Von Cornelia von Wrangel, Frankfurt
18. September 2007 Sie sind zu viert und schwärmen. Lilly sagt: Hier kann man den Lehrer duzen. Sie ist mit fünfzehn die Älteste. Der Stefan kann viel besser erklären, sagt David, mit zwölf Jahren der Jüngste. Denis findet das auch. Meine Mutter kann das nicht so. Und Sarah, ebenfalls vierzehn, gibt zu: Ich hebe mir alle Fragen bis Donnerstag auf. Bis Stefan sie beantwortet und dabei offensichtlich nie die Geduld verliert. Er muss ein toller Hecht sein.
Einmal in der Woche teilen sie sich diesen Stefan für anderthalb Stunden. Weil sie eine gemeinsame Schwäche haben: Englisch. Ihre Eltern bezahlen dafür, dass daraus eine Stärke wird. Büffelst du noch, oder lernst du schon? Vermutlich beides. Ich muss mich nicht dafür schämen. Das sagt Sarah auch - und hat recht.
Heute gehört Nachhilfe zum guten Ton
Früher, da war Nachhilfe etwas, das man tunlichst nicht weitererzählte, schon gar nicht den besseren Mitschülern, den Strebern. Erst kam der blaue Brief und dann die Reaktion der Eltern: Kind, es reicht, nun muss etwas geschehen. Danach tauchte daheim nachmittags ein älterer Noch-Schüler oder ein junger Schon-Student auf und ging mit einem zigmal die Matheaufgaben durch. Bis zur letzten Arbeit vor dem Versetzungszeugnis. In der stillen Hoffnung der Eltern, es möge etwas nützen.
Heute ist das anders, heute gehört Nachhilfe beinahe schon zum guten Ton, heißt es: Und wohin gehst du? Jeder dritte bis vierte Schüler - in den Gymnasien ist es jeder zweite - hat bis zum Ende seiner Schullaufbahn einmal private Hilfe beim Verstehen und Lernen bekommen. Sie pauken mit älteren Kollegen, mit Studenten, pensionierten oder noch aktiven Lehrern. Sie bilden den einen Teil eines privaten Bildungsmarktes, der sich in den vergangenen Jahren in Deutschland entwickelt und sich auf hohem Niveau eingependelt hat. Den anderen Teil bilden die kommerziellen Nachhilfe-Institute.
930.000 müssen nachsitzen
Nach den Worten von Cornelia Sussieck, der Vorsitzenden des Bundesverbandes Nachhilfe- und Nachmittagsschulen (VNN), existieren mittlerweile weit mehr als viertausend solcher Institute. Oft befinden sie sich nicht weit weg von einer Schule oder gleich mehreren Schulen. Bundesweit bekommen dort etwa 300.000 junge Leute Unterricht. Mit dem Graumarkt - den älteren Schülern, den Studenten und Lehrern - kommt der Verband auf geschätzte 930.000 Nachhilfeschüler in Deutschland.
Das ist eine stolze Zahl, die nicht nur etwas über den Zustand öffentlicher Schulen aussagt, sondern auch darüber, was Eltern inzwischen alles für die Bildung ihrer Kinder tun, weil sie offenbar dem öffentlichen Schulsystem misstrauen. Oder auch darüber, dass Eltern ebenfalls viel dafür tun, dass ihre Kinder nachmittags unter Kontrolle lernen, weil sie arbeiten und selbst keine Zeit dafür haben.
In Englisch von einer Vier auf eine Drei
Der Vater von Sarah, die in Wirklichkeit wie ihre Mitschüler anders heißt, ist Handwerker, ihre Mutter hilft im Betrieb mit. Seit zwei Jahren ist Sarah ständiger Gast bei einem Studienkreis- Institut in Frankfurt. Der Studienkreis, ein Unternehmen der Cornelsen Verlagsgruppe, ist einer der beiden großen Nachhilfe-Anbieter, der andere ist die Schülerhilfe. Wie sie existiert er seit mehr als drei Jahrzehnten, unterhält etwa tausend Filialen, vierzig Prozent davon werden von selbständigen Partnern geleitet.
Sarah kam zum Frankfurter Institut mit einer Vier in Englisch, jetzt hat sie eine Drei. Die möchte sie halten, deswegen lernt sie unter den bezahlten Augen des Ersatzlehrers, stellt sie ihm ihre Donnerstagsfragen, wenn sie in der Schule etwas nicht kapiert hat. In der Schule müsse alles so schnell gehen. Dabei müsste sie eigentlich immer etwas fragen, sagt Sarah, was sie aber nicht tut. Denn das findet sie auch wieder blöd.
Bis zu dreißig Euro für Einzel-Nachhilfe
Sarah ist so etwas wie der Prototyp des deutschen Nachhilfeschülers. Nach Angaben des Bundesverbandes Nachhilfe- und Nachmittagsschulen sind achtzig Prozent der Nachhilfeschüler in den Instituten keineswegs akut versetzungsgefährdet, sondern kommen, weil sie bessere Zensuren wollen. Meist geht es um Mathematik, Englisch und Deutsch. Das sind die Vierer-Leute. Zehn Prozent haben gar keine Not, sondern vielmehr gute Noten. Das gab es früher so nicht und auch nicht, dass nun schon viele Grundschüler in die Nachhilfe geschickt werden, damit sie ja den Sprung ins Gymnasium schaffen.
Große Klassen, Unterrichtsausfall, die Umstellung aufs achtjährige Gymnasium, Pisa-Schock, ein schwierigerer Arbeitsmarkt - es gibt viele Gründe für den gewachsenen Nachhilfe-Markt. In jedem Fall jedoch profitiert er von dem Wunsch der Eltern, ihren Kindern die beste Startchance ins weitere Studenten- oder Berufsleben zu geben. Und die ist ein hoher Schulabschluss. Dafür sind sie auch bereit zu zahlen, zumindest jene, die es sich leisten können.
Eine Dreiviertelstunde Gruppenunterricht mit bis zu vier Schülern kostet zwischen acht und zwölf Euro, eine Dreiviertelstunde Einzelunterricht zwischen achtzehn und dreißig Euro. Die Kinder derer, die dieses Geld nicht haben, schauen weiter dumm aus der Wäsche. Es sei denn, sie ergattern einen der Freiplätze, die die Institute manchmal vergeben. Bei einer Milliarde Euro liegt der Umsatz der nachhelfenden Branche, davon entfallen etwa 360 Millionen auf die Institute.
Die Schüler als Kunden
Für den Bildungsforscher Klaus Hurrelmann von der Universität Bielefeld haben sich die Nachhilfeinstitute zu einem dritten Schultyp gemausert, neben den öffentlich-rechtlichen Schulen und den Privatschulen, die sich auch nicht gerade über fehlende Schüler beklagen können. Im Gegenteil. Einmal abgesehen davon, dass die großen Institute aus Gründen der Seriosität inzwischen damit begonnen haben, ihren Ablegern ein Zertifizierungsverfahren zu verschreiben, sie mit einem Gütesiegel versehen, nennt Hurrelmann die Nachhilfegeber in einem Punkt vorbildlich.
Sie machten eine präzise Lernbestandsaufnahme, fragten jeden Neuling, wo es klemmt. Für eine solche Diagnose hätten die Lehrer in den öffentlichen Schulen keine Zeit, also konzentrierten sie sich auf die Mitte und blickten nicht nach oben oder unten. Anders ausgedrückt: Sie können aus einem Schüler nicht so viel herausholen.
Die Nachhilfeinstitute tun dies offensichtlich. Nach einer Studie verbessern 75 Prozent ihrer Schüler sich um ein bis zwei, teilweise sogar drei Noten. Ihr Verfasser, der Bielefelder Pädagogikprofessor Eiko Jürgens, hat zudem herausgefunden, dass manche sich obendrein in der Schule öfter meldeten, mehr Fragen stellten: weil die Institute dem Unterricht auch Lerntechnik und Lernstrategie beifügten. Der Erfolg hat freilich auch einen simplen marktwirtschaftlichen Grund: Wer kommerziell unterrichtet, sieht seine Schüler als Kunden, strengt sich an, sonst bleiben sie weg.
Jeder Sitzenbleiber kostet über 4000 Euro im Jahr
Macht also die Nachhilfe mittlerweile wett, was in den Schulen nicht geleistet werden kann? Ein Schwimmer kann in einem Wanderer keine Konkurrenz sehen, wiegelt Nachhilfe-Verbandspräsidentin Cornelia Sussieck ab. Wir helfen individuell, wir unterstützen das öffentliche Schulsystem, damit es seine Arbeit machen kann. Das macht dann seine Arbeit im besten Fall mit Schülern, die am Schuljahresende über die Runden kommen.
Ohne die institutionelle Nachhilfe und den grauen Markt der Studenten und Lehrer gäbe es in Deutschland, sagt Frau Sussieck, noch viel mehr Sitzenbleiber, als es ohnehin schon gibt: 250.000 von neun Millionen Schülern in jedem Jahr. Deutschland gehört damit zu den Ländern mit den meisten Sitzenbleibern. Sie verursachen jährlich 1,2 Milliarden Euro Kosten. Dadurch würden 12.500 Lehrer blockiert oder nicht eingestellt, um die Klassen zu verkleinern, rechnet Frau Sussieck weiter vor. Die Gymnasien schmücken sich mit dem Erfolg der Nachhilfe, merkt Eiko Jürgens dazu an.
Hang zur Rundumversorgung bei den Eltern
Wer sich wohl nicht mit diesem Erfolg schmücken will, sind die Lehrerorganisationen und die Kultusministerien. Auch wenn nach Angaben des Nachhilfe-Bundesverbandes 62,4 Prozent der Lehrer Nachhilfe für sinnvoll erachten und 86 Prozent schon selbst Nachhilfe gegeben haben. Das bayerische Kultusministerium nennt als eine Ursache für den Nachhilfeboom der vergangenen Jahre, dass immer öfter der gewünschte Abschluss über die weitere Schullaufbahn entscheide und nicht die tatsächliche Begabung eines Kindes.
Das Gute müsse nicht immer das Beste für ein Kind sein, heißt es auch aus Baden-Württemberg. Der Philologenverband wiederum registriert bei den Eltern einen Hang zur Rundumversorgung. Den Nachhilfeinstituten kann das nur recht sein. Ihr Verband geht ohnehin davon aus, dass mehr und mehr Schüler kommen werden - vor allem auch gute. Weil sie eine individuelle Betreuung wollten - und die könne ihnen die staatliche Schule nicht bieten. Vielleicht wird das einmal anders, wenn es überall Ganztagsschulen gibt.
Sarah sitzt in einer Klasse mit dreißig Schülern. Einer Klasse in der Größenordnung, in der es Lehrern schwerfällt, auf jeden Einzelnen einzugehen. Also wird Sarah weiter ihre Donnerstagsfragen stellen. Und wird sich weiter nicht dafür schämen.
Text: F.A.S.
Bildmaterial: Bischof , Franz, ddp, dpa