28. November 2009 Längst galt das Verhältnis zwischen Franz Josef Jung und Angela Merkel als gut. Er war im Sommer sogar kurzzeitig als ihr Generalsekretär im Gespräch, weil er sein Können in diesem Job einst auf Landesebene in Hessen bewiesen hatte. Das gute Miteinander war nicht ausgemacht, als Jung 2005 Bundesminister im ersten Kabinett der Bundeskanzlerin Merkel wurde. Er war - daran gab es niemals Zweifel - der Berliner Gesandte des hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch. Auch Frau Merkel wusste das, und sie hatte diesen Handel akzeptiert, nicht zuletzt deshalb, um sich vor Kritik an der Arbeit der Bundesregierung aus Hessen zu schützen.
Das hat funktioniert. Die Zusammenarbeit von Koch und Frau Merkel lief glatt. Jung galt ihr alles in allem als fairer Minister im Kabinett. In der CDU-Führung ist er beliebt. Sein Rücktritt tut mir weh, sagte Präsidiumsmitglied Günther Oettinger, der am selben Tag zum EU-Energiekommissar auserkoren wurde, der F.A.Z. Auch Frau Merkel sieht in Jung keinen Intriganten. Dabei sahen Jung wie Koch die Führungsfähigkeit der CDU-Vorsitzenden kritisch, bevor Jung als Minister unter ihr diente. Beider Vorwürfe waren, dass Frau Merkel sich mit Entscheidungen schwertue und erst handele, wenn sie sich selbst schadenfrei wähne. Ihr Kampfesmut galt den beiden nicht als ebenbürtig.
Er führte brav aus, was die Kanzlerin wünschte
Doch diesen Argwohn stellten die hessischen Freunde Koch und Jung zurück - spätestens als Koch sich mit vermeintlich mutigen und scharfen Wahlkampfaussagen zu kriminellen jugendlichen Ausländern verkalkuliert hatte. Er verlor seine absolute Mehrheit in Hessen und um ein Haar die Macht an die SPD-Landesvorsitzende Ypsilanti. Bis heute gilt er dadurch als geschwächt. Die Bundeskanzlerin jedoch nutzte diese Schwächephase der Hessen nicht machtpolitisch aus, offenbar auch nicht mit abfälligen Bemerkungen in kleiner Runde. Jung hätte das in Berlin erfahren und ohne Zweifel seinen alten Kameraden Koch in Wiesbaden, den bewunderten Kumpel seit frühen Tagen in der Jungen Union, darüber informiert.
Dadurch stieg das Ansehen der Kanzlerin bei Koch. Aber schon zuvor schätzte Jung ihren Regierungsstil im Kabinett als eine Mischung aus Offenheit und Klarheit. Ihm war keine Kritik mehr an Frau Merkel zu entlocken. Er führte allerdings in den vier Jahren als Verteidigungsminister auch brav aus, was die Kanzlerin wünschte. Es war ja nicht seine eigene Idee, sich herumzudrücken um die Vokabel Krieg, was den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan betraf. Es waren Frau Merkel und ihr Vizekanzler und Außenminister Steinmeier (SPD), der zu Jung ein fast freundschaftliches Verhältnis pflegte, die diese Haltung in enger Absprache mit den Alliierten vorschrieben.
Krieg herrsche nach völkerrechtlicher Definition nur, wenn Regierungen ihre Armeen gegeneinander kämpfen lassen. Das sei am Hindukusch nicht der Fall. Jung also hatte die undankbare Aufgabe, das dem Volk und vor allem der eigenen Truppe zu verkaufen, was ihn dort nicht populärer machte. Doch den Dank der Kanzlerin hatte er. Er war als Minister für ihr zweites Kabinett bereits im Wahlkampf fest gesetzt, jedoch keinesfalls abermals als Verteidigungsminister.
Der Winzersohn wollte das Landwirtschaftsressort
Das war schon 2005 nicht sein Wunsch gewesen während der wirren Findungsphase der großen Koalition, die wegen des überraschenden Rückzugs des damaligen CSU-Vorsitzenden Stoiber geradezu chaotisch zu werden drohte. Jung hoffte bis zuletzt, er werde Landwirtschaftsminister. Das war sein Wunschamt, dafür hielt er sich als Winzersohn prädestiniert.
Er kann mit den einfachen Leuten, alljährlich lädt er auf das familiäre Weingut zur Lese, etliche Berliner Kollegen, so auch Regierungssprecher Wilhelm, sind bei der zünftigen Ernteaktion dabei und sehen, wie herzlich und freundlich Jung mit den Arbeitern umzugehen versteht. Doch er musste Verteidigungsminister werden, weil Stoiber nach München floh und der damalige Landesgruppenvorsitzende Glos das eigentlich für Stoiber vorgesehene Amt des Wirtschaftsministers zu übernehmen hatte. Insofern ist das bundespolitische Schicksal Jungs eine Spätfolge von Stoibers Wankelmut.
Endlich schien Jung nun am Ziel angekommen, da holte ihn die Kundus-Affäre doch noch ein. Arbeitsminister, sagte er glücklich auf dem Reichstagsflur unmittelbar nach seiner Vereidigung, das traue er sich zu als mit Arbeitsrecht vertrauter Anwalt. Darauf freue ich mich richtig. Die Freude währte nur 30 Tage.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, REUTERS