Forschungspolitik

Elite-Institut KIT: „Aus Partnern wird eine Einheit“

Von Christian Schwägerl, Berlin

22. November 2006 Hoch hinaus wollen die Universität Karlsruhe und das Helmholtz-Forschungszentrum vor den Toren der Stadt. Für den Plan, zum „Karlsruhe Institute of Technology“ (KIT) zu fusionieren und einen gemeinsamen Präsidenten zu berufen, gab es Applaus von höchster Stelle: Im Exzellenzwettbewerb der Hochschulen wurde das Vorhaben, die Forschungskräfte zu bündeln, mit einem 1. Preis belohnt. Doch seit Dienstag ist eine vollständige Fusion wieder vom Tisch. Bundesforschungsministerin Annette Schavan (CDU) einigte sich mit ihren baden-württembergischen Kollegen Frankenberg und Pfister, mit dem Präsidenten der Helmholtz-Gemeinschaft, Mlynek, sowie mit Vertretern aus Karlsruhe darauf, es zunächst mit einer „strategischen Partnerschaft“ zu versuchen.

Gemeinsames Ziel sei das weitgehende Zusammenwachsen des Forschungszentrums Karlsruhe und der Universität Karlsruhe in einer strategischen Allianz unter dem Dach des KIT, heißt es in in einem Eckpunktepapier, das alle Beteiligten mittragen. Damit sollen die Missionen beider Einrichtungen, also die Exzellenzuniversität und das nationale Helmholtz-Forschungszentrum, bestmöglich verbunden werden. „Darauf aufbauend“ könnten neue Organisationsformen und Strukturen entstehen. Schavan sagte FAZ.NET am Mittwoch, die Bundesregierung habe ein großes Interesse daran, das prämierte Zukunftskonzept der Universität mit Leben zu erfüllen. Doch müßten beide Institutionen ihre spezifischen Missionen bewahren und auch für die Kooperation mit anderen Partnern offen sein. Auch sei nicht vorgesehen, daß der Universitätsrektor das Forschungszentrum leite oder umgekehrt.

„Aus Partnern wird eine Einheit“

Ein Hauch von MIT: die TU Karlsruhe

Ein Hauch von MIT: die TU Karlsruhe

Statt einer gemeinsamen Führung von Universität und Forschungszentrum durch einen KIT-Präsidenten soll es eine „verschränkte Mitgliedschaft“ des Universitätsrektors und des Vorstandsvorsitzenden des Forschungszentrums in den jeweiligen Führungsspitzen geben und später auch ein Stimmrecht. Damit machte Schavan deutlich, daß sie und Helmholtz-Präsident Mlynek einen neuen Vorstandsvorsitzenden für das zu neunzig Prozent vom Bund finanzierte Forschungszentrum bestellen werden.

Der Rektor und Vorstandsvorsitzende der TH Karlsruhe, Horst Hippler, sagte FAZ.NET, das KIT sei auf einem guten Weg. Der Weg zu einer Zusammenführung der beiden Institutionen sei vorgezeichnet: „Aus den Partnern wird in Zukunft eine Einheit“, sagte Hippler. Wichtig sei, daß das KIT beide Partner umfasse und alle Weichenstellungen gemeinsam vorgenommen würden. Das deutsche MIT müsse „eine Einheit sein, mit einer gemeinsamen Führung und einem gemeinsamen Vorstand“. Kooperationen allein seien nicht ausreichend: „Wir müssen unsere Zukunft gemeinsam entscheiden und eine gemeinsame Identität entsteht“, sagte Hippler. Er hob hervor, daß das vom Exzellenzwettbewerb prämierte Zusammenwachsen nicht ewig dauern dürfe: „In vier Jahren müssen wir erklären, was wir mit dem Geld aus dem Exzellenzwettbewerb gemacht haben“, sagte Hippler. Bis dahin müsse sich das KIT gut entwickelt haben.

Bis Mai 2007 sollen die Initiatoren des KIT nun einen konkreten Plan erarbeiten, wie sie an die Weltspitze kommen wollen. Denn die Idee hinter dem KIT ist, zum weltberühmten Massachusetts Institute of Technology (MIT) aufzuschließen.

MIT hatte Karlsruhe als Vorbild

Schon im Frühsommer gaben Universität und Forschungszentrum eine Fusion bekannt und präsentieren sich seither unter einer Internetadresse (www.kit.edu), die der des MIT (www.mit.edu) zum Verwechseln ähnelt. Die Juroren des Exzellenzwettbewerbs fanden den Plan am 13. Oktober so überzeugend, daß sie knapp ein Zehntel der ersten Förderrunde, insgesamt 96 Millionen Euro, für Karlsruhe zusagten. Nach Angaben von Teilnehmern der Jurysitzungen war die angestrebte vollständige Fusion ein wichtiger Grund dafür, Karlsruhe den Titel einer Exzellenzuniversität zu verleihen. Besonders der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), Ernst-Ludwig Winnacker, zeigte sich begeistert von der Verschmelzung universitärer und außeruniversitärer Forschung und von dem ambitionierten Ziel, mit der amerikanischen Ingenieursschmiede MIT gleichzuziehen.

Zwar wurde das MIT 1861 nach dem Vorbild der 36 Jahre älteren ersten deutschen Technikhochschule gegründet, doch seither haben sich die Verhältnisse umgedreht. Das kommt schon darin zum Ausdruck, daß Karlsruhe ganze fünf Nobelpreisträger hervorgebracht hat, das MIT aber allein sieben aktiv forschende Nobelpreisträger vorweisen kann, bei insgesamt 62 Laureaten und einem Jahresbudget von umgerechnet 1,6 Milliarden Euro. Die KIT-Partner bringen es zusammen auf 550 Millionen Euro.

Will nur “strategische Partnerschaft“: Forschungsministerin Schavan

Will nur "strategische Partnerschaft": Forschungsministerin Schavan

Diese Unterschiede bremsen aber keineswegs den Ehrgeiz der beiden KIT-Initiatoren, des Karlsruher Rektors Horst Hippler und des früheren Vorstandsvorsitzenden des Forschungszentrums, Manfred Popp, sondern beflügeln ihn: Eine „neue Dimension“ wolle man durch die Fusion erschließen, deutsche Technikwissenschaftler von der Abwanderung nach Amerika abhalten und schließlich mit dem MIT gleichziehen. Die Aufbruchsstimmung, in der die Initiatoren sagten, die Rechtsform des KIT sei ihnen „zunächst einmal egal“, ist nun gedämpft. „Da waren wir wohl etwas vorschnell“, sagt ein Beteiligter aus Karlsruhe. Schavan, die den Siegern des Exzellenzwettbewerbs in den höchsten Tönen gratuliert hatte, bekam von ihren Fachleuten sofort nach der Exzellenzentscheidung Bedenken gegen die geplante vollständige Fusion vorgetragen.

Zwei-Klassen-Gesellschaft überwinden

Es geht, wie so oft in der deutschen Forschungspolitik, um Zuständigkeiten, also darum, wer was bezahlt und wer Einfluß darauf hat, was erforscht wird: Der Bund möchte nicht wegen KIT ein ihm zugeordnetes Forschungszentrum verlieren. Zudem hat der Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft, Mlynek, Angst, daß sich nach dem Karlsruher Zentrum auch andere Mitglieder aus dem derzeit noch mächtigen Verbund verabschieden würden.

Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) hatte jüngst bereits entsprechende Versuche unternommen und wurde erst in letzter Minute zurückgepfiffen. Schavan hat mit dem Karlsruher Forschungszentrum, das einst ganz der Kerntechnik gewidmet war, selbst ambitionierte Pläne: Sie will dort ein Nationales Energieforschungszentrum und, so steht es im Eckpunktepapier, eine „Research School of Energy“ einrichten. Dabei soll es um Erneuerbare Energien ebenso gehen wie um Kerntechnik und Fusion.

Bund, Land und Karlsruhe einigten sich am Dienstag auf ein gemeinsames Vorgehen, doch die revolutionäre Idee einer Fusion von universitärer und außeruniversitärer Forschung wird mit angezogener Handbremse verfolgt. Das Projekt soll eigentlich die Zwei-Klassen-Gesellschaft, in der deutsche Wissenschaftler leben, überwinden helfen.

Außerhalb der Universitäten, etwa an Max-Planck-Instituten und Helmholtz-Zentren, sind Forscher sehr gut mit Mitarbeitern, Geräten und Labors ausgestattet. Der Bund zahlt kräftig mit, 90 Prozent im Fall des Forschungszentrums Karlsruhe. Weil sie nur wenig Zeit im Hörsaal verbringen, können Helmholtz-Forscher mit Hochdruck ihre Publikationslisten, das Maß allen Erfolgs in der Wissenschaft, verlängern. An den landesfinanzierten Universitäten sieht es oft anders aus: Ihre Wissenschaftler leiden unter chronischer Unterfinanzierung, engen Tarifkorsetten und hohen Lehrverpflichtungen.

Deutsche Forschungslandschaft bereichern

Daß die TH Karlsruhe im Vergleich zu anderen Universitäten extrem leistungsstark ist, prädestiniert sie Rektor Hippler zufolge für das KIT-Vorhaben: Die Fusion soll die deutsche Forschungslandschaft durch eine Bündelung von außeruniversitären und universitären Forschungskräften bereichern und vormachen, wie die Forschung an den Universitäten wieder einen Platz findet. Zugleich betonte aber Hippler, daß er nicht mit einem Flächenbrand rechnet. Die Konstellation in Karlsruhe sei „einmalig in Deutschland“. Schon lange arbeiten Universität und Forschungszentrum zusammen, besonders in der Nanotechnologie, der Materialforschung und der Energietechnologie. Bloße Kooperation reicht nach Ansicht der Initiatoren aber nicht aus: Man müsse „Gemeinsamkeiten institutionalisieren“, und das gehe am besten unter einem Dach. Zwar sollten Finanzen weiter getrennt abgerechnet werden, sonst soll aber alles zusammenfließen, besonders die Entscheidungsgewalt, in welche Forschungsprojekte das Geld gesteckt wird.

Schavan setzte nun aber durch, daß es keine Fusion gibt, sondern eine Holding, also eine enge Partnerschaft, aber kein Mischwesen aus Bundesforschungszentrum und Landesuniversität. Nur ausgewählte Forschungsbereiche und Themenfelder sollten zunächst organisatorisch zusammenarbeiten und später vielleicht zusammengelegt werden. Eine Verschmelzung der Institutionen Universität und Helmholtz-Zentrum sei schon wegen der verschiedenen Finanzierungsquellen nicht machbar. Schließlich zahle der Bund einen Großteil des Jahresbudgets von knapp 300 Millionen Euro. Auch die Föderalismusreform wird vom Bundesforschungsministerium als Argument gegen eine Verschmelzung vorgebracht. Die Zuständigkeiten von Bund und Ländern sollten durch die Reform stärker getrennt werden, eine vollständige Fusion würde dieser Logik zuwiderlaufen.

Was von der Strahlkraft, mit dem das KIT-Vorhaben nicht nur die Juroren des Exzellenzwettbewerbs begeistert hat, nach der Einigung vom Dienstag übrigbleibt, läßt sich schwer bestimmen. Einen Knalleffekt hat Bundesforschungsministerin Schavan verhindert, nun kommt es darauf an, daß die Bindungskräfte zwischen den Institutionen über einen längeren Zeitraum wachsen. Bis zu einem deutschen MIT ist es jedenfalls noch ein langer Weg.

Text: FAZ.NET
Bildmaterial: dpa, picture-alliance/ dpa, Quellen: Forschungszentrum Karlsruhe, TH Karlsruhe, MIT

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