10. April 2008 Als Abdel Halim Khafagy im Spätsommer 2001 seine Reise nach Sarajevo plante, wusste er nicht, in was er dort geraten würde. Der gebürtige Ägypter lebte seit mehr als 30 Jahren in Deutschland und betrieb in München einen Verlag für islamische Literatur. In der bosnischen Hauptstadt wollten er und sein Schwager ein Buchvorhaben besprechen, nämlich die Übersetzung und Publikation des Koran ins Bosnische.
Doch Khafagy, damals ein Mann am Beginn des achten Lebensjahrzehnt, reiste unter einem schlechten Stern - wenige Tage zuvor, am 11. September, hatten Terroristen den schlimmsten Anschlag der amerikanischen Geschichte verübt. Nun waren Amerikaner in der ganzen Welt auf der Suche nach den Hintermännern der Tat. Und Khafagy geriet in ihr Fadenkreuz.
Besuch einer deutschen Delegation
Am 27. September, gegen drei Uhr nachts, stürmte ein amerikanisches Spezialkommando sein Zimmer im Hotel Hollywood in der Dr.-Pintola-Straße im Stadtteil Ilidža. Es war eine brutale Festnahme. Khafagy und sein Schwager wurden zusammengeschlagen und noch im Morgengrauen per Helikopter in das amerikanische Eagle Base nach Tuzla geflogen. Dort, im Norden des Balkan-Landes, unterhielten die Amerikaner nicht bloß eine Militärbasis für 20.000 Soldaten, sondern auch ein Gefängnis mit allen Unannehmlichkeiten, die später auch charakteristisch für Orte wie Abu Ghraib oder Guantánamo werden sollten.
Nach Tuzla wurden einige Tage später deutsche Ermittler eingeladen, denn die Amerikaner kamen mit dem älteren Herrn aus München nicht weiter, den sie zunächst möglicherweise für den zweiten Mann von Al Qaida hielten, Abu Zubaida. Der war allerdings rund vierzig Jahre jünger als der Gefangene von Tuzla. So kam Ende September 2001 eine deutsche Delegation in die Eagle Base, die aus einigen Offizieren der nationalen deutschen Geheimdienstzelle (Genic) bestand sowie aus zwei Mitarbeitern des Bundeskriminalamtes.
Das Wort Folter tauchte auf
Diese waren nach Rücksprachen des deutschen Bosnien-Kontingents mit dem Verteidigungsministerium und dem Kanzleramt schließlich entsandt worden. Die Soldaten, darunter ein Oberst als Leiter der Genic, fühlten sich nicht alleinzuständig für diese Aufklärungsarbeit. Was ihnen in Tuzla bei der Besichtigung von Asservaten des Inhaftierten vorgelegt wurde, scheint schockierend gewesen zu sein: Blutverschmierte Papiere Kafhagys, chaotische Ermittlungsunterlagen und Anhaltspunkte, die später dafür sorgten, dass in den Berichten über die Begegnung das Wort Folter auftauchte.
Die Deutschen brachen den Besuch ab und fertigten dem Vernehmen nach einen detaillierten Bericht an, der alsbald in Berlin den zuständigen Stellen vorlag. Khafagy und sein Schwager unterdessen, die ohne jede Verbindung zu Zubaida waren und auch sonst mit Al Qaida nichts im Sinn hatten, wurden nicht zurück nach Deutschland geschickt, sondern nach Ägypten (im Falle Khafagys) und Jordanien (im Falle des Schwagers) ausgeflogen - zu Händen der dortigen Sicherheitsbehörden.
Frühe Kenntnis des amerikanischen Stils
Khafagy hatte, weil er als junger Mann der Muslimbruderschaft anhing, dort 16 Jahre in Gefängnissen verbracht, ehe er 1971 das Land verließ und nach Kuweit ging. Von Ägypten kehrte er etwa zwei Wochen später, Ende Oktober 2001, zurück nach Deutschland, das Land in dem Khafagy seit 1979 lebte und wo er gültige Aufenthaltspapiere hatte. Auch sein Schwager kam frei.
Sieben Jahre nach diesen dramatischen Wochen wird der gebürtige Ägypter an diesem Donnerstag vor dem Untersuchungsausschuss des Bundestages zur Kooperation der Geheimdienste angehört werden. Der Fall zeige nach derzeitiger Erkenntnis, heißt es bei der Opposition, dass einerseits die Vertreter der Sicherheitsbehörden und der Bundeswehr umsichtig und wohl verantwortungsvoll gehandelt hätten. Er belege aber auch, wie früh die Bundesregierung erste Kenntnisse vom neuen Stil amerikanischer Politik erfahren habe. Den gesuchten Terroristen Abu Zubaida fassten die amerikanischen Fahnder 2002 in Pakistan. Seit Ende 2006 ist er in Guantánamo.
Text: F.A.Z.
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