21. Februar 2006 Der Wind hat den Überschuß der Abfallkörbe auf Gehwegen und Grünstreifen verteilt. Das kanadische Fernsehteam, das die Stadt zum ersten Mal sieht und nichts vom Streik im öffentlichen Dienst weiß, muß Mannheim für die Metropole des Mülls halten. An den Häusern lagern Haufen gelber und hellblauer Säcke. Kalter Regen zeichnet das Bild weich.
Die Kanadier sind gekommen, um den Prozeß gegen Ernst Zündel zu beobachten. Zündel ist Schwabe, Sohn eines Holzfällers aus Calmbach im Schwarzwald, dort kam er im April 1939 zur Welt. 1958 wanderte er nach Toronto aus, laut Selbstauskunft aus Seelennot wegen des herannahenden Waffen- und Militärdienstes. In der Neuen Welt hat er sich dann zu einer Schlüsselfigur der Revisionisten entwickelt. Ihr Credo ist die Leugnung des Holocausts, die in Deutschland unter Strafe steht.
Beifall vom Publikum
Weil Zündel seine Botschaft auch hierzulande verbreitet, seit 1994 nicht zuletzt im Internet, ist in Mannheim auf Betreiben des inzwischen pensionierten Staatsanwalts Klein Haftbefehl gegen ihn ergangen. Die Freiheit der Rede genießt in der angelsächsischen Rechtstradition höheren Rang als in der kontinentaleuropäischen, dennoch war der fanatische Judenhasser Zündel auch in Kanada in mehrere Prozesse verwickelt.
Trotz Begehrens konnte er die kanadische Staatsbürgerschaft nie erlangen. Seit Februar 2003 saß er in Sicherungs- und Abschiebehaft. Vor einem Jahr wurde Zündel, der sich selbst ein Geschenk an die Welt nennt, als unerwünschte Person aus Kanada ausgewiesen und am 1. März nach Deutschland abgeschoben.
Als der kleine Mann in verwaschenen Jeans, hellblauem Hemd und gestreifter Krawatte vom Vollzugsbeamten in den fensterlosen Schwurgerichtssaal geführt wird, empfängt ihn das Publikum mit Beifall. Gut achtzig seiner Anhänger sind gekommen.
Die mittlere Generation fehlt
Etwa die Hälfte von ihnen ist im Rentenalter, Dreißiger- und Vierziger-Jahrgänge: Männer in weichen Schuhen und in Pullovern, die nicht aus der Mode kommen können, weil sie nie darin waren. Auch Frauen sind da, im selben Alter, mit mehr Aufwand zum selben Ergebnis gestaltet. Außerdem einige geschmackvoll gekleidete Damen mit weißen Haar, zurückgebürstet und im Nacken zusammengefaßt, mit ungeschminkten Gesichtern und lebhaften Augen.
Sie haben in ihrer Jugend bestimmt Else Urys Nesthäkchen-Romane gelesen, in denen das reformierte Weiblichkeitsideal natürlicher Frische ausgestaltet wurde. Die eine oder andere ist anderweitig ebenfalls wegen Volksverhetzung angeklagt.
Dasselbe gilt für die jungen Männer mit den auffallend kurzen Haaren im Publikum. Die meisten kommen aus dem Osten, wie die Sprachfärbung verrät. Die mittlere Generation fehlt, sie hat ihren Teil des Generationenvertrags zu erfüllen, auch heute, am zweiten Verhandlungstag.
Unterbrechung in Schwarz und Violett
Der Anlauf des Verfahrens liegt Monate zurück, er endete am 9. November mit der Entpflichtung der Verteidigerin Sylvia Stolz durch das Gericht. Außerdem strengte der Staatsanwalt Großmann wegen ihrer Ausführungen gegen sie ein Ermittlungsverfahren wegen Volksverhetzung an. Ein anderes ist in Lüneburg anhängig.
Inzwischen ist Fräulein Stolz, wie sie von ihren Verehrern genannt wird, zusammen mit Jürgen Rieger und dem greisen Dr. Herbert Schaller aus Wien Zündels dritte Wahlverteidigerin. Unentwegt fällt sie dem Vorsitzenden ins Wort. Kaum hat er ein, zwei oder drei Sätze hinter sich gebracht, erklingt schon ihr Herr Meinerzhagen. Dahinter steckt kein Mangel an Selbstbeherrschung: Fräulein Stolz kämpft um die Herrschaft über den Adrenalinspiegel des Vorsitzenden. Fähnchen um Fähnchen setzt sie in ihre Feldzugskarte, und jedes Fähnchen ist ein Nadelstich.
Fräulein Stolz ist Anfang Vierzig, aber sie hat sich einen mädchenhaften Körper erhalten und betont das, sofern sie nicht die Robe trägt, mit einem hautengen Strickkleid. Sie wiegt bestimmt keine fünfzig Kilo. Zum kleinen Schwarzen trägt sie schwarze Strümpfe, schwarze Schnallenschuhe im Rokokostil und einen mit kräftigen Violettönen spielenden Seidenschal, vom gleichen Violett wie die Reichsflagge unter dem Reichsadler auf ihrem Briefkopf - der Tintenstrahldrucker hat das Rot zum Weiß und Schwarz nicht hinbekommen.
Salbungsvoller Schulmädchenton
Darunter steht: In Geschäftsführung ohne Auftrag für das Deutsche Reich. Mit dunklem, zurückgeföntem Haar und dem blauen Lidschatten erinnert Fräulein Stolz freilich eher an modebewußte Avon-Beraterinnen der späten Sechziger. Sie kommt aus Ebersberg bei München, ihre Sprache ist kräftig bayerisch akzentuiert, doch die Stimme wiederum mädchenhaft hell. Mit diesem Diskant dringt sie durch.
Immer wieder wird Meinerzhagen damit aus dem Konzept gestochen, besonders auch beim Diktieren von Protokollvermerken, wo - schmerzliche Eigenart der deutschen Sprache - der Zusammenhang zwischen Satzanfang und -ende unterwegs allzu leicht verlorengeht. Dem Vorsitzenden platzt der Kragen, Fräulein Stolz säuselt über Lautsprecher: Herr Meinerzhagen, warum müssen Sie schon wieder herumschreien? Haben Sie das nötig.
Es gelingt ihr, nie die Stimme zu heben, während sie unterbricht. Es soll unschuldig wirken. Der Vorsitzende bekommt sein Rot gut hin, auf dem Gesicht. Ich heiße Dr. Meinerzhagen. Er wünsche, von der Verteidigung hier nicht als Privatperson angesprochen zu werden. Ich bin der Vorsitzende der Kammer und leite diese Verhandlung. - Herr Meinerzhagen... - Dr. Meinerzhagen! - Wünschen Sie, daß ich Sie mit ihrem Doktortitel anspreche? - Ich heiße Dr. Meinerzhagen und werde mit Herr Vorsitzender angesprochen. - Herr Meinerzhagen, ich nehme es zur Kenntnis. Ich rede Sie mit Ihrem Namen an. Dabei bleibt es. In salbungsvollem Schulmädchenton.
Gefühlstemperatur erreicht Höchstgrade
Niemand läßt sich gerne ins Wort fallen, ob mit Pauken oder Schalmeien. Der Vorsitzende hat darüber hinaus die Verhandlung zu leiten. Er ist, nach langen Jahren im Beruf und nicht mehr ewig von der Pensionsgrenze entfernt, daran gewöhnt, daß man ihn läßt. Fräulein Stolz hat nicht die Absicht. Ihr ist egal, ob der Richter sie mag oder ihren Mandanten.
Mit dessen Verurteilung rechnen alle fest - ob nun zu vier, fünf oder sechs Jahren, wie Günter Deckert sagt, der ehemalige NPD-Vorsitzende, der inmitten der Zuschauer sitzt. Auch er war schon wegen Volksverhetzung im Gefängnis. 1988 wurde er aus dem Landesdienst entlassen, legt aber vor dem kanadischen Reporter weiterhin Wert auf seine frühere Amtsbezeichnung: Ober-Studien-Rat: that is the highest degree for teachers.
Die Gefühlstemperatur im Saal hat ebenfalls Höchstgrade erreicht. Der Vorsitzende vernimmt drei Männer ein, die am zweiten Verhandlungstag, nach Schluß der Sitzung, die erste Strophe der Nationalhymne gesungen hatten.
Armes Deutschland
Der älteste der drei ist der 39 Jahre alte Handwerker Dirk Reinecke, er blickt als Angeklagter auf einschlägige Verfahren in Potsdam und Bernau zurück, auch ihn hat Fräulein Stolz verteidigt. Jetzt spricht er flammende Sätze. Die beiden jüngeren, Kevin K. und Silvio M., ebenfalls aus den neuen Ländern, kommen da nicht ganz mit und kargen mit Worten: Ich schließe mich dem an. Und, äh, ja.
Das Gericht verhängt für jeden 200 Euro Ordnungsgeld. Reinecke höhnt, er fühle sich geehrt, von diesem Richter verurteilt zu werden. So etwas hätte ich von einem deutschen Gericht nicht erwartet, ruft jemand. Es handelt sich hier ganz offensichtlich nicht um ein deutsches Gericht, erwidert Fräulein Stolz. Einer aus dem Publikum brüllt: Freisler! Der Staatsanwalt erhebt sich: Wer hat hier Freisler gerufen? Meld dich mal, Feigling.
Fräulein Stolz weist mit dem Finger auf den Staatsanwalt: Sie sind der Feigling. Der Feigling aus dem Publikum hat sich gemeldet, er war insofern doch keiner oder ahnt nicht, was ihn erwartet: vier Tage Ordnungshaft, sofortiger Vollzug. Die Polizei - das Landgericht wird in drei konzentrischen Ringen von Einsatzkräften gesichert - führt den Mann ab. Armes Deutschland, sagt Fräulein Stolz. Ihr Mentor, der mit Berufsverbot belegte Rechtsanwalt Horst Mahler, faltet die Hände über dem Bauch und lächelt fein.
Text: F.A.Z., 21.02.2006
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