Helmut Schmidt

Das Monument

Von Günter Bannas

Leitender Angestellter der Bundesrepublik a.D.: Helmut Schmidt

Leitender Angestellter der Bundesrepublik a.D.: Helmut Schmidt

23. Dezember 2008 In den Zeiten der Krise erlebt Helmut Schmidt eine Renaissance, die viel mit ihm und einiges mit seinen Nachfolgern in der deutschen Politik zu tun hat. Seine Rolle scheinbar untertreibend, hat er sich einst als „erster Angestellter“ des Staates bezeichnet. Er galt als Macher und Krisenmanager, was so weit ging, dass in den Jahren nach seinem Ausscheiden aus der Politik die Frage gestellt wurde, was von ihm historisch bleibe.

Adenauer – Westintegration der Bundesrepublik. Brandt – Ostpolitik. Aber Schmidt? Die Ölkrise bewältigt. Den Terrorismus bekämpft. Den wirtschaftlichen Aufstieg Chinas vorhergesehen. Den Euro mittels des Europäischen Währungssystems (EWS) vorbereitet. Einst galt das als wenig. Nun wird es anders gesehen. Nostalgie ist auch dabei – die siebziger Jahre, die Kanzlerjahre Schmidts, waren Zeiten wachsender Realeinkommen und steigender Renten.

Eine Fülle neuer Biographien

Vier Biographien sind in diesem Jahr über Helmut Schmidt erschienen. Ein eigenes Werk („Außer Dienst“) und das seiner Frau Loki („Erzähl doch mal von früher“) stehen oben in den Bestsellerlisten und in den Schaufenstern der Buchhandlungen im Regierungsviertel von Berlin. Talkshows, Interviews, Parteitage. Er ist der älteste lebende ehemalige Bundeskanzler.

Er mag es genießen, dass jene Generation von sozialdemokratischen Politikern, die ihm einst das Leben schwergemacht und auch zu seinem Scheitern beigetragen hat, ihn nun verehrt wie eine Kultfigur: führungsstark, entschieden, geschliffen, durchsetzungsfähig, ein Rhetoriker, ein Staatsmann, auch ein Publizist. Hohe Einschaltquoten gab es für jenen Fernsehfilm, der zur „Tatort“-Zeit die Tage des Herbstes 1977 wiederaufleben ließ. Ihm scheinen solche Spielfilme nicht zu passen, was den Eindruck noch verstärkt: Welch ein Kanzler!

Helmut Schmidt kann erleben, wie es ist, wenn die Leute über einen sagen, früher sei alles besser gewesen. Eine Generation ist es her, dass er aus dem Amt des Bundeskanzlers ausschied. Verklärungen bleiben nicht aus. Die Proteste gegen seine Pro-Kernkraft-Politik, der Widerstand gegen den von ihm mit herbeigeführten Nato-Doppelbeschluss („Nachrüstung“ wurde das genannt), der Widerspruch gegen seine Sparpolitik – sie liegen im tiefen Dunkel der Vergangenheit. Die Protestierer von damals haben umgedacht. „Wir waren alle auf der anderen Seite“, hat Franz Müntefering jetzt gesagt. Und: „Mir ist Schmidt immer näher ans Herz gewachsen.“ Schmidts Kritik an der „außerparlamentarischen Opposition“ („68er Bewegung“), weil die dem Terrorismus („Baader-Meinhof-Bande“) den Boden geebnet habe, wird ihm nun als lässliche Sünde nachgesehen. Dass die Grünen in seiner Kanzlerzeit und ausdrücklich gegen ihn und seine Politik gerichtet entstanden, spielt für die Gefühlslage der Heutigen keine Rolle mehr.

Lafontaines Kritik an Schmidts „Sekundärtugenden“

Für Nachgeborene ist er zu einem wie Adenauer oder Bismarck geworden. Er kann von früher berichten: über die Zeit, als es wegen der Ölkrise ein Sonntagsfahrverbot und als es eine KSZE gab, als Hans-Jürgen Wischnewski aus Mogadischu mitteilte, die Geiseln der „Landshut“ seien befreit. Er kann von Leonid Breschnew und von Jimmy Carter erzählen, von Adenauer im Bundestag und von Godesberg, vom Soldatsein im Krieg, von der Nazi-Zeit und von einer SPD, die mehr als 40 Prozent der Stimmen bekam. Wenn seine Partei in seinen Augen kanzlertaugliche Kanzlerkandidaten kürt, wird Schmidt in die erste Reihe gesetzt, als sei sein Segen erwünscht. Gerhard Schröder hat Rat bei ihm gesucht. Frank-Walter Steinmeier tut es auch. Fotos sind erwünscht.

Angela Merkel meint sich zu erinnern, wie das war, als Schmidt als Innensenator seiner und ihrer Geburtsstadt vorstand. Das war 1962, es ging um die Sturmflut, und Frau Merkel war noch keine acht Jahre alt. Ihre Würdigung war auch ein politisches Signal des Friedensschlusses ihrer Partei mit dem Sozialdemokraten. Schon früher dachten viele in der CDU, Schmidt sei ein guter Kanzler, dummerweise nur in der falschen Partei. Junge Sozialdemokraten sahen das damals umgekehrt. Oskar Lafontaines schlimmes Wort, mit Schmidts „Sekundärtugenden“ sei auch ein KZ zu führen, hat sich gegen den Urheber und gegen dessen Absichten gewandt. Der alte Mann und die Revisionen der Gegenwart.

Das Gegenteil der gegenwärtigen Verhältnisse

Es mag daran liegen, dass Schmidt das Gegenteil der gegenwärtigen Verhältnisse verkörpert – aus heutiger Sicht jedenfalls. Ein Leben lang mit derselben Frau verheiratet. Ein Kanzler, der Klavier spielen konnte (und immer noch kann). Einer, der sich auf Karl Popper und Immanuel Kant berief und sie auch gelesen hatte. Einer, der nach der Kanzlerschaft einen Beruf ergriff, ohne dass sich die Leute wütend erregten, der darin auch eine zweite Berufung fand, ohne dass die Leute rufen, er solle doch bitte als „Ex“ den Mund halten. Das Gegenteil ist der Fall.

Helmut Schmidt im Zeitraffer des vergangenen Jahrhunderts: Jugend in Hamburg-Barmbek, Abitur 1937, Kriegsdienst, britische Gefangenschaft, Studium der Staatswissenschaften und der Volkswirtschaft, 1946 SPD-Mitglied, Referent beim Senat in Hamburg, 1953 in den Bundestag gewählt, 1961 Innensenator in Hamburg, 1965 Rückkehr in den Bundestag, 1966 Fraktionsvorsitzender, 1969 Verteidigungsminister, 1972 Finanzminister und gleichzeitig ein paar Monate auch Wirtschaftsminister, 1974 Bundeskanzler, 1982 Ablösung durch Helmut Kohl, Bundestagsabgeordneter bis 1987, Mitherausgeber der Wochenzeitung „Die Zeit“ seit 1983. Ein breites Feld.

Vom Alter gebeugt, ist er nun zur Ikone geworden, zur Ikone auch aller Raucher der Republik, die nun in die Kälte und vor die Tür geschickt werden. Schmidt raucht in Büros, in Fernsehstudios und auf Parteitagen. Beinahe hätte er sogar gegen Gesetze verstoßen, die die Bätzings der Republik durchgesetzt haben. Eine gesprächsweise aufgezeichnete Kolumne in der „Zeit“ wird „Auf eine Zigarette“ genannt. Das gibt ihm, dem an sich gesetzestreuen Republikaner, etwas Widerständiges, was auf verpuppte Weise daran erinnert, dass sie ihn einst „Schmidt Schnauze“ nannten, als er noch nicht Staatsmann oder auch nicht Weltökonom war.

Gebrochenes Wahlversprechen

Ein Parteitagsfoto von früher: Herbert Wehner, der Fraktionsvorsitzende, den sie den „Onkel“ nannten, mürrisch paffend, Willy Brandt, der Vorsitzende, elegant mit Zigarillo, Schmidt, der Kanzler, mit schneidigem Gesicht und dunklem, vollem Haar, an der Pfeife ziehend. Nicht immer haben die drei an einem Strang gezogen. Doch gab es noch nicht die Dauerschlagzeilen vom „Streit in der SPD“. Die drei trugen ihre Konflikte auf hohem Niveau aus. „Troika“ hat man sie genannt.

Schmidt hat nun das Glück, dass ihm im Kern nicht mehr widersprochen wird. Es ist das Vorrecht des Älteren, des Alten, dass er das Recht der freien Meinungsäußerung genießen kann, ohne in den kleinkrämerischen Teil der Politik gezogen zu werden. Weil er nicht mehr politische Verantwortung trägt, ist er nicht mehr Gegenstand des politischen Streites. „Die Qualität seines Urteils ist einzigartig“, hat Bundespräsident Köhler geäußert. „Helmut Schmidt hat immer an die Kraft der Freiheit und der Demokratie geglaubt“, schrieb Frau Merkel. Äußerstenfalls wird – von Müntefering – gesagt: „Ich will nicht immer seiner Meinung sein. Aber ich will sie hören.“

Schmidt aber muss nicht mehr hören, dass auch er ein Wahlversprechen („Rentenlüge“, 1976) brach. Er muss sich nicht mehr gegen Vorwürfe verteidigen, die Belange der Entwicklungsländer und des Umweltschutzes zu missachten. Sein Spruch „Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen“ wurde ehedem, 1980, als ziemliche Bosheit verstanden und war auch so gemeint. Von heute aus gesehen, wird es neu interpretiert: Er habe, scheinbar uneitel, Karikaturen und Irrtümer über ihn beflügelt. Nun gilt sein eigenes Leitmotiv: „Politik ist pragmatisches Handeln zu sittlichen Zwecken.“

In den sechziger Jahren hatte Schmidt zu den ersten (damals jüngeren und modern wirkenden) Politikern gehört, die ihre Familie mit in Wahlkämpfe einführten, was heutzutage unter dem Begriff „Homestorys“ bekannt ist. Nun wird sein Geburtstag medial begangen wie nie. Schmidt entzieht sich den Inszenierungen nicht. Auch er hat sie befeuert. An diesem Dienstag vor 90 Jahren wurde Schmidt in Hamburg geboren. In tabellarischen Lebensläufen ist die Formel übermittelt: „Der Vater erzog den Sohn spartanisch.“

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, ddp, dpa

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