Ehrung für Angela Merkel

Die Kanzlerin als Karlspreisträgerin

Von Georg Paul Hefty

01. Mai 2008 Es muss ein Traum sein, dasselbe Amt innezuhaben wie die Idole der Kinder- und Jugendzeit. Angela Merkel ist Bundeskanzlerin, wie es einst der Gründungskanzler der Bundesrepublik, Konrad Adenauer, und der Kanzler der Einheit, Helmut Kohl, waren. Ein noch schönerer Traum aber muss es sein, nicht nur die Nachfolge innezuhaben, sondern auch noch sozusagen als im übertragenen Sinne gleichrangig angesehen zu werden.

Dafür gibt es in Deutschland neben all den protokollarischen Kriterien einen öffentlichkeitswirksamen Maßstab: die Verleihung des Internationalen Karlspreises zu Aachen. Von den acht Bundeskanzlern des geteilten und des ungeteilten Landes hatten bislang nur zwei die Auszeichnung durch die Aachener Bürger erfahren. Alle anderen haben nicht lange genug regiert oder sich den Bürgern nicht als Herzenseuropäer eingeprägt.

Beeindruckende Premiere

Freilich sind die Urteile des Karlspreisdirektoriums genauer als Volkes Stimme. Den Aachenern reichen in der Regel nicht amtliche Sonntagsreden über Europa, denn da hätten sie eine Riesenauswahl in den Mitgliedstaaten der EU. Sie achten darauf, wer - auch und gerade im Vergleich mit den anderen europäischen Politikern - in der unmittelbaren Vergangenheit oder über viele Jahre hinweg so gehandelt hat, dass Europa und die europäische Einigung gefördert wurden. Und da fanden sie die Vermittlerrolle, welche die damals gerade ins Amt gekommene Kanzlerin schon beim EU-Gipfel im Dezember 2005 eingenommen hat, beachtlich.

Frau Merkel führte sogleich vor, dass sie trotz ihres vielfältigen Bruchs mit Helmut Kohl auch und gerade in der europäischen Konferenztaktik seine gelehrigste Schülerin und angemessene Erbin war. Beeindruckt waren die Juroren auch von einem Kabinettsbeschluss ein Jahr später, in dem es - ganz nach der Überzeugung der Aachener - hieß: „Allein die Menschen können dem europäischen Gedanken der Einheit in Vielfalt seine Seele verleihen.“

Meisterstück G-8-Vorsitz

Tatsächlich gelang der Bundeskanzlerin während der deutschen Ratspräsidentschaft, die auch noch mit dem G-8-Vorsitz zusammentraf, ihr Meisterstück: die Regierungen und die Bürger der Mitgliedstaaten zu überzeugen, dass es nach dem Scheitern des Verfassungsvertrages am Bürgerwillen in Frankreich und in den Niederlanden keine andere Lösung für Europas institutionelle Weiterentwicklung gibt, als an dem Kern des Vertragswerkes festzuhalten - allerdings so weit zurückgeschnitten, dass er in den Parlamenten durchgeht.

„Durch die unter maßgeblicher Mitwirkung und Verantwortung von Angela Merkel getroffenen Entscheidungen ist der Weg frei für ein demokratischeres, effizienteres und handlungsfähiges Europa“, wurde die Frau gelobt, deren Lebenslauf vor 54 Jahren in Hamburg begann und den Umweg über die DDR einschloss und deren Begeisterung für die europäische Idee die mancher ihrer Vorgänger nunmehr anerkanntermaßen übertrifft. Nachdem Adenauer den Karlspreis 1954 erhalten hatte, wurde er noch zweimal, Kohl nach 1988 gleichfalls noch zweimal wiedergewählt. Deutschland schätzt seine Europäer.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, dpa

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