Hetzjagd auf Inder

„Hier gibt es keine Rechtsextremen“

Inder als Opfer: Gezeichnet von der Schlägerei

Inder als Opfer: Gezeichnet von der Schlägerei

20. August 2007 Nach der Hetzjagd auf indische Besucher eines Stadtfestes am Wochenende im sächsischen Mügeln sucht die Polizei Zeugen. „Wir müssen den genauen Ablauf des Geschehens klären und weitere Hinweise auf die Angreifer sammeln“, sagte eine Sprecherin der Polizeidirektion Westsachsen am Montag. Auch die Vernehmung der Inder werde fortgesetzt. Bislang gab es zwei vorläufige Festnahmen. Die 21 und 23 Jahre alten Tatverdächtigen sind zwar wieder auf freiem Fuß, gegen sie wird jedoch weiter ermittelt.

In der Nacht zum Sonntag waren acht Inder von etwa 50 Deutschen angegriffen und über den Marktplatz gejagt worden. Die Männer fanden schließlich Schutz in einer Pizzeria. Bei dem Angriff hatten nach den Worten der Polizeisprecherin drei der verfolgten Inder, zwei Deutsche und zwei Polizisten leichte bis schwere Verletzungen erlitten. Dazu kämen noch etliche weitere Betroffene mit Schnittverletzungen. Bis auf einen Inder konnten alle Verletzten wieder aus dem Krankenhaus entlassen werden.

Fremdenfeindliche Motive?

Am Tag danach berichten die Opfer den Medien ihre Erlebnisse

Am Tag danach berichten die Opfer den Medien ihre Erlebnisse

Die Sprecherin der Polizei bestätigte, dass es bei dem Angriff ausländerfeindliche Rufe gab. Ein Anhaltspunkt für ein generell fremdenfeindliches Motiv ergebe sich daraus aber nicht, werde aber nicht ausgeschlossen. „Wir ermitteln aber in alle Richtungen.“ Zunächst werde wegen Landfriedensbruch, Körperverletzung und Sachbeschädigung ermittelt. Nach Aussage mehrerer Zeugen seien auch Parolen wie „Ausländer raus“ und „hier regiert der nationale Widerstand“ gerufen worden, sagte die Polizeisprecherin.

Der sächsische Verfassungsschutz hat nach eigenen Angaben keine Anhaltspunkte über organisierte rechtsradikale Vereinigungen in Mügeln. In der Statistik des Landeskriminalamts taucht der Landkreis Torgau-Oschatz im Bezug auf rechtsextreme Gewalt am unteren Ende der Skala auf.

Bürgermeister warnte die Polizei

In diesem Schnellimbiss fanden die Inder in der Nacht Zuflucht

In diesem Schnellimbiss fanden die Inder in der Nacht Zuflucht

Mügelns Bürgermeister Gotthard Deuse (FDP) widersprach einem rechten Hintergrund des Vorfalls. „Bei uns gibt es keinen rechtsextreme Szene“, sagte er. Wenn der Angriff einen fremdenfeindlichen Hintergrund habe, müssten die Täter aus Nachbarorten kommen. Es sei in zwölf Jahren Altstadtfest der erste derartige Vorfall gewesen. „Mügeln mit seinen 5.000 Einwohnern hat sich einen guten Ruf aufgebaut, hier gibt es keine Rechtsextremen“, sagte Deuse. Allerdings habe er schon vor dem Wochenende die Polizei über Gerüchte informiert, dass es bei dem Stadtfest zu Problemen kommen könnte, sagte Deuse dem Fernsehsender N24.

Die Sprecherin der Polizei sagte, es habe zwar Gerüchte gegeben „über einen Überfall auf einen Jugendclub“, denen auch nachgegangen worden sei, „aber was Konkretes wussten wir nicht.“ Es habe eine E-Mail an den Jugendklub gegeben, in der vor einem Überfall gewarnt worden sei. Die elektronische Post habe die Polizei aber bis Montag nicht zu sehen bekommen. Der Jugendklub habe mit den Ausschreitungen der Nacht „überhaupt nichts zu tun gehabt“.

Zuflucht in der Pizzeria

Der Vorfall ereignete sich schon in der Nacht zum Sonntag

Der Vorfall ereignete sich schon in der Nacht zum Sonntag

Die Polizei hatte erst mehr als 20 Stunden nach dem Vorfall offiziell über die Ereignisse berichtet. Auslöser der Hetzjagd sei eine Rangelei ein Stunde nach Mitternacht auf der Tanzfläche im Festzelt gewesen. Ein Deutscher sei beim Tanzen in einem Festzelt angerempelt worden, der daraufhin einen Inder angegangen habe.

Als der Inder mit seinen Bekannten das Zelt verlassen wollte, sei ihnen eine Gruppe von 50 Deutschen gefolgt. Die Inder seien attackiert worden und quer über den Markt in eine nahe gelegene Pizzaria geflüchtet, die einem ihrer Landsmänner gehört. Der Wirt habe sie durch einen Nebeneingang hereingelassen. Zahlreiche Schaulustige verfolgten das Geschehen.

Einige der Deutschen hätten die Eingangs- und Hintertür des Imbisses eingetreten und das Auto des Lokalbesitzers stark beschädigt. Die Polizei schritt nach eigenen Angaben mit 70 Einsatzkräften ein und drängte die Angreifer ab. Zwei Polizisten seien ambulant behandelt worden. Bei den Opfern handele es sich um indische Männer, „ teilweise Markthändler und hier in der Gegend lebende Personen. Die wollten einfach mitfeiern“, sagte die Polizeisprecherin.

„Konsequentes Vorgehen nötig“

Der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma forderte ein „konsequentes Vorgehen“ der Strafverfolgungsbehörden. Zur besseren Bekämpfung rassistisch motivierter Gewalttaten sei „endlich auch ein politisches Signal des Gesetzgebers notwendig“, erklärte der Vorsitzende des Zentralrats Romani Rose am Montag in Heidelberg.

Für solche Taten brauche man „ausdrückliche Strafgesetze, die potenzielle Täter mehr als bisher abschrecken und derartige Straftaten gesellschaftlich besonders ächten“

Text: FAZ.NET mit dpa/AP/ddp
Bildmaterial: dpa

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