14. Februar 2008 Mit einer Ansprache an seine hier lebenden Landsleute hat der türkische Ministerpräsident in der deutschen Öffentlichkeit heftige Kritik ausgelöst. FAZ.NET dokumentiert die erste Hälfte der weitgehend frei gehaltenen Rede Erdogans, in der er über die Integration der Türken in Deutschland und das Verhältnis seines Landes zur EU spricht. Der Text ist eine vom Bundespresseamt zur Verfügung gestellte Übersetzung eines Tonmitschnitts. Die zweite Hälfte der Rede handelte von innenpolitischen Erfolgen in der Türkei und wird hier nicht dokumentiert.
Meine sehr verehrten Mitbürger, liebe Schwestern und Brüder, unsere verehrten Botschafter, die ihr den Duft der anatolischen Erde, jene anatolische Sensibilität bis nach Deutschland, in die Mitte Europas, getragen habt, meine Damen und Herren, ich grüße Sie alle aus tiefstem Herzen. Ich grüße jeden Einzelnen von Ihnen mit Liebe und Respekt.
Heute ist die Stadt Köln Zeuge eines bedeutungsvollen Programms. Heute wird von hier aus die Botschaft von Brüderlichkeit, Freundschaft, Solidarität und Frieden nach ganz Europa und in die gesamte Welt übermittelt. Die türkische Gemeinschaft in Deutschland demonstriert heute wieder einmal der ganzen Welt den durch Liebe, Freundschaft und Zuneigung geprägten Charakter unseres Volkes.
Die türkische Gemeinschaft ist eine Gemeinschaft der Liebe, des Friedens, die türkische Gemeinschaft ist eine Gemeinschaft, die die Brüderlichkeit hochhält. Die türkische Gemeinschaft und der türkische Mensch, wohin sie auch immer gehen mögen, bringen nur Liebe, Freundschaft, Ruhe und Geborgenheit mit sich. Hass und Feindschaft können niemals unsere Sache sein. Wir haben mit Streit und Auseinandersetzung nichts zu tun. Genau so, wie jenes Licht, das vor Hunderten von Jahren in Anatolien von Yunus in unsere Herzen eingepflanzt wurde:
Ich bin nicht zum Streit gekommen,/ Meine Sache ist die Liebe./ Das Haus des Freundes, das sind die Herzen,/ Ich kam, um Herzen zu gewinnen.
Ich gehe im Geiste zurück in das Jahr 1961, als ich der Abfahrt meiner Verwandten mit jenen von Dampfloks gezogenen Zügen in dem Bahnhof Sirkeci (Istanbul) zuwinkte. Als jene Züge unsere Freunde nach Deutschland brachten, trug ein jeder von ihnen jenes Licht, von dem ich eben sprach, im Herzen. Jeder unserer Brüder und Schwestern hat hier Tag und Nacht gearbeitet, um Herzen zu gewinnen. Sie haben jede Bitterkeit zu Honig gemacht, jedweder Schwierigkeit getrotzt.
Heute haben Sie fast die Zahl von drei Millionen erreicht. Doch zu Beginn dieser Woche haben wir in Ludwigshafen neun unserer Schwestern und Brüder in einem Brand verloren. Neun unserer Geschwister, fünf von ihnen waren noch Kinder, haben in der Blüte ihrer Jugend dieser Welt Lebwohl gesagt. Ich erbitte für jeden von ihnen Gottes Erbarmen, für meine verletzten Schwestern und Brüder bete ich für baldige Genesung.
Wie Sie wissen, bevor wir nach Deutschland kamen, befand sich der deutsche Innenminister in der Türkei. Die erste Einschätzung haben wir mit ihm gemeinsam in der Türkei vorgenommen. Sofort nach dem Vorfall haben wir unseren Staatsminister Herrn Mustafa Sait Yazicioglu in Begleitung einer vierköpfigen Expertengruppe der Polizei zum Ort des Geschehens geschickt. Hier haben wir in allen unseren Gesprächen mit den deutschen Stellen unsere Sensibilitäten und unsere Erwartungen zum Ausdruck gebracht, und wir haben die Angelegenheit auch mit der verehrten Frau Kanzlerin detailliert besprochen.
Wir haben unsere Erwartung, dass dieser Vorfall in allen seinen Dimensionen untersucht wird, ihnen mitgeteilt. Wir haben auch zum Ausdruck gebracht, dass wir diese Angelegenheit weiterhin verfolgen werden. Unser Wunsch ist der folgende: Nicht nur unsere Staatsbürger hier, sondern auch unsere Staatsbürger in der Türkei, die diese Entwicklung aus nächster Nähe verfolgen, mögen Ruhe finden. Doch glaube ich, dass auch die deutsche Regierung, das deutsche Volk ebenso beunruhigt sind. Die Aufklärung ist auch erforderlich, damit auch sie Ruhe finden können. Möge Gott geben, dass solche bitteren Bilder die Letzten ihrer Art gewesen sind. Möge Gott geben, dass wir nicht noch einmal einen solchen Schmerz erdulden müssen.
Und heute, wie Sie wissen, werden unsere Schwestern und Brüder, die ihr Leben verloren haben, mit einem Flugzeug der Turkish Airlines, das von dem Amt des Ministerpräsidenten geschickt worden ist, in Begleitung ihrer Angehörigen und unseres Staatsministers Herrn Sait Yazicioglu, nach Gaziantep überführt.
Seit dem Jahr 1961 haben Tausende unserer Schwestern und Brüder ihre Häuser, manchmal ihre Familien, ihre Eltern, ihre Ehefrauen und ihre Kinder zurückgelassen und sind hierher gekommen. Nicht wenige von Ihnen haben hier geheiratet, es kamen hier Kinder auf die Welt, es wurden hier Enkel geboren. Heute haben Sie allein in Deutschland eine zahlenmäßige Stärke von fast drei Millionen erreicht. Sie haben nunmehr seit 47 Jahren mit Ihrer Arbeit und Ihrem Eifer dazu beigetragen, dass Deutschland vorankommt, dass Deutschland in Europa und in der Welt zu einem mächtigen Land wird. Sie haben hier einerseits gearbeitet, andererseits aber haben Sie sich bemüht, Ihre Identität, Ihre Kultur, Ihre Traditionen zu bewahren. Ich glaube, Ihre Augen und Ohren waren immer auf die Türkei gerichtet. Die Tatsache, dass Sie seit 47 Jahren Ihre Sprache, Ihren Glauben, Ihre Werte, Ihre Kultur bewahrt haben, vor allem aber, dass Sie sich gegenseitig stets unterstützt haben, diese Tatsache liegt jenseits aller Anerkennung.
Ich verstehe die Empfindlichkeit, die Sie gegenüber der Assimilation zeigen, sehr gut. Niemand kann von Ihnen erwarten, Assimilation zu tolerieren. Niemand kann von Ihnen erwarten, dass Sie sich einer Assimilation unterwerfen. Denn Assimilation ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Sie sollten sich dessen bewusst sein.
Wir müssen jedoch auch Folgendes zur Kenntnis nehmen: Sie können sich im heutigen Deutschland, im Europa von heute, in der heutigen Welt, nicht mehr als der Andere, als derjenige, der nur vorübergehend hier ist, betrachten. Sie dürfen sich nicht so betrachten. Die türkische Gemeinschaft hat sich volle 47 Jahre für dieses Land verausgabt. Nicht nur in Deutschland, die zahlreichen Länder Europas dazugezählt, nähert sich die Zahl unserer Staatsbürger fast fünf Millionen. Es ist bemerkenswert, dass sich in diesen Ländern, trotz dieses immensen Einsatzes, trotz dieser zahlenmäßigen Stärke, gewisse grundlegende Probleme immer noch nicht auf der Tagesordnung befinden. Selbstverständlich werden unsere Kinder Türkisch lernen. Das ist Ihre Muttersprache, und es ist Ihr natürlichstes Recht, Ihre Muttersprache Ihren Kindern weiterzugeben.
Jedoch würden Sie, wenn Sie die Sprache des Landes erlernen, in dem Sie leben, oder sogar noch einige Sprachen dazu erlernen, in jeder Hinsicht davon profitieren. Schauen Sie, viele unserer Kinder hier lernen im frühen Alter keine Fremdsprachen. Diese Kinder werden mit der deutschen Sprache erst dann konfrontiert, wenn sie mit dem Schulbesuch beginnen. Und das führt dazu, dass diese Kinder im Vergleich zu den anderen Schülern die Schullaufbahn bereits mit einem Nachteil von 1:0 beginnen müssen. Doch würde es für Sie und für Ihre Kinder in jeder Hinsicht vorteilhaft sein, wenn Sie die Möglichkeiten, die das qualitativ gute und gut organisierte Schulsystem Ihnen bietet, maximal ausschöpfen.
Sie werden einen Beruf ausüben, Sie werden öffentliche Dienste in Anspruch nehmen. Wenn Sie die Sprache des jeweiligen Landes nicht beherrschen, nicht lernen, so fallen Sie unweigerlich in eine Situation der Benachteiligung.
Weiter: Jahrelang hat eine Haltung vorgeherrscht, die durch eine Distanz gegenüber der Politik in diesem Lande, gegenüber der Außenpolitik, der Innenpolitik, der Sozialpolitik geprägt war. Doch sollte die türkische Gemeinschaft mit ihren drei Millionen Menschen in der Lage sein, in der deutschen politischen Landschaft Einfluss auszuüben, Wirkungen zu erzielen.
Warum sollten wir nicht auch in Deutschland, in den Niederlanden, in Belgien, in den anderen Ländern Europas Bürgermeister haben? Warum sollten wir keine Vetreter und Gruppen in den politischen Parteien haben? Warum sollten wir im deutschen Parlament, im EU-Parlament nicht noch mehr Vertreter haben? Warum sollten unsere Ansichten bei der Formulierung der Sozialpolitik der Länder, in denen wir leben, nicht zur Kenntnis genommen werden?
Schauen Sie sich die amerikanischen Wahlen an. Achten Sie darauf, wie die Menschen aus unterschiedlichen Ländern während den Wahlen und nach den Wahlen auf die Formulierung der Politik Einfluss ausüben. Leider leidet unser Land seit Jahren darunter. Manche Gemeinschaften sind in der Lage, auch wenn sie nur aus einer Handvoll Menschen bestehen, basierend auf ihrem intensiv betriebenen Lobbyismus, die Politik eines jeden Landes, in dem sie sich befinden, zu beeinflussen. Sie können Druck ausüben, um Beschlüsse der Parlamente in den jeweiligen Ländern zu erwirken. Warum sollten auch nicht wir Lobbyismus betreiben, um unsere Interessen zu schützen?
Lesen hier weiter: Dokumentation: Erdogans Kölner Rede (Teil 2)
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa
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