18. November 2008 Ende vergangener Woche trafen sich in Bonn die Amtschefs der deutschen Kultusministerien. Sie beschlossen, auch im kommenden Jahr alle möglichen Kenntnisse und Fertigkeiten, die Schüler haben sollten, wenn sie brav deutsche Schulen besuchen, zu überprüfen und zu vergleichen. Nie wieder will sich die Schulbürokratie so überraschen lassen wie vor Jahren von der Pisa-Studie - und man hätte fast glauben können, die Testerei und Vergleicherei seitdem sei auch zum Besten der Schüler.
Nun wird am heutigen Dienstag offiziell eine innerdeutsche Pisa-Studie vorgestellt, ein Bundesländer-Ranking, über das nicht nur Kultusminister und Schulräte längst höchst besorgt diskutieren. (Siehe auch: Sachsen triumphiert beim Pisa-Test)
Die Amtschefs haben darauf schnell reagiert und Korrekturen an den sogenannten Bildungsstandards beschlossen, die wohl verhindern sollen, dass die Öffentlichkeit immer wieder mit hässlichen Befunden aus dem wirklichen Leben konfrontiert wird.
Beunruhigende Befunde
Ergebnisse wie etwa die zur Lesefähigkeit fünfzehnjähriger Hauptschüler in Großstädten und Bundesländern mit vielen Zuwanderern: Danach sind fast drei Viertel dieser Schüler kaum in der Lage zu lesen, also funktionale Analphabeten kurz vor Ende ihrer Schulzeit. Die Studie enthält noch weitere beunruhigende Befunde zu nichtvorhandenen, aber lebensnotwendigen Fähigkeiten im Lesen, Schreiben, Rechnen und bei den Fremdsprachen bei mehr als der Hälfte aller Hauptschüler. Die gelten zudem immer häufiger als nicht mehr beschulbar, vor allem, weil sie zu oft schwänzen.
Die schlechten Ergebnisse werfen, wie es nun heißt, die Frage auf, ob die am 15. Oktober 2004 beschlossenen Standards für den Hauptschulabschluss passgenau sind. Für den weiteren Umgang mit den Bildungsstandards für dieses Zertifikat bittet die Kultusministerkonferenz um einen Vorschlag. Passgenau. Anders ausgedrückt: die Standards werden den fatalen Leistungen so lange angepasst, bis sich die Ergebnisse herzeigen lassen. Mehr Mindestqualifizierte und weniger Schulabbrecher könnten dann ein Schulsystem verlassen, das sich offenbar immer noch der Problemanalyse verweigert und mehr auf gute Statistik zielt denn auf Absolventen, die in der Lage wären, ihr Leben selbst zu meistern.
Abgesehen davon, dass solche Korrekturen vielleicht auch diesen und jenen Lehrer entlasten, dem die Vergeblichkeit seines Tuns dann nicht mehr vorgehalten werden kann, sind sie für Hauptschüler natürlich schlecht. Ihre Chancen auf einem Arbeitsmarkt, der noch für die geringste Position mindestens einen mittleren Abschluss, möglichst aber doch Abitur erwartet, wird das nicht verbessern.
Stigma der Hauptschulbildung
In einer Fernsehsendung bekannte kürzlich ein Rektor, er habe vor wenigen Jahren noch für achtzig Prozent seiner Hauptschüler eine Lehrstelle gefunden. Heute sei es fast umgekehrt. Nun herrscht gerade kein Mangel an Lehrstellen, eher ein Mangel an geeigneten Bewerbern - und Hauptschüler gelten inzwischen fast überall als ungeeignet. Sie werden offenbar schon abgelehnt, weil sie aus einer Schule kommen, die als gescheitert gilt, mit Mann und Maus. Ein Stigma, das oftmals jene erzeugten, die sich heute gegenseitig überbieten mit wohlfeilen Ratschlägen und doch eher daran interessiert sind, das Problem gut zu verstecken: mit neuen Etiketten oder Schulkonzepten aus der ideologischen Mottenkiste.
Der Bürgermeister von Berlin-Neukölln, Heinz Buschkowski, bezahlt zum Beispiel Nachhilfelehrer aus seinem kargen Etat, die Schulabgängern das beizubringen versuchen, was sie in die Lage versetzt, doch eine Ausbildung zu beginnen: flüssiges Lesen und Verstehen, was man da liest, Pünktlichkeit, Sprechen in ganzen Sätzen, Rechnen. Wenn es so kommt wie beschlossen, wird er noch mehr Nachhilfe finanzieren müssen. Die Grünen empfehlen zur Lösung des Problems sogar noch mehr Lehrer. Doch ist die Hauptschule schon jetzt eine der teuersten Schulformen, am kostspieligsten ist sie in Berlin: Für sechs bis neun Schüler wird ein Lehrer bezahlt.
Durchsetzung der Schulpflicht
Dazu kommen Sozialpädagogen, Streetworker, Familienhelfer, Therapeuten und Bürger, die freiwillig helfen, diesen Kindern das Lernen beizubringen. Nie zuvor ist so viel Geld für Sprachförderung ausgegeben worden, fast überall versuchen bereits die Schulen, ihre Risikoschüler an die Arbeitswelt heranzuführen, auch in der Hoffnung, sie begriffen so gerade noch rechtzeitig, wofür sie eigentlich lernen sollen. Und gewiss wird sich der katastrophale Ruf, den Hauptschulen zu ertragen haben, aufpolieren lassen, wenn man sie mit Realschulen verbindet oder ihnen gestattet, Realschüler von Anfang an aufzunehmen.
Doch der mangelnden Bereitschaft, sich anzustrengen, ein Defizit vieler Hauptschüler, ist so kaum beizukommen, weil es außerhalb der Schulen entsteht. Weniger durch die soziale Herkunft, wie immer wieder behauptet wird, vielmehr durch mangelnde Erziehung im Elternhaus, die auch nicht auszugleichen wäre, bekäme jeder Problemschüler Einzelunterricht. Sinnvoller wäre, Hauptschullehrern endlich die Hilfe zukommen zu lassen, die sie und einige wenige Juristen und Polizisten längst fordern, nämlich die Hilfe zur strikten Durchsetzung der Schulpflicht.
Text: F.A.Z.
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