Ministerin von der Leyen im Gespräch

„Es gibt keinen Krieg der Generationen“

Soziale Netze knüpfen: Ministerin von der Leyen (CDU) und die Luisenstraße in Hannover

Soziale Netze knüpfen: Ministerin von der Leyen (CDU) und die Luisenstraße in Hannover

02. April 2008 Nachdem sich Ministerin von der Leyen (CDU) im vergangenen Jahr vor allem um den Krippenausbau gekümmert hat, wendet sie sich nun den älteren Menschen zu. Sie plädiert für eine höhere Erwerbsbeteiligung von Älteren und sieht ihre Kaufkraft als wichtigen Wirtschaftsfaktor. Ein auf drei Jahre angelegtes Bundesprogramm soll nun dem demographischen Wandel Positives abgewinnen und das ehrenamtliche Engagement der Senioren fördern. Die Ministerin im F.A.Z.-Interview.

Frau Ministerin, wie es scheint, hat die große Koalition eineinhalb Jahre vor der Bundestagswahl die älteren Menschen als Wähler wiederentdeckt. Die geplante Rentenerhöhung wird etwa 20 Millionen Menschen erreichen - vom Elterngeld profitierten im Jahr 2007 nur etwa 570.000 Familien. Hat Ihre Partei Angst, die Älteren zu verprellen?

Im Gegenteil. Die Debatte um die Familienpolitik kam ja aus der Erkenntnis, dass junge Menschen in Deutschland sich zwar Kinder wünschen, aber sie nicht in die Welt setzen. Also mussten wir die Bedingungen für das Leben mit Kindern verbessern. Auch bei den Älteren ist die tiefere Frage: Was möchten sie? Sie wollen verantwortlich sein, sie wollen gebraucht werden. Dafür wollen wir die Rahmenbedingungen schaffen. Gerade ältere Menschen haben ein großes Bewusstsein für den Zusammenhalt der Generationen. Sie sehen eine gut funktionierende Wirtschaft, eine nachhaltige Familienpolitik und Kinder als Grundlagen unseres Staates an. Den „Krieg der Generationen“ gibt es nicht.

Für jeden Einzelnen ist die steigende Lebenserwartung ein Segen, doch für die Rentenversicherung ist sie eine Belastung. Wie lässt sich die Erwerbsquote unter älteren Menschen steigern?

Die Wirtschaft weiß, dass wir mitten im demographischen Wandel sind. In vielen Branchen haben wir einen Mangel an Fachkräften, aber es gibt kein Problembewusstsein, dass kostbare Potentiale bei uns brachliegen. Deshalb erarbeite ich zusammen mit Wirtschaftsverbänden Konzepte, um die Kreativität, die Erfahrung und das Wissen älterer Mitarbeiter besser zu nutzen. Nur vier Prozent der Weiterbildungen kommen bisher Beschäftigten zugute, die älter als 45 sind. Die Erwerbsquote der Menschen, die älter als 55 Jahre sind, ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen, sie liegt jetzt bei 52 Prozent. Aber wir können besser werden. In anderen Ländern liegt sie bei 70 Prozent. Mit sinnvollen Aufgaben betraut, können Menschen bis in das höchste Lebensalter innovativ und kreativ sein.

Sie sprechen vom aktiven Alter jenseits der Erwerbsarbeit - was meinen Sie damit?

Es ist wichtig, ein neues Bild des Alters zu zeichnen. Als Klischees kennen wir entweder die vergnügungssüchtigen Alten, die ihr Geld in Mallorca verprassen, oder die Gebrechlichen, deren Pflege die junge Generation erdrückt. Doch das Alter ist viel facettenreicher. Wir hatten noch nie so viele, so gut ausgebildete Ältere, die auch bereit sind, Zeit und Erfahrung weiterzugeben - etwa in Ehrenämtern. Darüber hinaus sind ältere Menschen als Verbraucher ein Wirtschaftsfaktor. Jeder dritte für den privaten Konsum ausgegebene Euro kommt von einem Menschen, der älter ist als 60. Jede zweite Reise, jede zweite Gesichtscreme wird von einem Älteren gekauft. Mir liegt daran, dass deutsche Unternehmen vorbildliche seniorengerechte Produkte entwickeln - denn wenn wir es nicht tun, macht es das Ausland. Deutschland ist das Land mit der am schnellsten alternden Bevölkerung Europas, wir können auf diesem Gebiet Vorreiter und Marktführer sein.

Warum gibt Ihr Ministerium für die Förderung des Ehrenamts 33 Millionen Euro im Jahr aus?

Jeder Dritte, der älter als 60 ist, engagiert sich freiwillig; jeder Zweite möchte ehrenamtlich tätig werden, weiß aber nicht, wie. Viele Wohlfahrtsorganisationen suchen Helfer, können sie aber nicht finden. Wir haben also ein Auseinanderklaffen von Angebot und Nachfrage, da wollen wir vermitteln. Unter dem Namen „Alter schafft Neues“ werden wir künftig auf drei Ebenen tätig: Wir fördern vorbildliche Projekte der Freiwilligendienste aller Generationen, wir werden die Qualifikation von Ehrenamtlichen verbessern, und wir werden helfen, ein bundesweites Internetportal aufzubauen, in dem jeder in seiner Nähe ein seinen Fähigkeiten und seinem Zeitbudget entsprechendes Ehrenamt finden kann. Jeder kennt die Erfahrung, dass die Übernahme einer erfüllenden Aufgabe auch denjenigen bereichert, der gibt. Wir wissen, dass ehrenamtlich Engagierte gesünder und glücklicher sind als andere. Ich bin überzeugt davon, dass es in Zukunft zwei Währungen geben wird - einerseits den Euro, andererseits die Währung der mindestens so kostbaren zwischenmenschlichen Beziehungen. Ein Drittel der Menschen meiner Generation hat keine Kinder - wenn diese Menschen alt werden, werden sie tragfähige soziale Netze aufgebaut haben müssen, um ein fürsorgliches Miteinander zu erleben.

Es ist vor allem die mittlere Generation, die die negativen Folgen des demographischen Wandels schultert: Sie kümmert sich um Kinder und Beruf und sorgt bereits für die alt gewordenen Eltern und Schwiegereltern. Wie kann diese Sandwich-Generation entlastet werden?

Wir brauchen dafür unterstützende Netzwerke: gute Kinderbetreuung, gute Schulen, Pflegedienste. Das Bedürfnis, sich um seine Angehörigen selbst zu kümmern, soll dem Wunsch, die eigenen Fähigkeiten im Beruf zu entfalten, nicht entgegenstehen. Die Pflegezeit ist bewusst auf sechs Monate begrenzt; es wird nicht die Erwartung geschürt, dass die erwachsenen Kinder für die Pflege der Eltern ganz aus dem Beruf aussteigen. Aber jeder Angehörige eines Pflegebedürftigen kann sie nehmen, also nicht nur Töchter, auch Söhne. Das Bild des fürsorglichen Mannes findet bisher viel zu wenig Beachtung. Jeder zweite Pflegebedürftige wird übrigens von einem Menschen gepflegt, der selbst bereits älter als 60 Jahre ist.

Etwa eine Million Menschen in Deutschland sind demenzkrank. Wie lässt sich die Lage der Kranken und ihrer Angehörigen verbessern?

Demenz ist eine von Ängsten und Vorurteilen beladene Krankheit. Es ist ein schleichender Prozess, und es ist schwierig, zu akzeptieren, dass eine Demenz vorliegt. Demenzkranke sind anders als andere Pflegebedürftige lange sehr mobil und gerade nicht bettlägerig. Sie können und sollen noch lange viele Beziehungen haben; denn so lässt sich das Schrumpfen ihres Lebensradius verzögern. Aber der Kranke kann immer weniger für sich selbst Verantwortung übernehmen. Man muss rund um die Uhr auf ihn aufpassen. Dabei brauchen die Angehörigen Orte, wo sie mit den Demenzkranken willkommen sind, zum Beispiel die Mehrgenerationenhäuser. Die Pflegeversicherung zahlt jetzt auch für die besondere Betreuung Demenzkranker.

Die Föderalismuskommission hatte vorgeschlagen, gesetzgeberische Kompetenzen in der Alten-, Jugend- und Familienpolitik auf die Länderebene zu verlagern. Handeln Sie sich nun in der Seniorenpolitik den gleichen Vorwurf ein, der Ihnen in der Kinderbetreuungsdebatte gemacht wurde, nämlich sich zu sehr in die Kompetenzen der Länder und Kommunen einzumischen?

Viele Dinge können auf lokaler Ebene geregelt werden. Aber es gibt Aufgaben, die nur zentral geregelt werden können, zum Beispiel das Gesetz für Altenpflegeberufe. Wir leisten mit wissenschaftlich begleiteten Modellprojekten auch Pionierarbeit für die Städte und Gemeinden.

Bei keinem anderen Ihrer Kabinettskollegen liegen Privates und Politisches so eng zusammen wie bei Ihnen. Sie wissen auch, was es bedeutet, einen demenzkranken Angehörigen zu pflegen. Erleichtert oder erschwert das die politische Arbeit?

Es treibt an, und es treibt mich um. Ich werde leidenschaftlicher in den Themen, die mich bewegen. Ich habe auch das Gefühl, unser Land hat nicht mehr viel Zeit, neue Wege einzuschlagen.

Wie möchten Sie persönlich im Alter leben?

Ich möchte gemeinsam mit meinem Mann alt werden. Wahrscheinlich werde ich draußen auf dem Land leben, da, wo wir jetzt auch wohnen. Ich ahne, dass die Kinder über Deutschland oder die Welt verteilt sein werden. Ich möchte, solange ich mobil bin, den Kindern an ihren jeweiligen Wohnorten helfen, wenn sie eigene Familien gründen. Vor meiner Haustür möchte ich mich ehrenamtlich engagieren - sei es in der Kirchengemeinde oder in der Arbeit mit Kindern. Wenn mich ein Kind anstrahlt, wird der Tag heller, und das wird mir vermutlich auch als Achtzigjährige noch so gehen.

Das Gespräch führte Uta Rasche.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z. - Daniel Pilar

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