Rechtsextremismus im Osten

Mügeln und der Rest der Welt

Von Frank Pergande

Was passiert ist in Mügeln, wächst in den Medien zu einem unfassbar gigantischen Ereignis

Was passiert ist in Mügeln, wächst in den Medien zu einem unfassbar gigantischen Ereignis

25. August 2007 Wo immer es in Ostdeutschland einen Vorfall mit Ausländern gibt, wird daraus eine Schlagzeile. Man kann so Ostdeutschland vom Fernseher aus kennenlernen und sich dabei ordentlich gruseln: Rostock, Eggesin, Guben, Sebnitz, jetzt Mügeln im schönen Sachsen.

Die Dramaturgie ist immer die gleiche. Zuerst setzt sich die Medienkarawane in Bewegung. Dann folgt allgemeine Betroffenheit, es werden Ratschläge für mehr Zivilcourage erteilt, besonders gern von Claudia Roth. Dann kommen die Gegendemonstranten. Dann werden die Mittel für den „Kampf gegen Rechtsextremismus“ aufgestockt.

Ein Ort im Schockzustand

So werden kleine, stille Orte in den Ausnahmezustand versetzt. Bürger und Kommunalpolitiker werden überrollt von den kamerabewehrten Feldzügen moralischer Gewissheit im Kampf gegen Neonazis. Was immer die Einheimischen sagen, wird gegen sie ausgelegt. Beim Bürgermeister von Mügeln verstand es Frau Roth sogar, ihm gleichsam aus der Ferne über den Mund zu fahren. Wenn er sagt, Rechtsradikale gebe es in seiner Stadt nicht, dann habe er eben keine Ahnung von seiner Stadt. Was passiert ist in Mügeln, wächst in den Medien zu einem unfassbar gigantischen Ereignis, einer „Ausländerhatz“ mit „rechtsextremen Schlägern“. In der Wortwahl ist man nicht zimperlich, in der Interpretation des Geschehens auch nicht. Nicht einmal die Kanzlerin kommt umhin, den Vorfall in Mügeln verurteilen zu müssen.

Dass man da voreilig sein kann, hatte seinerzeit im Fall Sebnitz Kanzler Schröder erfahren. Aber das macht nichts, denn nach ein paar Tagen ist die Welle abgeebbt. Der Ort, den es gerade getroffen hat, bleibt im Schockzustand zurück. Später klärt sich manchmal der Sachverhalt auf. Bei den Sebnitzern musste Abbitte geleistet werden. Aber wen interessiert das dann noch? Wem ist das peinlich? Dass es immer wieder zu solchen Übertreibungen kommt, hat mit dem verbreiteten Urteil zu tun, Ostdeutschland sei ohnehin eine verkommene Gegend, in der Ausländerhatz und Rechtsradikalismus zum Alltag gehörten. Ist das Urteil oder Vorurteil?

Die Älteren rühmen die DDR

Die Antwort ist nicht so einfach. Vielleicht hilft es, einmal die Sicht der Mügelner einzunehmen - oder der Rostocker, Eggesiner, Gubener, Sebnitzer. Sie nämlich fühlen sich, wenn sie wieder allein sind mit sich und ihren Alltagsnöten, in ihrer Meinung bestätigt, dass der Rest der Welt sie sowieso für verkommen, ausländerfeindlich und überhaupt für nicht ganz bei Trost hält. Das hat mit einer fundamentalen Erfahrung der Ostdeutschen zu tun, die sie mit der deutschen Einheit verbinden. Sie fühlen sich abgewickelt, diskriminiert, überrollt, bevormundet. Sie sehen sich als Bürger zweiter Klasse. Weil sie es so sehen, kehren sie im Geist zurück zu den alten Zeiten.

Die Älteren rühmen die DDR, obwohl sie es besser wissen müssten. Den Jüngeren wird die DDR aus den Erzählungen der Älteren zum Land, in dem Milch und Honig flossen. In den Gesprächen der Ostdeutschen ist immerzu von der DDR die Rede und davon, welche schlitzohrigen Heldentaten man damals vollbracht habe - nicht politisch, sondern um eine Versorgungslücke zu schließen. Alte DDR-Rituale werden heiliggesprochen, die kollektive Frühstückspause etwa. Wer neu hinzukommt, wird sofort gefragt, ob er aus dem Osten oder dem Westen sei. Letzteres ist von Übel. Wem die Grunderfahrung der Deklassiertheit fehlt, gehört nicht dazu. „Wessi“ ist zu einem ostdeutschen Schimpfwort geworden.

Viele Ostdeutsche begegnen ihrer Fremdheit im eigenen Land so, wie früher die DDR auf die Zumutung der Welt geantwortet hat - mit Abschottung. Die eigene kleine Welt reicht, sie ist kompliziert genug. Neues, Ungewohntes, Fremdes ist nicht willkommen. Diese Reserviertheit trifft auch Ostdeutsche selbst: jene, die das DDR-Ende als die Chance ihres Lebens gesehen haben. Dass die meisten von ihnen fortgegangen sind, freiwillig oder auf der Suche nach Arbeit, verstärkt das ostdeutsche Problem, sich in der gesamtdeutschen, in der globalisierten Welt, eben in der Freiheit nicht zurechtzufinden.

Es mangelt an Ausländern

Die Auswirkungen sind mitunter vertrackt. Im Tourismus etwa. So perfekt die Infrastruktur inzwischen ausgebaut ist, sosehr die Reiseziele in den neuen Ländern lohnen, so wichtig der Wirtschaftsfaktor Tourismus ist, es fehlt die Gastfreundschaft, eine aufrechte Herzlichkeit und Neugierde gegenüber den anderen. So setzt ein Teufelskreis ein. Der schlechte Ruf Ostdeutschlands führt dazu, dass Ärzte fortbleiben, die dringend gebraucht werden, Unternehmer, die Arbeitsplätze schaffen könnten, ehemalige Ostdeutsche, die gern in die Heimat zurückkehren und dort etwas aufbauen würden. Es mangelt überhaupt an Leuten, die dem in der DDR so gründlich proletarisierten Osten Bürgerlichkeit, Christlichkeit zurückbringen könnten. An Ausländern mangelt es sowieso.

Viele Ostdeutsche sind es weiter gewohnt, dass nicht sie selbst für sich verantwortlich sind, sondern der Staat. Die gewaltigen Förderprogramme für den Osten haben dem Vorschub geleistet. Heute ist vielleicht nicht mehr so sehr die wirtschaftliche Lage das Hauptproblem des Ostens, sondern der seelische Defekt, das Minderwertigkeitsgefühl in allen seinen Verirrungen, den Rechtsextremismus eingeschlossen. Dagegen, wie üblich, mehr Geld und mehr Programme zu setzen, taugt nichts.

Es zeigt vielmehr, wie hilf- und ratlos die Gesellschaft inzwischen den ostdeutschen Merkwürdigkeiten gegenübersteht. Und wie desinteressiert sie ist, wenn nicht gerade wieder Zwischenfälle mit Ausländern die Betroffenheitsreflexe in Gang setzen. Vielleicht wäre es hilfreich, wenn Mügeln Gelegenheit bekäme, seine Probleme in Ruhe und mit Augenmaß selbst zu lösen und denen, die Inder schlagen, die Ohren langzuziehen, wie man früher sagte. Und wenn Frau Roth einfach mal schweigt.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Die perfekte Wohnung oder das ideale Haus zum Kaufen oder Mieten: Jetzt über 960.000 Angebote bei Immowelt.de und FAZ.NET!

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche