Von Dr. Thomas Petersen
17. September 2008 Die Einstellung der Deutschen zu Russland scheint, soweit sich das heute noch nachvollziehen lässt, spätestens seit dem frühen 19. Jahrhundert von einer eigenartigen Widersprüchlichkeit geprägt zu sein. Zeiten, in denen Befremdung und die Furcht vor dem unberechenbaren Riesenreich überwogen, wechselten mit Abschnitten, in denen vor allem in intellektuellen Kreisen ein Gefühl der Verbundenheit und der Bewunderung für die russische Kultur herrschte.
Thomas Mann schrieb in seinen Betrachtungen eines Unpolitischen - mitten im Ersten Weltkrieg - über eine Seelenverwandtschaft von Deutschen und Russen. Die andere, auch in anderen europäischen Ländern verbreitete Seite des Russland-Bildes wird durch eine englische Karikatur aus dem Jahr 1877 veranschaulicht: Russland ist als riesenhafter Kraken dargestellt, der die benachbarten Länder mit seinen Fangarmen erfasst hat und zu erdrosseln sucht. Es ist anzunehmen, dass beide Elemente in den Russland-Vorstellungen der Deutschen stets vorhanden waren, auch wenn mal das eine, mal das andere überwog.
Noch vor kurzem war Putin populärer als Bush
Im heutigen Russland-Bild der Deutschen meint man noch immer Spuren dieser Tradition erkennen zu können, wobei seit den Tagen Gorbatschows eher die positive Seite überwog. Nach dem Irak-Krieg gab es sogar einen kurzen Moment, in dem der gefühlte Abstand der Deutschen in Ost und West zu Russland kaum größer war als zu den Vereinigten Staaten. In den Jahren 2003 und 2004 war Wladimir Putin in Deutschland erheblich populärer als George W. Bush. Doch spätestens seit dem Krieg in Georgien, wahrscheinlich schon früher wegen der energiepolitischen Winkelzüge der Russen gegenüber Nachbarstaaten ändert sich die Wahrnehmung Russlands von neuem.
Dabei haben die Deutschen die Ereignisse im Kaukasus nur mit mäßigem Interesse verfolgt. In der jüngsten Repräsentativumfrage des Allensbacher Instituts für die F.A.Z. von Anfang September gaben 39 Prozent der Befragten an, die Nachrichten vom Krieg zwischen Russland und Georgien genauer verfolgt zu haben, 55 Prozent meinten, sie hätten davon nur am Rande gehört, 5 Prozent hatten nichts davon mitbekommen. Daher sind die Veränderungen im Russland-Bild der Deutschen gegenüber der Zeit vor dem Krieg nicht dramatisch, aber eindeutig.
Nicht einmal ein Fünftel verlässt sich auf Russland
Von Aufregung ist in den Antworten nichts zu erkennen, wohl aber von Ernüchterung. Dies zeigen die Antworten auf die Frage Glauben Sie, dass Russland und Deutschland auf Dauer ein gutes Verhältnis haben werden, oder glauben Sie das nicht?. Jeweils zwei Drittel der Befragten meinten in den Jahren 2001, 2003 und 2004, sie glaubten an ein dauerhaft gutes Verhältnis zu Russland; heute ist der Wert auf 45 Prozent gesunken. Immerhin 25 Prozent sagen, sie glauben nicht daran, doppelt so viele wie vor vier Jahren. Bei der Frage Glauben Sie, Deutschland kann sich auf Russland verlassen, wenn es darauf ankommt, oder glauben Sie das nicht? entscheiden sich heute noch 17 Prozent für die Antwort, Deutschland könne sich auf Russland verlassen. 2003 waren es 27 Prozent.
Parallel dazu hat Wladimir Putin bei den Deutschen in einem Maße an Ansehen verloren, das mit dem Absturz des Vertrauens zu George W. Bush nach Beginn des Irak-Kriegs zu vergleichen ist. Auf die Frage Haben Sie von Wladimir Putin eine gute oder keine gute Meinung? antworten heute 16 Prozent, sie hätten eine gute Meinung. Vor vier Jahren äußerten sich noch 34 Prozent positiv über den damaligen russischen Präsidenten. Der Anteil derer, die keine gute Meinung über Putin haben, stieg in derselben Zeit von 18 auf 45 Prozent. Auch der neue Präsident Dmitri Medwedjew wird überwiegend negativ beurteilt. 83 Prozent der Bevölkerung haben schon einmal von Putins Amtsnachfolger gehört, von diesen sagen 8 Prozent, sie hätten eine gute, 35 Prozent jedoch, sie hätten keine gute Meinung über ihn.
Sympathien für Georgien sind kaum größer
Über die Ziele der russischen Politik macht sich die Mehrheit der Deutschen keine Illusionen. Das zeigen die Antworten auf eine Dialogfrage, bei der ein Bildblatt mit zwei Figuren im Schattenriss vorgelegt wurde. Jeder Figur war eine Aussage zugeordnet. Die eine lautete: Russland will mit seiner Politik meiner Meinung nach seinen Einfluss in der Welt ausdehnen. Russland will vor allem seinen Machtbereich erweitern. Die Gegenposition war: Da bin ich anderer Meinung. Russland will im Grunde nichts anderes, als die Position behalten, die es jetzt hat. Russland verteidigt nur seinen Einfluss in Osteuropa. Die Frage zu dem Bildblatt lautete: Hier unterhalten sich zwei, was Russland mit seiner Politik eigentlich will. Welcher sagt eher das, was auch Sie denken? 47 Prozent der Befragten entschieden sich für die erste Position und schrieben der russischen Politik damit imperiales Streben zu, nur 36 Prozent wählten die zweite Einschätzung.
Bei der Frage, wie die westlichen Länder darauf antworten sollten, zeigt sich die Bevölkerung gespalten. 40 Prozent stimmen bei einer weiteren Dialogfrage der Aussage zu: Ich finde, der Westen sollte gegenüber Russland klar Stellung beziehen. Es ist offensichtlich, dass Russland versucht, sich in Osteuropa auszudehnen. Das dürfen die westlichen Länder nicht einfach hinnehmen. 39 Prozent entschieden sich für die Gegenmeinung. Eindeutiger ist das Urteil über die Entscheidung der Nato, die Zusammenarbeit mit Russland erst einmal nicht zu vertiefen. Hier sagt eine relative Mehrheit von 44 Prozent, das sei richtig, nur 25 Prozent halten die Entscheidung für falsch. Das Versprechen der Nato, Georgien eines Tages ins Bündnis aufzunehmen, begrüßen dagegen nur 15 Prozent, während 40 Prozent meinen, das sei keine richtige Entscheidung gewesen. Insgesamt sind die Sympathien der Deutschen für Georgien nicht wesentlich größer als für Russland.
Abhängigkeit von Öl und Gas gefürchtet
Das wiedererwachte Misstrauen der Deutschen gegenüber Russland ist auch daran zu erkennen, dass die Abhängigkeit Deutschlands von russischen Öl- und Gaslieferungen mit großer Skepsis betrachtet wird. Auf die zugespitzte Frage Fürchten Sie, dass Russland seine Bedeutung als Energielieferant ausnutzen wird, um Deutschland politisch zu erpressen, oder glauben Sie das nicht, halten Sie Russland da für einen verlässlichen Partner? antworteten 44 Prozent, sie fürchteten, Russland werde Deutschland politisch erpressen, nur 23 Prozent halten Russland in dieser Hinsicht für vertrauenswürdig. Folgerichtig spricht sich eine Mehrheit der Deutschen dafür aus, in Zukunft, wenn möglich, weniger Erdöl und Gas aus Russland zu beziehen, und zwar unabhängig davon, ob im Gegenargument darauf hingewiesen wird, dass auch andere Ölförderländer keine verlässlichen politischen Partner sind, oder ob stattdessen betont wird, dass Deutschland auf russisches Öl und Gas angewiesen ist. In beiden Fällen sagen mehr als 50 Prozent, Deutschland sollte sich möglichst unabhängig von Russland machen.
Trotz dieser Besorgnisse fühlt sich die deutsche Bevölkerung von der Machtpolitik Russlands letztlich wenig bedroht. Auf die Frage Einmal ganz allgemein gefragt: Glauben Sie, dass Russland eine Bedrohung für Deutschland darstellt, oder glauben Sie das nicht? antworten nur 15 Prozent, sie glaubten, Russland stelle eine Bedrohung dar, eine Mehrheit von 53 Prozent glaubt dies nicht. Dennoch verändern sich die Wahrnehmungen. Eine Trendfrage lautete: Ist Russland heute noch eine Weltmacht, oder kann man Russland nicht mehr als Weltmacht bezeichnen? Jetzt sagen 62 Prozent der Befragten, Russland sei eine Weltmacht. Im Jahr 2004 waren nur 38 Prozent dieser Meinung. Ein wenig, so meint man, imponieren den Deutschen die russischen Machtdemonstrationen. In dieselbe Richtung deuten die Ergebnisse eines Assoziationstests, bei dem die Befragten Russland bestimmte Begriffe zuordnen konnten. Bei Russland könne man an Weltmacht denken, meinten 75 Prozent, 67 Prozent dachten an berechnend, 66 Prozent an aufstrebend, immerhin 61 Prozent auch an Gefahr.
Kaukasus-Krise beeinflusst das Verhältnis zu Russland kaum
Wie wenig sich die Deutschen durch die Entwicklung Russlands selbst betroffen fühlen, zeigt sich daran, dass die Antworten auf Fragen nach den aktuellen deutsch-russischen Beziehungen seltsam unberührt von der Sorge angesichts der russischen Politik gegenüber Osteuropa und Transkaukasien bleiben. Die Frage Hat sich nach Ihrem Eindruck das Verhältnis zwischen Deutschland und Russland in den letzten drei Jahren verbessert oder verschlechtert, oder ist es weitgehend unverändert geblieben? beantworten 21 Prozent mit verbessert, 25 Prozent mit verschlechtert; 43 Prozent meinen, an den deutsch-russischen Beziehungen habe sich nichts Wesentliches verändert. Es herrscht nicht der Eindruck vor, die Beziehungen hätten sich verschlechtert. Der Anteil derer, die auf die Frage Glauben Sie, dass Russland alles in allem den guten Willen zur Zusammenarbeit mit Deutschland hat, oder glauben Sie das nicht? antworten: Es hat den guten Willen, hat seit dem Mai dieses Jahres sogar zugenommen. Ein erheblicher Teil der Bevölkerung glaubt anscheinend nicht, dass Russland die Beziehungen zu Deutschland aufs Spiel setzen wird.
Die Deutschen verfolgen die russische Außenpolitik mit wachsendem Misstrauen, aber ohne Furcht. Sie sind sich nicht sicher, wohin das Machtstreben Russlands noch führen wird. Auf die Frage Neulich sagte uns jemand: ,So, wie sich Russland in letzter Zeit verhält, droht uns bald wieder ein kalter Krieg.' Finden Sie, der hat recht oder nicht recht? ist die Antwort gespalten. 39 Prozent stimmen der Aussage zu, 31 Prozent halten sie für falsch, fast ein Drittel ist unentschieden.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z.