04. März 2004 Gesine Schwan war nicht viel Zeit geblieben. Beinahe wäre es am 18. Februar zu einem Gespräch mit Bundeskanzler Schröder gekommen. Möglicherweise hatte Schröder schon zu diesem Zeitpunkt Überlegungen und Fragestellungen, die in den Mai hineinreichten. Doch Gesprächsthema sollte die Zukunft der Arbeit der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) sein. Es kam anders.
Aus terminlichen Gründen wurde das Treffen tief in den März verschoben, weil die Politikwissenschaftlerin bis dahin in den Vereinigten Staaten zu tun hatte. Dort erreichte sie Schröder am Mittwochabend. Er fragte die Sozialdemokratin, ob sie Kandidatin der SPD und der Grünen für die Bundespräsidentenwahl sein wolle. Sie sagte zu. Am Morgen danach unterrichtete Schröder die Koalitionsspitzen. Die akzeptierten. Noch ehe die Führungen der Union und der FDP ihren Kandidaten öffentlich und formal bekanntgaben, tat Schröder das im Bundeskanzleramt. Sie sei eine "ausgewiesene Wissenschaftlerin" und eine "sehr glaubwürdige" Persönlichkeit, die für Offenheit und Modernität stehe. Schröder schätze sie seit langem, heißt es.
Die alten Juso-Zeiten
Doch machten die Zwischentöne Schröders und auch Bemerkungen des Fraktionsvorsitzenden Müntefering, die auf die alten Juso-Zeiten hinwiesen, Differenzierungen deutlich. Knapp 20 Jahre ist es her, daß Gesine Schwan aus der Grundwertekommission der SPD ausscheiden mußte. Die damals 41 Jahre alte Politologin zählte zum rechten Parteiflügel der SPD. Sie gehörte zu jenen Sozialdemokraten, die gegen alles einstand, was die junge Parteilinke propagierte. In Schriften und Reden stand sie - offenbar auch auf provokante Weise - für die sozialdemokratische Tradition sowie die Ziele des Bundeskanzlers Schmidt ein. Die Linke der Partei war gegen die Nachrüstung der Nato mit neuen Mittelstreckenraketen. Gesine Schwan war dafür. Die Parteilinke ging an Hochschulen und auf Demonstrationen Bündnisse mit dogmatischen und kommunistischen Gruppen ein. Frau Schwan warnte vor einer Zerfaserung der SPD nach links.
Schließlich warf sie - das war 1983 - dem damaligen SPD-Vorsitzenden Brandt vor, den Gegensatz zwischen Demokratie und Diktatur als reine Theorie zu bagatellisieren. Sie tat es in der Theorie-Zeitschrift der SPD "Neue Gesellschaft". Das war der letzte Stein des Anstoßes. Sie hatte die Grundwertekommission zu verlassen. Doch die Differenzen sind lange her. Allenfalls mögen sie noch eine taktische Rolle spielen - in den Augen Schröders und Münteferings ist Frau Schwan auch für die "bürgerliche" Mehrheit der Bundesversammlung wählbar. Entsprechend versicherte Schröder, sie sei nicht bloß eine "Zählkandidatin". Und der Grünen-Parteivorsitzende Bütikofer sagte: "Frau Schwan steht für ein modernes, europäisches Deutschland."
Die es verdient hat"
Ihre Tätigkeit an der "Universitas Viadrina" an der Grenze zu Polen ist eine der Gründe der Koalitionsspitze, sie als Kandidatin für das Präsidentenamt vorzuschlagen. Seit Herbst 1999 übt sie die Tätigkeit als Präsidentin der Europa-Universität in Frankfurt (Oder) aus. Wochen zuvor hatte sie noch vergeblich für die Präsidentschaft der Freien Universität in Berlin kandidiert und dabei - durchaus unüblich - einen kämpferischen Wahlkampf geführt. Sie blieb beharrlich. Nicht nur ihrer polnischen Sprachkenntnisse wegen galt sie zum Aufbau der östlichsten der deutschen Hochschulen als "Idealbesetzung". Die Universität ist zugleich Ausdruck der Erweiterung der Europäischen Union. Diese mit zusätzlichen Fundamenten zu versehen ist eines ihrer Ziele. es fügt sich, daß ein gutes Drittel der etwa 5000 Studenten dort aus Polen stammt.
Gesine Schwan wurde 1943 in Berlin geboren. Ihr Elternhaus ist zum protestantischen und sozialistischen Widerstand gegen den Nationalsozialismus zu zählen. Sie ging in Berlin auf das Französische Gymnasium zur Schule. An der Freien Universität und an der Universität in Freiburg studierte sie Politische Wissenschaften. In ihrer Dissertation setzte sie sich mit dem polnischen Philosophen Leszek Kolakowski auseinander - auf den sie 1997 die Laudatio zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels hielt. Nach einigen Jahren als Assistenzprofessorin an der FU Berlin wurde sie 1977 als Professorin für Politikwissenschaft dort berufen. Demokratie- und Sozialismustheorien gehörten zu ihren Schwerpunkten. Von 1992 bis 1995 war sie Dekanin am Otto-Suhr-Institut.
Frau Schwan engagierte sich seit den frühen siebziger Jahren in der SPD. Sie blieb auch in der Partei, als ihr Mann, der Politologe Alexander Schwan, die SPD verließ und in die CDU eintrat. Es scheint, als habe sie nie den leichten, angepaßten Weg gewählt. Die Studenten der Achtundsechziger-Bewegung waren nicht ihre Vorbilder. Heftig konnte sie ihnen widersprechen. Erst später, als die damals jungen Sozialdemokraten, in die Jahre gekommen waren, kam es zum Frieden mit ihnen. Frau Schwan sei eine Kandidatin, "die es verdient hätte, gewählt zu werden", hätte Müntefering beinahe gesagt. Rasch verbesserte er sich in ein "die es verdient hat".
Mit der 60 Jahre alten Politikwissenschaftlerin Gesine Schwan stellen SPD und Grüne eine Frau mit internationalem Profil für das Amt des Bundespräsidenten auf. Sie steht seit 1999 an der Spitze der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder).
Dort arbeitet sie in einem internationalen Umfeld: An der 1991 wiedergegründeten Viadrina (Lateinisch für an der Oder gelegen) studieren heute knapp 5100 junge Menschen. Dreißig Nationen verteilen sich an dieser östlichsten der deutschen Hochschulen auf drei Fakultäten, wobei ein Drittel aller Studierenden aus Polen kommt.
Sozialengagiertes Elternhaus
Gesine Schwan wurde 1943 als Tochter eines späteren Oberschulrats in Berlin geboren. Sie stammt aus einem sozia engagierten Elternhaus, das im Nationalsozialismus zu protestantischen und sozialistischen Widerstandskreisen gehörte und sich nach dem Krieg für die Freundschaft mit Polen einsetzte. Im letzten Kriegsjahr hatten die Eltern ein jüdisches Mädchen versteckt.
Politisch wurde sie auch durch die Studentenbewegung Ende der 60er Jahre geprägt. 1970 trat sie in die SPD ein, von 1977 bis 1984 war sie Mitglied der Grundwertekommission der Partei. Auf Grund ihrer abweichenden Meinung zum deutschlandpolitischen Parteikurs schied die zum konservativen SPD-Flügel gerechnete Wissenschaftlerin aus dem Gremium aus, gehört ihm aber seit 1996 wieder an.
Seit 1977 war Schwan Professorin für Politikwissenschaft an der Berliner Freien Universität. Sie war mit dem inzwischen verstorbenen Freiburger Politikwissenschaftler Alexander Schwan verheiratet. In den Vereinigten Staaten arbeitete sie als Dozentin in Washington, Cambridge und New York. Bevorzugte Forschungsgebiete der Wissenschaftlerin sind Demokratietheorie, Sozialismustheorie und Fragen des Marxismus. Zu diesen Themenbereichen hat sie zahlreiche Arbeiten publiziert. Die Musik- und Theaterliebhaberin ist Mutter zweier Kinder.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 5. März 2004
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