisch motivierten Messerattacke auf einen orthodoxen Rabbiner in Frankfurt hat die Polizei den mutmaßlichen Täter gefasst.
Der 22 Jahre alte Mann sei am Donnerstagabend in seiner Wohnung in Hattersheim festgenommen worden und habe die Tat gestanden, teilte die Staatsanwaltschaft mit. Es handele sich um einen in Frankfurt geborenen Deutschen, dessen Eltern aus Afghanistan stammten. Der Mann sollte noch am Freitag dem Haftrichter vorgeführt werden. Gegen ihn wurde Haftbefehl wegen versuchten Totschlags und gefährlicher Körperverletzung erlassen.
Recherchen in einem Internetforum
Eine Tötungsabsicht habe der Täter jedoch bestritten. Vielmehr habe es eine Auseinandersetzung gegeben, zunächst verbal, dann körperlich, bei der er sich dem anderen Mann unterlegen fühlte und deshalb zum Messer griff, sagte Staatsanwältin Doris Möller-Scheu. Ob es noch andere Motive gab, blieb offen. Im Moment müssen wir noch Ermittlungen zum Hintergrund dieses Mannes tätigen, sagte die Ermittlerin.
Entscheidend für den Fahndungserfolg der Ermittler war ein Hinweis auf ein Sport-Internetforum. Dort hatte der Teilnehmer eines Chats den Angriff mit detaillierten Angaben zu Täter und Tathergang gerechtfertigt und erklärt, sie sei nicht antisemitisch begründet. Ein anderer Chat-Teilnehmer informierte die Polizei über diese Aussagen. Eine Sonderkommission der Polizei hatte auch mit Hilfe eines Phantombildes nach dem Täter gefahndet und eine Belohnung für sachdienliche Hinweise von 4.000 Euro ausgesetzt.
Rabbiner geht es besser
Bei der Messerattacke am vergangen Freitagabend war der 42 Jahre alte Rabbiner Zalman Gurevitch im Frankfurter Westend schwer verletzt worden. Der Täter hatte ihm ein Taschenmesser in den Bauch. Die Klinge war 7,6 Zentimeter lang.
Der Rabbiner hatte sich in ein Krankenhaus retten können, wo er sofort operiert wurde. Die Verletzung war nach Angaben der Polizei aber nicht lebensgefährlich. Dem schwergewichtigen Rabbiner kam dabei sein Leibesumfang zugute, der ihn offenbar vor einer tiefgehenden inneren Verletzung bewahrte. Inzwischen wurde von der Intensivstation auf eine normale Station verlegt. Er wird vermutlich noch einige Tage im Krankenhaus verbringen müssen.
Die Gewalttat hatte bundesweit Bestürzung ausgelöst. Nach Augenzeugenberichten ging die Polizei bisher davon aus, dass es sich um einem gezielten, antisemitischen Angriff und nicht um eine zufällige Tat gehandelt habe. Der Rabbiner, der der orthodoxen Glaubensgemeinschaft der Lubawitscher angehört, war durch seine Kopfbedeckung als jüdischer Geistlicher zu erkennen. Er war mit zwei Bekannten auf dem Nachhauseweg vom Gottesdienst in der Synagoge gewesen, als ihm der Täter mit seinen zwei Begleiterinnen in der Nähe des Frankfurter Polizeipräsidiums begegnet war und angesprochen hatte.
Die Frankfurter Staatsanwaltschaft hatte bestätigt, wonach der Täter Ich bring dich um, du Scheiß-Jude gerufen haben soll, bevor er sein Messer zückte und zugestochen hatte.
Ein neues Phänomen
Frankfurts Oberbürgermeisterin Roth versprach dem Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde, Salomon Korn, dass die Stadt alles tun werde, um dem Rassismus den geistigen Nährboden zu entziehen. Es dürfe nicht sein, dass durch diesen Angriff wieder Angst und Schrecken in das Leben der in Frankfurt wohnenden Juden einkehre.
Das hessische Landeskriminalamt (LKA) spricht von einem neuen Phänomen der politisch motivierten Kriminalität. Bisher seien antisemitische Übergriffe fast ausschließlich von Rechtsradikalen verübt worden. Wie LKA-Sprecher Udo Bühler mitteilte, treten inzwischen aber vermehrt auch Ausländer in Erscheinung, für die Judentum aufgrund ihrer Weltanschauung oder Ideologie ein Feindbild sei.
1346 politisch motivierte Straftaten wurden der Polizeistatistik zufolge im vergangenen Jahr in Hessen erfasst - in 64 Fällen handelte es sich um Ausländerkriminalität, worunter auch jene Straftaten fallen, die beispielsweise von muslimischen Gruppen ausgehen und sich gegen Juden richten. Wie viele es genau waren, ist nicht bekannt, weil antisemitische Übergriffe von Seiten muslimischer Täter in der Statistik nicht gesondert aufgeführt werden. Jedoch gibt es laut Bühler Überlegungen, dies zu ändern und differenzierter als bisher die Tätergruppen zu benennen.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: ddp