Von Oliver Hoischen, Berlin
22. Juli 2007 Schon der Alte Fritz hat es gewusst, als er ihren Anbau befahl: Nichts ist politischer als die Kartoffel. Die Wurzeln sollt ihr essen, nicht die Früchte, musste er seinen ahnungslosen, von Hungersnöten ausgezehrten Preußen hinterherrufen. Und noch heute ist die Kartoffel vielen ein einziges Rätsel. Das war auch Landwirtschaftsminister Horst Seehofer (CSU) klar, als er zu Wochenbeginn in Brüssel mit seinen EU-Ministerkollegen den Weg frei machte für die Aussaat von Amflora, was nicht irgendeine x-beliebige Kartoffel ist, sondern eine genveränderte. Und da wird die Sache heikel. Seit 1998 gab es das nicht mehr - ein gentechnisch verändertes Agrarprodukt, das für den Anbau in der EU zugelassen wird.
Linda, Bintje, Sieglinde, fest-, weich-, mehligkochend, damit kennen sich die Leute inzwischen aus, bei der Amflora aber läuft vielen ein Schauer über den Rücken, gerade in Deutschland. Niemand weiß das besser als Horst Seehofer. Und weil er im September das Amt des CSU-Vorsitzenden von Edmund Stoiber erben möchte, ist er noch vorsichtiger als sonst. Ausgesprochen wichtig ist ihm, darauf hinzuweisen, dass die Amflora nur für die industrielle Verwertung vorgesehen ist. Die EU-Kommission wird bei der Genehmigung entsprechende Vorgaben machen, die sicherstellen, dass die Amflora weder als Lebens- noch als Futtermittel verwendet werden darf, sagt Seehofer dieser Zeitung.
Stärke aus fast jeder vierten Kartoffel
So ist das mit der Kartoffel: Schon die Inkas brauchten sie zum Sattwerden, in Irland starben 1845 mehr als eine Million Menschen, als die Kraut- und Knollenfäule eine ganze Ernte vernichtete, die Nachkriegsdeutschen klauten vor lauter Hunger noch die letzte vom Feld - und heute ist sie gar nicht mehr unbedingt zum Essen da! Von den gut zehn Millionen Tonnen Kartoffeln, die noch jedes Jahr in Deutschland geerntet werden, sind kaum noch die Hälfte Speisekartoffeln. Aus fast jeder vierten wird inzwischen Stärke hergestellt - die braucht man, um Klebstoff flüssiger, Druckpapier glänzender und Zwirn fester zu machen.
Kurzum: Die gute alte Kartoffel hat sich längst zu einem nachwachsenden Rohstoff gemausert. Eine wie die Amflora, die immerhin elf EU-Minister in Brüssel nicht zulassen wollten: Sie ist eine solche Stärkekartoffel, allerdings zudem eine gentechnisch frisierte. Weil Stärke in einer Kartoffel aus zwei Komponenten besteht, aus Amylose und Amylopektin, die Amylose bei der Verarbeitung aber nur stört, ist bei ihr die Amylose mit Hilfe der Gentechnik einfach herausgedoktert worden - das spart später bei der Verarbeitung viel Wasser und Energie.
Fritten, Chips, Püreepulver und Tiefkühlgratin
Eine Kartoffel ist eine Kartoffel ist eine Kartoffel? Das stimmt längst nicht mehr. Ein Grundnahrungsmittel der Deutschen? Das auch nicht. Um 1900 aß hierzulande noch jeder durchschnittlich einen Kartoffelberg von jährlich 285 Kilo, was beinahe ein Kilo pro Person und Tag war und was erklärt, warum unsere Großmütter aus dem Kartoffelneinlagern, -schälen, -kochen, -braten immer so ein Bohei machten. Und wehe, die Schale war zu dick. Inzwischen ist der Verbrauch auf 63 Kilo gesunken - davon sind die Hälfte auch noch Fertigprodukte, also Fritten, Chips, Püreepulver, Tiefkühlgratin. Dieser Anteil nimmt stetig zu.
Die Centrale Marketing-Gesellschaft der deutschen Agrarwirtschaft hat herausgefunden, dass vor allem junge Singles und alleinstehende Senioren immer weniger frische Kartoffeln essen, einfach weil sie nicht mehr kochen oder Nudeln bevorzugen. Kartoffeln sind irgendwie altmodisch, ihr Image ist nicht wirklich gut: 93 Prozent der Befragten meinten, dass Kartoffeln vor allem satt machen, nur gut zwei Drittel finden sie noch zeitgemäß oder wissen, wie gesund sie sind. Viele finden sie typisch deutsch.
Die Weiterführung der modernen Züchtung
Doch mit dem Menschen verändert sich auch die Kartoffel. Längst sind wir in ein neues Kartoffelzeitalter eingetreten, dank Amflora, der Gentechnik-Kartoffel, entwickelt von dem Unternehmen BASF. Dessen Sprecherin, Susanne Benner, gibt gerne zu, dass die Sorte auch, kurz gesagt, ein gewisses Antibiotika-Resistenz-Gen enthält. Das hat die Bedenken mancher Bedenkenträger besonders heftig werden lassen - sie fürchten nun, dass derjenige, der die Kartoffel äße, auch gegen Antibiotika resistent werden könnte.
Frau Benner schließt das aus, zudem komme das Gen ja auch in der Natur vor. Dann erklärt sie, dass die Amflora strikt getrennt von den anderen Kartoffeln angebaut, transportiert und verarbeitet werden soll. Und sie verweist auf das Gutachten der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa), nach dem die BASF-Kartoffel so sicher für Mensch, Tier und Umwelt sei wie jede andere Kartoffel auch - selbst wenn man sie essen würde. Die Leute wissen viel zu wenig über die Produktion von Nahrungsmitteln und darüber, wie Züchtung funktioniert, meint Frau Benner. Nichts anderes ist die Biotechnologie ja: die Weiterführung der modernen Züchtung.
Künast: Bei ihm weiß man nie genau, was er will
Bei der BASF hat man darum noch einige Pläne: Das, was nach der Stärkegewinnung von der Amflora übrig bleibt, die sogenannte Pülpe, solle als Futtermittel genutzt werden dürfen, in Brüssel laufe schon ein entsprechender Antrag. Frau Benner hofft auf eine Genehmigung zur Anbausaison 2008. Ob Seehofer Wort hält und das verhindert?
Bei ihm weiß man nie genau, was er will, sagt die Grünen-Fraktionschefin Renate Künast, seine Vorgängerin im Amt. Gegenüber den Bauern äußert er immer Vorbehalte gegen die Gentechnik. Aber wenn es konkret wird, stimmt er dann doch zu. Wie jetzt in Brüssel. Sie meint, die Zulassung der Amflora sei ein Fehler, schließlich könne man nicht ausschließen, dass diese Kartoffel mit Lebensmitteln vermischt werde. Und das ist gefährlich, weil keinerlei Lebensmittelprüfung gemacht wurde, kritisiert die Grüne.
Auch vom Koalitionspartner kommt Widerspruch: Die SPD-Bundestagsabgeordnete Elvira Drobinski-Weiss findet die Brüsseler Entscheidung extrem problematisch. Dass Kartoffeln keine Pollen haben, die auf ein Nachbarfeld fliegen könnten, weiß auch sie. Aber sind Vögel nicht bekannte Kartoffeltransporteure? Und was geschieht eigentlich mit jenen Kartoffeln, die im Herbst auf dem Feld liegen bleiben? Ja, es gebe in der Koalition einen Kartoffelstreit, gesteht Frau Drobinski-Weiss.
Seehofer ist einfach populistisch
Dabei geht es auch um das Gentechnikgesetz: Das soll schon seit Beginn der Legislaturperiode novelliert werden, schließlich hatten sich die Koalitionspartner versprochen, die Gentechnik stärker als bisher zu fördern. Doch lange ist nichts geschehen. Seehofer ist einfach populistisch. So hätte auch Franz Josef Strauß die Modernisierung Bayerns nicht hinbekommen, klagt die FDP-Abgeordnete Christel Happach-Kasan. Der CDU-Mann Michael Kretschmer ist ebenfalls verärgert: Wer die Gentechnik-Forschung will, muss auch zu ihrer Anwendung ja sagen, meint er.
Zuletzt drängte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am Mittwoch, das Gesetz müsse zügig vorgelegt werden. Da gab sich Seehofer einen Ruck: Vorgestern wurde bekannt, dass er den Gesetzentwurf endlich zustande gebracht habe, am 8. August soll das Kabinett darüber beraten. In dem Text geht Seehofer auf die Gentechnikskeptiker offenbar weiter zu. Man sieht: Diese Kartoffel ist ihm zu heiß.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 22.07.2007, Nr. 29 / Seite 4
Bildmaterial: ddp, dpa, F.A.Z. - Matthias Luedecke, picture-alliance/ dpa