Schießbefehl in der DDR

Die ganze Wahrheit muss ans Licht

Von Oliver Hoischen

Blick in den früheren Todesstreifen

Blick in den früheren Todesstreifen

12. August 2007 Niemand hat die Absicht, diese Mauer zu vergessen, mit ihrem Todesstreifen, den Wachtürmen, dem Schießbefehl. Genau vor 46 Jahren, am 13. August 1961, ist sie von Leuten gebaut worden, die noch heute zum Teil unsere Nachbarn sind.

Die Dreisten unter ihnen sagen, so schlimm sei das damals doch nicht gewesen. Die Feigen schweigen und wollen sich lieber nicht mehr erinnern. Damit stehen sie aber ziemlich allein.

Wie war das möglich?

In Berlin pilgern auch die Touristen scharenweise an die Gedenkstätten, schütteln im ehemaligen Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen nur den Kopf, stehen sprachlos an der Bernauer Straße, wundern sich über die Kreuze am Spreeufer. Wie war das? Und: Wie war das möglich?

Das Schicksal des Schauspielers Ulrich Mühe geht den Deutschen seit Wochen unter die Haut. Dessen spätere Ehefrau hatte mit der Stasi zusammengearbeitet. Weil er als Mauerwächter dienen musste, bekam er ein Magengeschwür, an dessen Folgen er nun starb.

Von wegen in die Luft schießen, oder auf die Beine, und vorher einen Warnruf abgeben. „Zögern Sie nicht mit der Anwendung der Schusswaffe, auch dann nicht, wenn die Grenzdurchbrüche mit Frauen und Kindern erfolgen“, steht in einer Dienstanweisung für eine Stasi-Sondereinheit aus dem Jahr 1973, die die Flucht allzu vieler Grenzsoldaten von Ost nach West verhindern sollte.

Ein Drittel des Archivs noch unerschlossen

Der allgemeine Schießbefehl für die DDR-Grenztruppen, den Erich Honecker und seine Leute immer leugneten, ist das zwar nicht. Aber das jetzt gefundene Dokument beweist, zu welcher Brutalität das DDR-Regime fähig war - sogar gegenüber Frauen und Kindern.

Der Fall zeigt noch etwas: Achtzehn Jahre nach der Wende ist ein Drittel des Archivs der Birthler-Behörde noch unerschlossen. Neue Technik hilft, die Tausenden zerrissener Schnipsel zusammenzufügen. Die geplante Eingliederung in das Bundesarchiv muss ebenso dazu beitragen, dieses Kapitel unserer Geschichte schneller aufzuarbeiten. Denn die ganze Wahrheit muss ans Licht.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 12.08.2007, Nr. 32 / Seite 12
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb

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