Anfang Juni schreckte der sächsische Innenminister Albrecht Buttolo (CDU) die Öffentlichkeit mit einer dramatischen Landtagsrede auf, in der er warnte, ein angeblich vom Verfassungsschutz des Freistaats aufgedecktes Mafia-Netz aus Politikern, Justizangestellten und Immobilienhändlern sei noch aktiv. (Siehe auch: Korruptionsskandal in Sachsen: Schockierende Erkenntnisse) Doch mittlerweile distanziert sich der Minister von seiner Mafia-Rede“. Er sieht sich von einzelnen Verfassungsschützern hinters Licht geführt. Mit Buttolo sprach Reiner Burger.
Ich stand damals sehr unter dem Eindruck der öffentlichen Diskussionen und der Behandlung des Themas in der Parlamentarischen Kontrollkommission, die ja wie ich zum Schluss gekommen war, die freiheitliche demokratische Grundordnung sei durch die vom Verfassungsschutz beschriebenen Vorgänge gefährdet. Ich hatte zum damaligen Zeitpunkt keinen Grund, an den Informationen zu zweifeln.
Der von mir Mitte Juni eingesetzte neue Präsident des Landesamts für Verfassungsschutz informierte mich, dass erhebliche handwerkliche Verstöße vorliegen. Dadurch hat sich meine Einschätzung geändert.
Es stellte sich heraus, dass das grundlegende Vieraugenprinzip nicht konsequent angewendet wurde. Beim Verfassungsschutz ist es üblich, dass die Datenbeschaffung nicht mit der Datenauswertung vermischt werden darf. Hier war es in vielen Fällen so, dass eine Mitarbeiterin beides gemacht hat. Damit ist die Glaubwürdigkeitskontrolle überhaupt nicht vorgenommen worden. Dann wurde ein aktiver Polizist als verdeckte Auskunftsperson verwendet, der von ihm sowieso schon Bekanntes als scheinbar neutrale, zusätzliche Quelle bestätigte.
Nicht von der ganze Behörde. Ich fühle mich aber von einzelnen Personen getäuscht. Vieles ist falsch gewertet und überbewertet worden.
Die Mitarbeiterin hat sich in ihrer früheren Tätigkeit stets durch viel Engagement ausgezeichnet und erarbeitete sich auch im Verfassungsschutzamt einen guten Stand. Und sie hat ja nicht nur mich, sondern auch die Mitglieder der Parlamentarischen Kontrollkommission überzeugt. Wir hatten keinen Ansatz, an ihrer Glaubwürdigkeit zu zweifeln.
Nein, dafür gibt es überhaupt keinen Grund. Ich will mithelfen, aufzuklären. Das ist auch meine Pflicht als Innenminister.
Keineswegs würde ich eine derartige Rede mit dem heutigen Erkenntnisstand noch einmal halten. Ein Widerruf hat keinen Sinn. Mir geht es darum, zu erläutern, dass ich neue Informationen habe, die das Ganze relativieren.
Ich persönlich habe nie von einem Sumpf“ gesprochen. Ich würde heute aber auch keine Korruptionsaffäre bestätigen. Man kann auf der Grundlage der vorhandenen Akten noch nicht einmal mehr von größeren Pfützen reden. Es wird vielleicht einzelne strafrechtlich relevante Dinge geben. Ob es eine Verfassungsschutzaffäre ist, wage ich auch zu bezweifeln. Durch die Verfehlungen Einzelner ist keineswegs die Arbeitsweise des gesamten Landesamts diskreditiert worden.
Aus diesem Grunde habe ich externe Prüfer gebeten, alles genau unter die Lupe zu nehmen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa