23. April 2006 Der Tatverdacht gegen die beiden Beschuldigten zum Überfall an einem Deutsch-Äthiopier in Potsdam hat sich nach Angaben der Bundesanwaltschaft erhärtet.
Generalbundesanwalt Kay Nehm teilte am Sonntag mit, nach dem Ergebnis der ersten molekulargenetischen Untersuchung komme der Beschuldigte Thomas M. für das am Tatort an diversen Bierflaschen-Glassplittern sichergestellte DNA-Material neben dem Geschädigten als Spurenleger in Betracht. Weitere Untersuchungen seien in Auftrag gegeben.
Nach dem Ergebnis der kriminaltechnischen Untersuchung der Stimmaufzeichnungen sei zudem der zweite Beschuldigte Björn L. wahrscheinlich einer der Sprecher des auf einer Telefon-Mailbox aufgezeichneten Gesprächteils, erklärte Nehm. Dessen Anwalt hatte erklärt, sein Mandant komme nicht als Tatverdächtiger in Frage, da er wegen einer Kehlkopfentzündung nur krächzen könne.
Schönbohm kritisiert Nehm
Unterdessen nimmt der politische Streit über die Hintergründe der Tat an Schärfe zu. Brandenburgs Innenminister Jörg Schönbohm sagte der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, es wäre nicht erforderlich gewesen, daß Nehm die Ermittlungen an sich zieht.
Er hat aus der Sache ein Politikum gemacht und zu einer Stigmatisierung Brandenburgs beigetragen, sagte der CDU-Politiker. Die Hinweise auf einen rechtsextremen Hintergrund der Tat seien zumindest fragwürdig (siehe auch: Koalition streitet über Mittel gegen Rechts).
Nehm wehrte sich am Sonntag, indem er ausdrücklich auf seine Zuständigkeit bei dem Fall verwies. Seine Entscheidung, das Verfahren zu übernehmen, richte sich allein nach den Vorschriften des Gerichtsverfassungsgesetzes. Politische Aspekte und Fragen der Qualität haben bei der Beurteilung dieser Rechtsfrage keine Rolle gespielt, betonte Nehm.
Deutsch-Äthiopier atmet zum Teil wieder aus eigener Kraft
Auch eine Woche nach dem Überfall befindet sich der Deutsche äthiopischer Herkunft weiter in Lebensgefahr. Der 37jährige Ingenieur atme jedoch zum Teil wieder aus eigener Kraft mit Unterstützung des Beatmungsgeräts, sagte der Geschäftsführer des Ernst-von-Bergmann-Klinikums in Potsdam, Wilhelm Kahle, am Sonntag. Wir sehen das als positive Entwicklung.
Der zweifache Familienvater, der ein Schädel-Hirn-Trauma erlitten habe, sei weiter im künstlichen Koma und nicht außer Lebensgefahr. Über mögliche Folgeschäden könnten die Ärzte noch keine Aussagen machen. Eine Prognose, wie lange der 37jährige noch im künstlichen Koma bleiben werde, wollte Kahle nicht abgeben. Sein Zustand stabilisiert sich weiter.
Der Deutsch-Äthiopier war an einer Bushaltestelle in Potsdam niedergeschlagen worden. Die Angreifer hätten dem Ingenieur einen einzigen, wuchtigen Faustschlag versetzt und ihm dadurch den Schädelknochen an einem Auge zertrümmert, erklärte die Bundesanwaltschaft.
Stichwort: DNA-Analyse
Die DNA-Analyse ist eines der wichtigsten Werkzeuge der Ermittler. Bereits aus winzigen Spuren mit Erbinformationen wie Blut, Sperma, Schuppen oder Haaren können Experten einen so genannten genetischen Fingerabdruck eines Menschen erstellen. Spuren mit Erbinformationen helfen bei der Identifizierung von Opfern und der Suche nach Tätern. Wenige Zellen reichen für eine Analyse bereits aus.
Das Verfahren ist jedoch aufwendig, da die DNA-Reste erst vervielfältigt werden müssen, ehe sie analysiert werden können. Als genetischen Fingerabdruck bezeichnen Experten bestimmte, über das gesamte Erbgut verteilte DNA-Abschnitte, die nach heutigem Wissen funktionslos sind. Diese Abschnitte unterscheiden sich wesentlich stärker von Individuum zu Individuum als diejenigen Erbinformationen, die Aufbau und Funktion des Organismus steuern. Die Wahrscheinlichkeit, daß zwei Menschen den gleichen genetischen Fingerabdruck aufweisen, wird auf 1 zu 30 Milliarden geschätzt.
Text: FAZ.NET mit Material von dpa und AP
Bildmaterial: AP, REUTERS