Krankenhäuser

Ein Fall für die Intensivstation

Von Oliver Hoischen

Zu wenig Geld: Nicht nur viele Ärzte klagen über eine Unterfinanzierung in Krankenhäusern

Zu wenig Geld: Nicht nur viele Ärzte klagen über eine Unterfinanzierung in Krankenhäusern

24. September 2008 Wer schon einmal im Krankenhaus lag und vor lauter Schmerzen nicht mehr weiterwusste, wer dann die Klingel über seinem Bett drückte und wartete und wartete und wartete - dem ist die Reform der Krankenhausfinanzierung, über die derzeit in Berlin gestritten wird, alles andere als egal. Offenbar fehlt es den mehr als zweitausend Krankenhäusern in Deutschland an allen Ecken und Enden.

Einer wie Holger Strehlau, Geschäftsführer der Horst-Schmidt-Kliniken in Wiesbaden, weiß ein Lied davon zu singen: „Die Patienten merken es natürlich, wenn Pfleger und Schwestern weniger Zeit für sie haben und vielleicht nicht mehr so häufig ins Zimmer kommen“, sagt er. Zehn Prozent der Planstellen habe man in Wiesbaden abbauen müssen - allerdings sollen die Patienten davon erst einmal nichts mitbekommen; weniger Leute gibt es dort vor allem in der Verwaltung oder im Labor, Ärzte wurden sogar eingestellt. Doch seien die „Rationalisierungsreserven“ in seinem Haus jetzt aufgebraucht, meint Strehlau.

Rasante Kostensteigerungen

Fast überall in Deutschland protestierten Klinikmitarbeiter in den vergangenen Monaten gegen die knappen Budgets - wie hier im Juli in Osnabrück

Fast überall in Deutschland protestierten Klinikmitarbeiter in den vergangenen Monaten gegen die knappen Budgets - wie hier im Juli in Osnabrück

Wenn nur die Kosten nicht so rasant gestiegen wären: Zum Beispiel habe man in diesem Jahr 112 Millionen Euro für das Personal ausgeben müssen, im kommenden würden es 5,2 Millionen mehr sein - wegen der saftigen Tarifsteigerungen. Woher soll das Geld kommen? „Die Krankenkassen erstatten uns bisher nur 1,6 Millionen Euro zusätzlich“, rechnet Strehlau vor. Und fordert: Der Bund müsse Tariferhöhungen künftig vollständig ausgleichen.

So geht es weiter: Die höhere Mehrwertsteuer hat die Krankenhäuser belastet, die Streichung der Arzneimittelrabatte und der sogenannte Sanierungsbeitrag für die Krankenkassen. Und nicht zuletzt auch die Energiepreise: Um vier Prozent seien die Kosten dafür in seinem Haus gestiegen, sagt Strehlau. Erstattet bekomme das Krankenhaus aber nur 1,4 Prozent. Und Strom wird viel verbraucht in einer Klinik: in der Radiologie, den klimatisierten Operationssälen. Insgesamt sollen den deutschen Krankenhäusern 6,7 Milliarden Euro fehlen.

Reform der Krankenhausfinanzierung beschlossen

Die Reform der Krankenhausfinanzierung, die das Bundeskabinett am Mittwoch nach monatelangem Ringen zwischen Bund und Ländern beschlossen hat, soll die Notlage der Kliniken nun lindern: Mit drei Milliarden Euro und einer neuen Finanzierung will der Bund den etwa 2100 deutschen Kliniken aus ihrer Not helfen. Rund 21.000 Pflegestellen sollen zusätzlich innerhalb von drei Jahren aufgebaut werden. Damit beginne eine „neue Zeitrechnung“, weil die Krankenhäuser „dauerhaft mehr Geld“ erhielten, lobte Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD).

Doch Ärzte und die Krankenhausgesellschaft kritisieren den Beschluss als völlig unzureichend. Er sieht vor, dass die anstehenden Tarifsteigerungen zur Hälfte von den Kassen übernommen werden und für die neue Pflegerinnen und Pfleger 70 Prozent der Kosten bezahlt werden. Im Gegenzug hatten die Länder die mittelfristige Verstetigung ihrer Investitions-Zahlungen zugesagt - allerdings nur auf freiwilliger Basis. Für den laufenden Betrieb sind die Kassen zuständig, für Investitionen in Gebäude und Infrastruktur die Länder. Doch gerade die Länder haben bisher gespart. Angeblich nur noch 44 Prozent der Summe von vor zehn Jahren investieren sie in ihre Krankenhäuser.

Geld für Modernisierung fehlt

So können in der Klinik in Wiesbaden manche Dinge nur noch notdürftig instand gehalten werden: Die Essenswagen werden zum Teil weiter von Hand gefahren, obwohl es längst fahrerlose Transportsysteme gäbe, durch deren Einsatz man Personalkosten sparen könnte. „Das Land Hessen gibt nicht genug Geld für seine Krankenhäuser aus“, klagt Strehlau - und andere Geschäftsführer würden es genauso sagen. Zweibettzimmer mit eigenem Bad? Darauf müssen die Patienten der Wiesbadener Klinik verzichten, für die nötige Modernisierung fehlt einfach das Geld.

Quo vadis, Krankenhausversorgung?

Quo vadis, Krankenhausversorgung?

Wenige Zahlen zeigen, wie sehr sich die Krankenhauslandschaft in den vergangenen Jahren verändert hat: Rund zehn Prozent der Kliniken wurden geschlossen, Betten gibt es sogar zwanzig Prozent weniger - gleichzeitig aber wurden rund fünfzehn Prozent mehr Patienten behandelt. Die bleiben freilich kürzer als früher, die Verweildauer ist von 14 Tagen im Jahr 1991 auf 9,2 Tage im Jahr 2006 gesunken. Freitags kommen und erst montags operiert werden - diese Zeiten sind vorbei.

Zudem sind die meisten Patienten heute älter und kränker als früher. „Diesen Spagat zwischen steigendem Versorgungsbedarf und schwindenden Ressourcen halten die Kliniken und ihre Mitarbeiter nicht mehr länger aus“, klagt darum der Präsident der Ärztekammer, Jörg-Dietrich Hoppe. Eine gute Patientenversorgung, die auch das Gespräch am Krankenbett, Zuwendung und Zuspruch für die Patienten umfasse, sei nicht mehr möglich. Hoppe spricht von einer „Überbelastung ungeahnten Ausmaßes“, die zunehmend auch die Patienten gefährde.

Massiver Protest angekündigt

Profunde Untersuchungen - das wird durch die schlechte finanzielle Versorgung mehr und mehr gefährdet, so die Ärzte

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Mehr als 60.000 Demonstranten wollen darum am Donnerstag vor das Brandenburger Tor in Berlin ziehen. Auch der Präsident des Deutschen Städtetags, der Münchner Oberbürgermeister Christian Ude, wird dabei sein. „Wenn die Entwicklung so weitergeht, drohen ein Krankenhaussterben und eine Privatisierungswelle. Das werden auch die Patienten unmittelbar zu spüren bekommen“, sagt er. Denn wahrscheinlich ist, dass der Weg zum nächsten Krankenhaus künftig weiter wird, gerade auf dem Land. Ude warnt, ein Kliniksterben in großem Stil würde die Grundversorgung der Bevölkerung gefährden. Und sagt: „Viele Krankenhäuser sind selbst zu Patienten geworden und ein dringender Fall für die Intensivstation.“

Text: F.A.S./FAZ.NET
Bildmaterial: AP, dpa

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