04. Januar 2006 Gut zwei Wochen nach ihrer Freilassung hat die im Irak entführte Susanne Osthoff ihr Verhalten verteidigt und die deutsche Botschaft in Bagdad kritisiert.
Nach ihren Angaben ist für ihre Freilassung im Irak von Deutschland Geld gezahlt worden. Die Entführer hatten ein Angebot von den Deutschen, die genaue Summe darf ich nicht nennen, sagte die kurz vor Weihnachten freigelassene Geisel in einem Interview mit der Zeitschrift Stern, das an diesem Donnerstag erscheint. Die erste Summe sei jedoch den Geiselnehmern zu niedrig gewesen - sie mußten ja ihr Gesicht wahren und ihre Kosten decken.
Kritisch äußerte sie sich in dem Gespräch, das nach Angaben der Zeitschrift elf Stunden dauerte und in Bahrein geführt wurde, über die deutschen Vermittlungsbemühungen. Die Entführer hätten am Ende den Glauben an die deutschen Verhandlungsführer verloren, das habe sie in Gefahr gebracht.
Eine Hetzkampagne
Auch nach ihrer Freilassung hätte sie sich mehr Unterstützung gewünscht: Die hätten mich von der Botschaft doch einmal in Schutz nehmen können, sagen, ich sei krank und erschöpft. Statt dessen erlebe ich jetzt eine Hetzkampagne, als hätte ich Deutschland etwas angetan.
Ich glaube, die Deutschen hassen mich, sagte dem Stern Keiner steht an meiner Seite, alle versuchen, mich als arme Irre darzustellen, die zwischen Bomben und Minen planlos durch den Irak hüpft.
Frau Osthoff war am 25. November zusammen mit ihrem Fahrer als erste Deutsche seit dem Sturz des Diktators Saddam Hussein entführt und am 18. Dezember wieder freigelassen worden. Die Umstände ihrer Freilassung sind nach wie vor unklar.
Osthoff: Habe die Hölle erlebt
Über ihr Interview mit dem arabischen Fernsehsender Al Dschazira sagte die Archäologin, sie habe dem Sender in Qatar ein Interview gegeben, weil die Geiselnehmer das von ihr gefordert hätten. Die wollten, daß ich als Frau, die so lange in ihrer Gewalt war, öffentlich demonstriere, anständig behandelt worden zu sein. In arabischen Ländern sei das eine Frage der Ehre.
Jetzt sagte Frau Osthoff dem Stern, sie habe während ihrer Geiselnahme die Hölle erlebt und sei nach ihrer Freilassung schlecht beraten worden.
Wollte mich eigentlich nur bedanken
Den Eindruck, den sie - mit einer Burka bekleidet auf, die nur ihre Augen freiließ und mit teilweise unverständlichen Antworten - bei ihrem Interview im ZDF hinterlassen hat, führte Osthoff auf Schlafentzug während der Geiselnahme und die Nachwirkungen von Medikamenten zurück. Dabei wollte ich mich eigentlich nur bedanken bei Deutschland. Und jetzt bin ich der Buhmann. Ihre Bekleidung erklärte sie mit der Hektik, die damals keine Zeit gelassen habe, sich umzukleiden.
Sie habe nie erklärt, daß sie in den Irak zurück wolle, sagte Osthoff. Ihr größter Wunsch sei es, ihre Tochter wiederzusehen.
Auswärtiges Amt: Haben professionelle Hilfe angeboten
Das Auswärtige Amt wies die Vorwürfe zurück. Das Ministerium habe Osthoff in den Tagen nach der Entführung professionelle Hilfe zur Seite gestellt, sagte ein Sprecher am Mittwoch in Berlin. Zugleich zeigte er Verständnis für die angespannte Situation Osthoffs: Es ist jetzt vor allem wichtig, daß man nicht jedes Wort auf die Goldwaage legt.
Vorwürfe von Frau Osthoff, das Auswärtige Amt habe behauptet, sie wolle in den Irak zurückkehren, wies der Sprecher zurück. Man habe die Warnungen auf der Grundlage von Agenturberichten über ein Interview Osthoffs mit dem Sender Al Dschazira ausgesprochen. Der Sprecher fügte hinzu, es liege dem Auswärtigen Amt sehr am Herzen und sei ihm sehr ernst damit, daß Frau Osthoff nicht in den Irak zurückkehren solle.
BND suchte angeblich Kontakt
Laut Susanne Osthoffs Gespräch mit dem Stern versuchte der BND, ihre Dienste zu nutzen, um über mich an Fotos von angeblichen Terroristen im Sunniten-Gebiet heranzukommen. Sie habe sich aber nicht von hochbezahlten Beamten benutzen und ausbeuten lassen.
Sie sei überzeugt, daß die Entführer einer Unterorganisation des Terrornetzes Al Qaida angehörten, sagte Osthoff. Die Geiselnehmer seien auffällig gut organisiert und über verschiedene Regionen, in denen sie gefangen gehalten worden sei, vernetzt gewesen. Nach Osthoffs Aussagen haben ihr die Geiselnehmer gesagt, sie hätten sie seit Mai 2005 im Visier gehabt. Auslösung der Entführung sei der Regierungswechsel in Deutschland gewesen.
Damit bekräftigte sie frühere Aussagen, nach denen sie von einer Gruppe des Terroristenführers Abu Mussab al Zarqawi entführt worden sei. Einer der Anführer habe gesagt: Ich bin Emir! Von Zarqawi!. Für eine lokale Untergrundgruppe seien die Täter zu gut organisiert gewesen. Weitere konkrete Anhaltspunkte dafür konnte sie jedoch auf weitere Nachfragen hin nicht nennen - nur daß sie einmal korrigiert worden sei, Usama Bin Ladin sei ein Scheich, führt sie als Beweis an.
Ich bin verraten worden!
Nach dem Ende der Geiselnahme hatte es zunächst in Berlin und Bagdad geheißen, bei den Entführern handele es sich um Kriminelle, die auf Lösegeld aus seien. Widersprüchlich wirkt auch, daß sie zunächst einen Anführer der Entführer mit den Worten zitiert, man wisse, daß sie ein Freund des Iraks sei. Kurz darauf verdächtigt sie dessen Gruppe jedoch, sie sei eine jüdische Geheimdienstoffizierin, die für die Amerikaner arbeite.
Susanne Osthoff nimmt in dem Gespräch indirekt Dschamal Dulaimi in Schutz, den früheren Leibarzt Saddam Husseins, bei dem sie in Bagdad vorher gewohnt hatte. Er hatte den Fahrer für ihre Fahrt am Tag der Entführung organisiert: Ich bin verraten worden! Die haben den Fahrer vermutlich kurzfristig ausgetauscht. Das sei ihr klargeworden, nachdem nach über einstündiger Verspätung ein junger Fahrer aufgetaucht sei, der ihr sofort eigenartig vorgekommen sei.
(Siehe auch: FAZ.NET-Spezial: Fragen zum Fall Osthoff)
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AFP, dpa/dpaweb