04. Dezember 2007 Die internationalen OECD-Bildungsforscher sehen sechs Jahre nach dem deutschen Pisa-Schock wenig Verbesserungen an den Schulen der Bundesrepublik. Beim wichtigen Leseverständnis sowie in der Mathematik gebe es nach dem neuen Schulleistungstest für Deutschland kaum messbare Fortschritte, heißt es in der am Dienstag in Berlin vorgelegten weltweiten Pisa-Studie. Erfreulich seien allerdings die eindeutigen Stärken des deutschen Schulsystems mit einem lebensnahen Unterricht in den Naturwissenschaften.
Nach dem Pisa-Bericht ist die Schulsituation für Ausländerkinder der sogenannten zweiten Generation in keinem anderen Industriestaat der Welt so problematisch wie in Deutschland. Diese bereits in der Bundesrepublik geborenen Kinder von Migranten lägen mit ihren Lernleistungen im Schnitt knapp zweieinhalb Schuljahre hinter ihren gleichaltrigen deutschen Mitschülern zurück.
Insgesamt 400.000 Schüler getestet
In punkto Chancengleichheit hat Deutschland noch große Defizite abzubauen, heißt es in der Erklärung der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Die deutschen Kultusminister sehen hingegen ihre Schulen auf dem Weg nach vorn. Der positive Trend setzt sich fort, hieß es am Montagabend bei einem vorbereitenden Treffen der Schulminister der 16 Bundesländer.
Der deutsche Pisa-Koordinator Manfred Prenzel sieht die Schulen in der Bundesrepublik auf einem guten Reformweg. Die Bundesrepublik habe in den Naturwissenschaften mehr Spitzenschüler als der Schnitt der anderen 30 Industriestaaten. Zudem sei in Deutschland die Zahl der schwachen Schüler in den Naturwissenschaften deutlich geringer. Wenn man seit dem ersten Pisa-Test 2000 den Trend analysiere, dann weise dieser klar nach vorn.
An der Spitze liegen beim Lesen Korea, Finnland und Kanada. In Mathematik führen Finnland, Korea und die Niederlande die OECD-Rangliste an. Insgesamt wurden 400.000 Schüler getestet. In Deutschland weisen die Fünfzehnjährigen aus Akademikerhaushalten beim Lesen einen Vorsprung von 83 Punkten gegenüber Kindern aus benachteiligten sozialen Schichten auf. Die Kluft zwischen schwachen und starken Lesern in Deutschland bleibt größer als in jedem anderen Land unter 57 Staaten, die sich an der dritten Pisa-Runde beteiligten. Trotzdem haben nur Korea und Polen im Laufe der drei Pisa-Studien stärkere Verbesserungen erzielt als Deutschland.
Leistungsunterschiede zwischen einheimischen und ausländischen Schülern
Auch hat sich die Gruppe der schwachen Leser deutlich verringert. Noch immer aber versteht jeder fünfte 15 Jahre alte Jugendliche nicht, was er liest. Die Pisa-Forscher fordern die Lehrer deshalb zu einer konsequenten Leseförderung in allen Fächern auf.
In den naturwissenschaftlichen Fähigkeiten ist der Zusammenhang mit der sozialen Herkunft in Deutschland durchschnittlich ausgeprägt. Japan, Korea und Finnland schneiden dabei besser, Luxemburg und Frankreich deutlich schlechter ab. Während Schüler aus gebildeten Elternhäusern in der letzten Pisa-Studie noch eine viermal so hohe Chance hatten, aufs Gymnasium zu gelangen, ist ihre Chance jetzt (nur noch) doppelt so hoch.
Die Leistungsunterschiede zwischen einheimischen und ausländischen Schülern sind in Deutschland und Belgien nach wie vor besonders ausgeprägt. Besonders groß ist der Leistungsrückstand wiederum bei den Einwandererkindern der zweiten Generation. Jugendliche mit einem ausländischen Elternteil liegen 25 Punkte zurück, Einwandererkinder der ersten Generation 79 Punkte und Einwandererkinder der zweiten Generation 95 Punkte. Deutschland sei ein Land mit großen migrationsspezifischen Kompetenzunterschieden, schreibt der deutsche Pisa-Koordinator Prenzel und verweist gleichzeitig darauf, dass Einwanderer hierzulande einen ungünstigeren Sozialstatus aufwiesen als in klassischen Einwanderungsländern.
Streit über den Pisa-Koordinator Schleicher
Bundesbildungsministerin Schavan (CDU) warnte die Länder angesichts der Pisa-Ergebnisse vor nachlassendem Reformwillen und föderaler Kleinstaaterei. Dringend müsse die frühkindliche Förderung gestärkt werden, damit Kinder aus allen Gruppen vergleichbare Chancen hätten. Ein Wettbewerb unter den Ländern sei zwar erwünscht, aber es fehlten die Spielregeln zwischen den Ländern. Deutschland brauche einen besseren Föderalismus, forderte Frau Schavan.
Unterdessen hat sich der Streit über den Pisa-Koordinator der OECD in Paris, Andreas Schleicher, verschärft. Die Direktorin der OECD, Barbara Ischinger, wies die Angriffe der deutschen Kultusminister auf Schleicher zurück, der die vorveröffentlichten Ergebnisse einer spanischen Lehrerzeitschrift im deutschen Fernsehen kommentiert hatte. Frau Ischinger bedauerte, dass die konstruktive Zusammenarbeit zwischen Deutschland und der OECD bei den Bildungsanalysen unnötig belastet werde. Mehrere Kultusminister hatten nicht nur den Rücktritt Schleichers, sondern auch den Ausstieg Deutschlands aus den OECD-Vergleichsstudien gefordert. Bis zum Jahr 2015 ist Deutschland aber noch vertraglich gebunden. (Siehe auch: Pisa-Studie 2006: Empörung über OECD-Koordinator)
Geld fürs Mitmachen
Nach einem Bericht des Nachrichtenmagazins Der Spiegel haben mehrere Länder die Schüler für die Pisa-Studie mit Geld und Geschenken angespornt. Amerikanische Schüler hätten allein im vergangenen Jahr bis zu 50 Dollar pro Kopf erhalten, wenn sie die Pisa-Fragebögen ausfüllten, berichtete das Nachrichtenmagazin ebenfalls unter Berufung auf ein internes Papier des Pisa-Konsortiums.
In den Niederlanden hätten Schüler zehn Euro fürs Mitmachen bekommen, in Großbritannien Geld, wenn bestimmte Teilnehmerquoten erreicht wurden, und in Slowenien einen Tag schulfrei. In Deutschland wurden nach Angaben des Konsortiums nur Stifte mit dem Aufdruck Pisa als Erinnerung für die Teilnehmer vergeben.
Text: oll., F.A.Z. / FAZ.NET mit dpa
Bildmaterial: AP, ddp