27. August 2007 Ein guter Tag“, sagt der Chinese mit der schwarzen Haartolle, die er nach rechts gescheitelt trägt. Sein Sakko hat er im Auto gelassen, die Krawatte abgelegt, den obersten Hemdknopf geöffnet. So schönes Wetter“, trällert er beschwingt und zeigt nach oben. Die Vögel singen.“ Nun wartet er auf seine Verabredung hier im Zhongshan-Park, der an die Verbotene Stadt inmitten von Peking grenzt. Mit der, auf die er wartet, wolle er einen Spaziergang machen, ein tiefes Gespräch mit Gefühl führen“. Der Mann, der hier unter Lärchen plaudert, heißt Wen Jiabao und ist Ministerpräsident. Er wartet auf die deutsche Bundeskanzlerin.
Ministerpräsident Wen wirkt entspannt, als habe er Feierabend. Die Luft ist lau an diesem späten Montagnachmittag, sie drückt nicht mehr so schwül wie am Morgen, als sein Arbeitstag begann. Da begrüßte er Angela Merkel mit militärischen Ehren in Chinas Hauptstadt. Gemeinsam schritten sie die militärische Ehrenformation auf dem Ostplatz der Großen Halle des Volkes ab, er links, sie rechts und beide um Gleichschritt bemüht. Dann sprachen sie über die Beziehungen ihrer beiden Länder. Um Wirtschaft ging es vor allem. Die Bundeskanzlerin hat auch den Schutz des geistigen Eigentums angesprochen“, hatte er danach der Presse gesagt und dabei freundlich gelächelt. Und den Umweltschutz, auf den Deutschland dränge, nähme China ebenso ernst. Jemand hatte ihn gefragt nach Angriffen von Computer-Hackern. Er stimme zu, dass so etwas nicht gehe, sagte Wen. Entschlossene Maßnahmen“ kündigte er an.
Kontakt mit der Bevölkerung
Nun also wartet er seit einigen Minuten auf das dritte Treffen mit Frau Merkel an diesem Tag. Hinter ihm hält knirschend eine Limousine im Sand des Parkwegs. Frau Merkel steigt aus. Die beiden Regierungschefs stehen nun allein nebeneinander. Wen Jiabao redet auf Frau Merkel ein und gestikuliert dazu. Sie schaut ihn mit großen Augen an, nur selten nickt sie, denn Wen spricht chinesisch mit ihr. Das Protokoll hatte selbst beide Dolmetscher verscheucht, damit es auf den Filmaufnahmen zweisam wirkt. Nun dürfen die Übersetzer wieder näher treten. Wie alt ist dieser Tempel?“, fragt die Kanzlerin – mehrfach. Wen antwortet, dass dieses rote Holzhaus für Fruchtbarkeit stehe und aus der Mingh-Zeit stamme. Ja, aber wann war das?“, fragt Frau Merkel. Vor 600 Jahren“, sagt Wens Dolmetscher, der den ganzen Spaziergang hinter seinem Chef schreitend mitmacht.
Die Bundeskanzlerin will wissen wie lange der Park denn auf hat. Bis 22 Uhr“, sagt Wen, ohne zu überlegen, als sei er jeden Abend hier. Er wolle Frau Merkel Kontakt mit der Bevölkerung“ ermöglichen. Da zu der Bank“, sagt Chinas Regierungschef zu ihr. Auf der grünen Holzbank unter zwei Lärchen sitzt ein junges Paar, das die Menschentraube hinter Kanzlerin und Ministerpräsident unbeeindruckt auf sich zukommen sieht. Was machen Sie?“, fragt Frau Merkel, nachdem Wen sie dem Pärchen vorgestellt hat. Der junge Chinese sagt, er sei Computertechniker. Hardware oder Software“, will die Bundeskanzlerin wissen. Ministerpräsident Wen lächelt gütig und wartet interessiert auf die Antwort des jungen Mannes. Gibt es bei Ihnen einen Betriebsrat?“, fragt Frau Merkel weiter, irgendeine Arbeitnehmervertretung?“ Dem Mann von der Bank rinnt eine Schweißperle die Wange hinunter, sein Nacken glänzt feucht.
Und draußen wühlen Frauen im Müll
Besucht werden auch junge Mütter mit ihren braven Kindern, die auf der Bank gegenüber sitzen. Die eine sagt, sie habe Maschinenbau studiert. Die andere antwortet, sie sei Lehrerin, sie spricht fließend Englisch. Ihren Jungen fragt Frau Merkel: Weißt du, wer ich bin?“ Der nickt verlegen und überlegt angestrengt wie jemand, der Eingelerntes zu erinnern sucht. Auf den anderen Bänken unter den weiteren Bäumen der blankgefegten Allee sitzen weitere Paare. Zwei Brettspieler hier, zwei Alte dort, die sich unterhalten. Wieder andere lesen. Alle wirken angestrengt unangestrengt, niemand scheint den Besuch von Kameraleuten und den so zufällig vorbeispazierenden Regierenden zur Kenntnis zu nehmen.
Ministerpräsident Wen wählt einen Weg hinter einem Mäuerchen, und siehe da, hier spielen vier Mädchen konzentriert Diabolo“, das urchinesische Spiel. Zwei Stöcker, dazwischen ein Bindfaden, auf dem balancierend ein Kegel in Schwung gehalten wird. Wen Jiabao übernimmt die Stäbe, er verheddert den Faden. Die Mädchen freuen sich und bieten auch Frau Merkel ihr Spielzeug an. Ihr gelingt das kleine Kunststück, und die Mädchen klatschen freudig. Eine nennt die Bundeskanzlerin sogar beim Namen. Das hat man euch vorher gesagt“, fragt darauf die Bundeskanzlerin und lacht dabei. Sie haben uns doch schon einmal besucht“, antwortet schlagfertig die Jugendliche. Ministerpräsident Wen lacht nun auch und nickt. Er geht mit seinem deutschen Gast weiter zum Teehaus. Dort sitzen herausgeputzte Familien bei Gebäck. Frau Merkel und Wen setzen sich hinzu, die Gäste klatschen, manche fotografieren.
Von draußen ist das Parkgelände abgesperrt mit rot-weißen Schranken, an denen Soldaten und Polizisten wachen. Zwei Frauen durchwühlen Mülltonnen. Sie schrauben den Kunststoff von weggeworfenen Wasserflaschen und knibbeln die Etiketten ab, um beides in getrennte Tüten zu stopfen. Neben ihnen schlafen zwei dreckige Personen vor einem Schaukasten, in dem ein Plakat mit Olympiaringen hängt: Beijing 2008“ steht darauf. Das bekommt die Bundeskanzlerin nicht zu sehen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, dpa, REUTERS