18. November 2008 Mit weniger als zwei Stunden naturwissenschaftlichem Unterricht gelingt es offensichtlich nicht, Schülern angemessene Kenntnisse zu vermitteln. Schüler brauchen gerade in den Naturwissenschaften Lerngelegenheiten. Das belegen die ostdeutschen Länder mit einer während der DDR-Zeit gewachsenen Tradition des naturwissenschaftlichen Unterrichts: Im Spitzenland Sachsen gibt es keine Abwahlmöglichkeiten für die naturwissenschaftlichen Fächer in der Oberstufe. Außerdem erhalten in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen mehr als 40 Prozent der Schüler vier oder mehr Stunden naturwissenschaftlichen Unterricht in der Woche.
Im Gegensatz dazu liegt der naturwissenschaftliche Stundenanteil bei fast der Hälfte der Schüler in Hamburg, Rheinland-Pfalz und im Saarland bei weniger als zwei Stunden pro Woche. Überall wird an den Gymnasien mehr Unterricht in den Naturwissenschaften erteilt als an anderen Schularten. Besonders viele Stunden sind an Gymnasien in Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein und Thüringen vorgesehen.
Geringere Leistungen bei erfahrungsorientiertem Unterricht
Besonders niedrig liegt der naturwissenschaftliche Stundenanteil in Brandenburg, Bremen und Hessen. Grundsätzlich aber böten die Gymnasien günstige Lernbedingungen für die Naturwissenschaften, heißt es im Pisa-Ländervergleich. In allen Ländern hat sich der Anteil der Gymnasiasten erhöht, was nach Angaben der Kultusministerkonferenz nicht zu Lasten der Leistungen ging.
Doch nicht nur der Anteil der Unterrichtsstunden spielt eine Rolle, sondern vor allem die Unterrichtsform, die in dieser Erhebung mit untersucht wurde. Wo Schüler im Unterricht die Gelegenheit haben zu experimentieren, eigene Ideen zu erklären oder naturwissenschaftliche Konzepte auf die Welt außerhalb der Schule zu übertragen (globale Aktivitäten“), sind die Leistungen am niedrigsten. Wo Schüler seltener experimentieren, dafür aber häufiger Schlussfolgerungen ziehen, erreichen sie höhere Leistungswerte.
Traditioneller Unterricht fördert kognitive Fähigkeiten
Die besten Leistungen allerdings erzielen Schüler dort, wo das Experimentieren und Forschen nicht im Zentrum des Unterrichts steht, sondern ein lehrergeleiteter Unterricht mit hohen kognitiven Anforderungen vorherrscht. Allerdings gelingt es dabei weniger gut, das Interesse der Schüler zu wecken. In Bayern, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und Thüringen kommt häufiger traditioneller Unterricht vor (der Vorsprung liegt zwischen 20 und 50 Punkten).
In allen Ländern mit Ausnahme Niedersachsens schneiden die Jungen in den Naturwissenschaften besser ab als die Mädchen, beim Lesen schneiden die Mädchen in allen Ländern besser ab. Die Differenz variiert zwischen 24 Punkten im Saarland und 49 Punkten in Niedersachsen zugunsten der Mädchen. Zugleich bleiben die Lesekenntnisse am stärksten von der sozialen Herkunft abhängig. In Mathematik sind die Jungen überlegen, wobei die Differenz zwischen Jungen und Mädchen in Niedersachsen und Rheinland-Pfalz äußerst gering ist.
Leseförderung nicht nur im Deutschunterricht
Eine wichtige Aufgabe sieht der deutsche Koordinator der Pisa-Studie 2006, der Direktor des Instituts für die Pädagogik der Naturwissenschaft (IPN) an der Universität Kiel, Manfred Prenzel deshalb darin, Jungen im Lesen und Mädchen in Mathematik und Naturwissenschaften so zu fördern, dass der deutsche Durchschnitt angehoben wird. Die Leseförderung in der gesamten Sekundarstufe sei grundlegend - und zwar nicht nur im Deutschunterricht, sagte Prenzel bei der Vorstellung der Pisa-Ergebnisse.
Dabei wurden insgesamt 40.000 Schüler im Alter von 15 Jahren aus 1500 Schulen getestet. Die Stichprobengröße pro Land liegt bei 2500 Schülern. Im internationalen Vergleich Pisa-2006 wurden 225 Schulen gestestet. Die Testbeteiligung in Deutschland lag in den einzelnen Ländern weit über dem geforderte Wert (80 Prozent), nämlich zwischen 86 und 95 Prozent (in Sachsen-Anhalt und im Saarland).
Hauptschulen vom kommenden Jahr an im Vergleichsverfahren
Den Pisa-Ländervergleich wird es in Zukunft nicht mehr geben, er soll durch Vergleichstests aufgrund der Bildungsstandards ersetzt werden. Nach öffentlichen Protesten gegen das Vorhaben, die Hauptschulen aus den Vergleichstests auszunehmen, haben sich die Kultusminister unmittelbar nach der Bekanntgabe der Pisa-Ergebnisse darauf geeinigt, die Hauptschulen schon vom kommenden Jahr an einzubeziehen.
An den Hauptschulen finden sich auch nach dieser Studie die meisten Risikoschüler, die weder im Lesen noch in Mathematik und Naturwissenschaften über das Grundschulniveau hinausgelangen und als 15 Jahre alte Neuntklässler vier Schuljahre hinterherhinken. Besonders hoch ist der Anteil der Risikoschüler in den Stadtstaaten, besonders gering in Sachsen. In Berlin liegt der Anteil der Risikoschüler im Lesen bei über 70 Prozent, in Mathematik und den Naturwissenschaften bei knapp 70 Prozent.
Unheilvolles Konglomerat in den Stadtstaaten
Sachsen gelingt es, die Gruppe der Leistungsschwachen klein zu halten. Sie liegt in den Naturwissenschaften unter zehn Prozent, im Lesen und in der Mathematik bei gut zwölf Prozent. Entsprechend gering ist die Leistungsstreuung innerhalb der Mittelschulen (3,6 Prozent) und in den Gymnasien (6,7 Prozent). Während der Einwandereranteil in den ostdeutschen Ländern unter zehn Prozent liegt, sind es in den Stadtstaaten sowie in Nordrhein-Westfalen, Hessen, Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg weit über 20 Prozent.
In den Stadtstaaten bilden Einwanderung, bildungsferne Schicht und Sprachprobleme ein unheilvolles Konglomerat von Problemen. Noch immer sind ausländische Jugendliche in allen Schulen unterrepräsentiert, die zu einem höheren Abschluss führen. Wie in der vorangegangenen Pisa-Studie schneidet die sogenannte zweite Generation schlechter ab als die erste. Als entscheidend für bessere Ergebnisse hat sich auch dieses Mal erwiesen, ob zuhause Deutsch gesprochen wird oder nicht.
Die Präsidentin der Kultusministerkonferenz, die saarländische Kultusministerin Kramp-Karrenbauer (CDU) künndigte an, leistungsschwächere Schüler und Jugendliche mit Migrationshintergrund sollten künftig unter Berücksichtigung ihres sozialen Umfelds gezielter gefördert werden. Sie müssten zusätzliche Lern- und Betreuungsangebote erhalten. Außerdem solle die durchgehende Sprachförderung der Sekundarstufe I kontinuierlich ausgebaut werden.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, ddp, dpa, F.A.Z.