Thüringen

Das Kesseltreiben gegen Krause

Von Claus-Peter Müller, Erfurt

Peter Krause verzichtet auf die Kandidatur als Kultusminister

Peter Krause verzichtet auf die Kandidatur als Kultusminister

06. Mai 2008 Der Meinungskampf, der wochenlang gegen den designierten Kultusminister von Thüringen, Peter Krause, geführt wurde, ist seit der Wende ohne Beispiel. Krause wurde gleichermaßen von der NPD und der politischen Linken, der Linkspartei, der SPD und den Grünen, bekämpft - bis er am Montag aufgab. Die extreme Rechte geißelte Krause als „Polit-Umfaller“, weil er sich von der „Jungen Freiheit“ distanzierte, für die er 1998 vier Monate gearbeitet hatte. Zugleich lobte die NPD Krause ob seiner Bildung, über die der Literaturwissenschaftler zweifelsohne verfügt, sowie als ihren Inspirator, der der NPD mit seiner Sorge um die deutsche Sprache Vorlagen geliefert habe. Ein Lob von dieser Seite ist politisch tödlich; und der sächsische NDP-Politiker Gansel versteht sich auf die Verabreichung des süßen Gifts. Die Linken warfen Krause vor, dass er auch später noch in der „Jungen Freiheit“ publiziert hatte sowie dass er Beiträge im „Ostpreußenblatt“ und der Zeitschrift „Etappe“ veröffentlichte.

Die Zitate waren stets aus dem Kontext gerissen: So warf der SPD-Fraktions- und Parteivorsitzende Matschie Krause am 28. April vor, er relativiere die deutsche Verantwortung für den Holocaust. Matschie bezog sich auf ein Interview, das Krause für die Vertriebenenzeitung „Ostpreußenblatt“ vom 23.12.2000 geführt hatte. Dort behaupte Krause im Hinblick auf den Holocaust, schrieb Matschie, es gebe „eine historische Schuldmetaphysik, die auch jüngere Deutsche einbezieht und vor der Nation warnt“. Dieser Satz offenbare Krauses Gesinnung, folgerte Matschie: „Wer sie in den Bereich der Metaphysik, also des Spekulativen, verschiebt, spielt den Rechtsextremen in die Hände.“

Wortglauberei

Matschie sagte nicht, dass Krause das Interview mit dem früheren Vorsitzenden der Jungen Union Thüringen, von Witzleben, geführt hatte. Der Interviewte ist der Großneffe des nach dem 20. Juli 1944 hingerichteten Widerstandskämpfers Generalfeldmarschall Erwin von Witzleben. Das Interview war auch der Frage gewidmet, wie die Erinnerung an die Hitler-Attentäter wachzuhalten sei. Krause sagte zu Witzleben: „Nun gibt es eine historische Schuldmetaphysik, die auch jüngere Deutsche einbezieht und vor der Nation warnt.“ Dieser gab zurück: „Wir tragen Verantwortung dafür, dass sich die im Namen der Deutschen begangenen Verbrechen nicht wiederholen. Unsere Generation trägt aber keine Schuld, und wir sollten nicht mit gesenktem Kopf durch die Welt gehen.“

Die Grünen übernahmen das Zitat, ersetzten aber „Schuldmetaphysik“ durch „Schuldmetaphorik“ und folgerten trotz der Entstellung, sollte Krause Kultusminister werden, „kommt dies einem Schlag ins Gesicht aller Opfer der Nationalsozialisten gleich“. In einem Interview mit dem Mitteldeutschen Rundfunk jedoch bezeichnete Krause den Holocaust als „singuläres Verbrechen“ und stellte dessen Einzigartigkeit heraus.

Undurchsichtige Ereignisse

Ungeachtet dieser aktuellen Äußerung Krauses und des Kontextes, in dem das Interview vor acht Jahren stand, schrieb der Spitzenkandidat der Linkspartei, Ramelow, im Pressedienst seiner Partei, dass Krause in einer ganzen Reihe von Blättern der „Neuen Rechten“ Texte veröffentlicht habe. Es werde „immer undurchsichtiger, in welchem braunen Sumpf sich Herr Krause geistig bewegt“. Noch schwerer wiege, dass Krause auch in Interviews keine Klarheit über seine Positionen schaffe. Klar sei nur, „dass ein Mann, dem keine klare Distanzierung von den Verbrechen des Holocaust über die Lippen geht und der die Beteiligten am Attentat auf Hitler vom 20. Juli 1944 als Mittäter bezeichnet, als Kultusminister völlig ungeeignet ist“.

Mit Blick auf die geplante Vereidigung Krauses am Donnerstag dieser Woche schrieb Ramelow: „Vielleicht sollten am 8. Mai aus Protest für solche Betrachtungsweisen die nach dem Hitlerattentäter Claus Schenk Graf von Stauffenberg benannten Straßenschilder schwarz verhängt werden.“ Ein Sprecher der CDU-Fraktion sagte indes, von Krause eine Distanzierung von den Verbrechen des Holocaust zu fordern und ihm damit zu unterstellen, er stehe nicht in Distanz zu diesen, sei so, wie von Ramelow eine Distanzierung von der Pädophilie zu fordern.

Erklärungen der NPD als Steinbruch

Beschämend, wenn nicht entlarvend, war, dass sich die Kritiker Krauses ganz offenbar auf der Internetseite der NPD bedient hatten. Indem sie die Ergebnisse der NPD-Recherchen nach Krauses Autorentätigkeit ohne Quellenhinweis übernahmen, erwiesen sie sich als dienstbarer Geist des NPD-Politikers Gansel. Dieser spottete: „Gleich eine ganze Garde linker Spitzenpolitiker“ nutze seine Erklärung als Steinbruch. Gansel hatte darauf verwiesen, dass in der Ausgabe der „Etappe“, in der auch ein Beitrag von Krause stand, das Horst-Wessel-Lied in lateinischer Übersetzung abgedruckt gewesen sei. Gansel fragte im Internet: „Lernen Thüringer Gymnasiasten des Horst-Wessel-Lied auf Lateinisch?“ Gegenüber dem Deutschlandfunk stellte Krause klar, dass er für die Plazierung des Liedes der Nationalsozialisten in der Etappe keine Verantwortung trage. Er gehöre nicht der Redaktion an und habe daher nicht gewusst, welche Beiträge neben seinem veröffentlicht wurden.

Schwer wog, dass der Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, Volkhard Knigge, Krause ein ambivalentes Verhalten vorwarf. Er habe zu lange „seine Vergangenheit weichgespült und vernebelt“ und sich erst nach starkem öffentlichen Druck zu einer „Selbstdistanzierung“ durchringen können. Dies sei problematisch, da Krause als Kultusminister Vorsitzender des Stiftungsrates der Gedenkstätten wäre und damit auch „ein Vorbild im Kampf gegen Rechtsextremismus und rechte Grauzonen“.

Offenbar galt Krause angesichts der anhaltenden Angriffe für die Staatskanzlei als nicht mehr haltbar. Dem Vernehmen nach wurde auch der Druck aus der CDU-Parteizentrale in Berlin zu groß. Krause gab am Montag eine Erklärung ab, in der er seine Erschütterung über die Wucht der Angriffe darlegt (siehe unten). Ein weiter Teil der Thüringer Öffentlichkeit, der allerdings in der veröffentlichten Meinung nicht durchdringt, ist unabhängig von der jeweiligen parteipolitischen Bindung des Einzelnen entsetzt ob der Macht des Kesseltreibens gegen Krause. Zitieren lassen sich nur wenige Fürsprecher, denn sie wissen, dass sie mit den Kritikern Krauses auch künftig auskommen müssen.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP

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