Helmut Schmidt zum 90.

Der ewige Kanzler

Von Oliver Hoischen

Leitender Angestellter der Bundesrepublik a.D.: Helmut Schmidt

Leitender Angestellter der Bundesrepublik a.D.: Helmut Schmidt

22. Dezember 2008 Sie sehen ihn gern, noch immer. Wenn er auftritt, sind die Eintrittskarten Wochen vorher ausverkauft, es gibt ein Gedränge und Geschiebe. So wie kürzlich, als er im Berliner Ensemble auf der Bühne saß und man im Foyer eine Leinwand aufstellen musste, weil nicht alle in den Theatersaal passten. Deutsche Großväter, Eltern und Kinder kamen herbeigeströmt, um ihren Übervater zu bestaunen.

Neben ihm, auf einem Tischchen, stand ein Glas Cola, als Requisite. Natürlich zog er bald kräftig an einer Zigarette. „Ich bin ein alter Mann ohne Einfluss“, kokettierte der frühere Bundeskanzler. Seine Stimme war voller Schärfe - hamburgisch-kühl, sie kam von oben und schwebte über den Dingen. Da konnte jeder verstehen, was seinerzeit der CDU-Bundestagsabgeordnete Gerhard Zeitel gemeint haben mochte, als er Helmut Schmidt einen Staatsschauspieler nannte. Doch Schmidt fühlte sich geschmeichelt: „Ich kann daran nichts Ehrenrühriges erkennen. Warum soll ich nicht von meiner Begabung Gebrauch machen?“, meinte er. Überliefert ist von ihm auch diese Sentenz: „Unser Gewerbe ist doch wie das der Schauspieler. Ohne Zustimmung von draußen gehen wir ein.“ Jeder Auftritt des Kanzlers sei eine Mischung aus Leistung und Show gewesen, schreibt sein Biograph Mainhardt Graf von Nayhauß. So ist es geblieben.

Er sucht noch immer nach Bestätigung

Dabei ist Helmut Schmidt seit 26 Jahren nicht mehr der „Leitende Angestellte der Bundesrepublik“, wie er sich selber nennt. Sein aktuelles Buch, vielleicht sein letztes, sein Vermächtnis, heißt schlicht: „Außer Dienst“. Und verkauft sich blendend. Längst ist alles über ihn gesagt und geschrieben, in unzähligen Büchern von ihm und über ihn - die Leute finden ihn faszinierend. Sie mögen, dass ihnen einer deutlich sagt, wo es langgeht. Und das mit - jawohl - Kodderschnauze. Raubtierkapitalismus? Der frühere Bundeskanzler ist stolz darauf, diesen Begriff erfunden zu haben.

Liechtenstein? „Die steuerfreien Inseln sind ein Krebsschaden für die ganze Welt.“ Georgien? Dass der Nato-Rat eine Sitzung in Tiflis abgehalten habe, das sei, so Schmidt, in etwa so gewesen, als ob sich zu Breschnews Zeiten der Ministerrat des Warschauer Pakts in Havanna getroffen hätte. Afghanistan? „Was militärische Operationen angeht, da bin ich vorsichtiger als heutige Politiker. Ich habe den Zweiten Weltkrieg erlebt.“ Es sei leicht, meint Schmidt, in ein Land „militärisch reinzugehen, aber schwer, ohne ein Chaos zu hinterlassen, mit Anstand wieder rauszugehen“. Finanzkrise? „Den Sozialstaat kann nur der Staat selber aufrechterhalten, nicht der Markt.“ Jubel im Saal.

Der frühere Bundeskanzler sucht noch immer nach Bestätigung. Die bekommt er leicht. Denn wenn Schmidt spricht, erinnern sich die Leute. An die Zeit, als Amerikaner auf der einen und Russen auf der anderen Seite der Mauer standen, ganz übersichtlich. Als Deutschland bequem im Windschatten der Großen segelte und der Bundestag nicht darüber nachdenken musste, ob deutsche Soldaten dabei helfen sollen, das Morden im Kosovo zu beenden, oder gar am Hindukusch Terroristen dingfest zu machen. Als samstags noch die ganze Familie nacheinander in die Badewanne stieg und pünktlich zur „Tagesschau“ wieder heraus war, weil anschließend „Dalli Dalli“ kam. Regelmäßig bekam damals ein Bundeskanzler noch bis zu hundert Sekunden Sendezeit am Stück, um den Deutschen die nicht globalisierte Welt zu erklären. Schmidt, Typ Oberlehrer, kam das entgegen.

„Er war überzeugt, dass er der Klügste ist“

Er glänzte bei der KSZE-Konferenz 1975 in Helsinki. Er hob vor dem Kamin in Schloss Rambouillet den „Weltwirtschaftsgipfel“ mit aus der Taufe. Er hatte die Idee, ein „Europäisches Währungssystem“ zu schaffen - ohne ihn, seinen großen wirtschaftlichen Sachverstand, gäbe es vielleicht den Euro nicht. Seine Freunde waren Valéry Giscard d'Estaing und Henry Kissinger. Sogar Leonid Breschnew nötigte er Respekt ab - auch deshalb, weil er im Gespräch mit dem Sowjetherrscher offenbar Tacheles redete. Für eine Oppositionsbewegung wie die polnische Solidarnosc konnte er sich dagegen kaum begeistern. Umso mehr für den Nato-Doppelbeschluss, der fest mit Schmidts Namen verbunden bleibt: Wenn die Sowjets ihre SS-20-Raketen nicht binnen vier Jahren abschafften, so wurde 1979 beschlossen, dann würde der Westen mit Pershing-2-Raketen und Marschflugkörpern nachrüsten. So kam es. Die Geschichte gab Schmidt recht: 1987 vereinbarten Amerika und die Sowjetunion, diese Waffen wieder zu verschrotten.

Wenn da nur die Sozialdemokraten nicht gewesen wären. Manche von ihnen zweifeln noch heute, ob die Nachrüstung nötig war. Der Doppelbeschluss passte nicht in ihr Selbstverständnis: Sie wollten verhandeln, ohne bei einem Scheitern eigene Raketen stationieren zu müssen. Mit ihrer Gesinnungsethik, ihrem Gerede vom Sozialismus und einer besseren Welt konnte Schmidt nichts anfangen. Er hielt ihnen seine Verantwortungsethik entgegen, sprach von „pragmatischem Handeln zu ethischen Zwecken“ und las Mark Aurel, den römischen Kaiser und stoischen Philosophen. „Er war überzeugt, dass er der Klügste ist“, sagt einer. Und er war es vielleicht auch.

Helmut Schmidt verkörperte stets die Mitte

Visionen? Ab zum Arzt! Als die Sozialdemokraten über den „Orientierungsrahmen '85“ diskutierten, eine Fortschreibung des Godesberger Programms, schüttelte Schmidt verständnislos den Kopf. Als Hunderttausende durch Bonn zogen und Gorleben, Brokdorf, „Schneller Brüter“ oder Mutlangen in aller Munde waren, machte er Augen und Ohren zu. Wo er Öko- und Friedensbewegung in die SPD hätte integrieren können, rief er: Umweltidioten! Die Grünen, so sagen heute viele, seien durch ihn erst möglich geworden. Trotzdem hat er geklagt, sein „größter Fehler“ sei es gewesen, nicht nach dem SPD-Vorsitz gegriffen zu haben. Könnte sein, dass er irrt: Willy Brandt hielt ihm stets den Rücken frei, er selbst hätte die Partei kaum zusammenhalten können. Rein instrumentell war sein Verhältnis zu ihr. Erst 1983, auf dem Kölner „Raketenparteitag“, wandten sich die Genossen ganz von Schmidt ab, von 400 Delegierten stimmten nur noch 14 für den Vollzug des Nato-Doppelbeschlusses. Da war er gedemütigt, aber eben auch nur noch Kanzler a. D.

Das kam, weil Helmut Schmidt stets die Mitte verkörperte. Wer ihn wählte, meinte nicht unbedingt die SPD. Bis heute haben viele Deutsche offenbar den Eindruck, Schmidt sei eigentlich in der falschen Partei und habe für seinen Machtverlust selbst nicht viel gekonnt. Gab es da nicht die Wendehälse von der FDP? Sind Genscher und Lambsdorff nicht unfair mit ihm umgegangen? Aufregende Regierungszeiten waren das damals: Im Februar 1982 stellt Schmidt die Vertrauensfrage, da war seine Wiederwahl erst gut ein Jahr her. Im Herbst wird dann Helmut Kohl Bundeskanzler. Den Pfälzer hatte er lange unterschätzt, er schien ihm zu sentimental und gefühlig.

Er hat die „ganze Scheiße des Krieges“ mitgemacht

Genau das erlaubt sich Schmidt nicht zu sein. Er will Autorität ausstrahlen - die Leute sehnen sich ja danach. Bei ihm suchen sie Orientierung, bis heute, da es schon wieder eine Krise gibt, eine Wirtschaftskrise. Schmidt scheint dafür der kompetente Mann, mit beidem kennt er sich aus: mit Wirtschaft und mit Krisen. Auch wenn in seiner Zeit der Schuldenberg immer weiter wuchs, die Arbeitslosenzahl stieg. Der Mainzer Historiker Andreas Rödder schreibt, Schmidts achteinhalb Regierungsjahre seien Zeiten des Krisenmanagements gewesen, der inneren, äußeren und wirtschaftlichen Schwierigkeiten. „Dies waren per se nicht die Voraussetzungen für vorwärtstreibend Neues und große Aktivposten in der Bilanz, sondern für eine reaktive und kleinerschrittige Politik nicht der Reform, sondern der Bestandssicherung“, schreibt Rödder.

Ob sich die ängstlichen Deutschen darum bis heute so gut mit Schmidt identifizieren können? Mit dem Mann, der auch höchste Staatsgäste in seinen kleinbürgerlichen vier Wänden in Hamburg-Langenhorn empfing, im Reihenhaus der „Neuen Heimat“. Dem Lehrersohn, der gleich um die Ecke, in einer Hütte am Brahmsee, Urlaub machte. Der sich nie eine dicke Zigarre oder Klamotten von Brioni gönnte und ein Leben lang an der Seite seiner Frau blieb: bei Loki. Und der vor allem die „ganze Scheiße des Krieges“ mitgemacht hatte.

Wie teuer Schmidt sich seine Rauhbeinigkeit erkauft hat, können die Deutschen nur ahnen. „Tragödie des Pflichtbewusstseins“ hat Schmidt den Zweiten Weltkrieg einmal genannt, keine Gnade der späten Geburt kam ihm zu Hilfe. Hans-Joachim Noack, sein Biograph, erlaubt sich deshalb die Frage, ob Schmidt den Nationalsozialismus tatsächlich „ohne Schaden an Geist und Seele überstanden“ habe, wie er einmal selbst behauptete. Was andere eine „Analyse der politischen Situation“ genannt hätten, hieß bei Bundeskanzler Schmidt später jedenfalls einfach „Lagebeurteilung“.

Seine größte Bewährungsprobe: der Terror der RAF

Für die Franzosen blieb Schmidt „Le Feldwebel“. So aß er an seinem Schreibtisch im Palais Schaumburg manchmal Suppe aus der Dose, um keine Zeit zu verlieren. Noack, der Biograph, berichtet sogar, der Bundeskanzler habe morgens auf der Trillerpfeife geblasen, um die Beamten an ihre Schreibtische zu jagen. „Sein Verständnis von Führung war, dass man keine Zweifel zeigen darf, dass man nach außen hart ist“, sagt einer von damals. Und: „Er hatte etwas Männerbündlerisches: Das größte Zeichen an Zuneigung war, wenn man von ihm mit einem Faustschlag auf die Brust begrüßt wurde.“

So hat er sich inszeniert: als Mann der Exekutive, als „Macher“, der schon 1962, als Hamburger Innensenator, während einer gewaltigen Sturmflut, ins Polizeipräsidium stürmte und dort einen „gackernden Hühnerhaufen“ vorfand. Da, so will es die Legende, hörte alles auf sein Kommando. Als Kanzler bekam es der Pragmatiker als Erstes mit der Ölkrise zu tun. Seine größte Bewährungsprobe aber wurde der Terror der „Rote Armee Fraktion“ im Herbst 1977. Nach der erfolgreichen Stürmung der „Landshut“ in Mogadischu sahen die Deutschen in Helmut Schmidt ihren Helden. Die Bilder vom Staatsakt für den ermordeten Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer gruben sich ins kollektive Gedächtnis - der in sich versunkene Schmidt neben der Witwe des Ermordeten. Der Kanzler sah sich „in Schuld verstrickt“. Wie sollten sich die Deutschen von dieser Tragik nicht rühren lassen? Kino- und Fernsehfilme über diese Zeit fesseln sie bis heute.

Ein liebenswerter Oldtimer mit Ecken, Kanten und Marotten

So halten sie Helmut Schmidt also für den „coolsten Kerl“ des Landes - laut Umfrage finden sie ihn cooler als den Schauspieler Til Schweiger. Und am 23. Dezember wird er auch noch 90, ein richtiger Methusalem. Ohne Schmidt und seine Weisheiten würde das „Zeit“-Magazin jeden Donnerstag ungelesen auf Deutschlands Couchtischen gestapelt. Die „Bild“-Zeitung nennt ihn schon „Helmut den Großen“, weil alle anderen Superlative längst vergeben sind. Die Bürger finden ihn viel besser als unsere täglichen Pofallas, Heils und Niebels - charismatischer, standfester. Dabei sitzt er auf dem Balkon und muss das Staatsschiff gar nicht mehr lenken. „Heutzutage haben wir weniger starke Führungspersonen, und es gibt infolgedessen mehr Leute, die sich einbilden, sie seien selber auch eine ganz gute Führungsperson, und eine Splitterpartei aufmachen“, hat Schmidt vor zwei Wochen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung gesagt. Die neuen Politiker-Modelle erscheinen ihm wohl zu stromlinienförmig.

Und Helmut Schmidt? Der ist wie ein liebenswerter Oldtimer mit Ecken, Kanten und Marotten - und lebenslanger Richtlinienkompetenz.

Text: F.A.S.
Bildmaterial: AP, ddp, dpa

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