Beck und die Medien

Der Mythos von der Meute

Von Nils Minkmar

28. Juni 2008 Kurt Becks mitleiderregende Lage wird nun den darüber berichtenden Journalisten angekreidet – und zwar von Journalisten: Die Berliner Journaille hätte den Provinzler fertiggemacht und damit ihre Geringschätzung für Landstriche gezeigt, deren „Bewohner Bier- und Weinfeste bevölkern statt Lesben- und Schwulenparaden“, so die Entgleisung von Hans-Ulrich Jörges im „Stern“. Mal abgesehen davon, dass gerade die große viertägige Christopher Street Day Parade zu Trier mit einer sicher sehr geselligen Moselschifffahrt ausklingt, muss dieser verlogen regressiven Verschwörungstheorie schon aus medienökologischen Gründen widersprochen werden, übrigens auch aus Respekt für den hier so entmündigend beschützten Kurt Beck: Der Mann ist für seine Erfolge, aber eben auch für seine Fehler selbst verantwortlich.

Kurt Becks Anfang als SPD-Chef wohnte ein medialer Zauber inne: Als er auf dem Wiesbadener Weihnachtsmarkt mit Enrico Frank aneinander geriet und ihm zurief, sich erst mal zu rasieren und zu waschen, dann finde er auch einen Job, ging das gut aus für den Mainzer. Sein Ausbruch wurde als authentischer Ausdruck eines alten sozialdemokratischen Reflexes gewertet, „Bild“ war auf Becks Seite, und auch diese Zeitung würdigte die an sich ja eher unfreundliche Eruption des Landesvaters. In jener Anfangszeit lautete der Tenor der zahllosen Porträts in „Spiegel“, „Stern“ und allen Tages- und Wochenzeitungen, mit Beck könne die SPD jene Volksnähe zurückgewinnen, die in der „Agenda“-Zeit verlorengegangen war. Kurt Beck ist außerdem sehr nett, das lässt, zumal nach dem Mackerton der rotgrünen Jahre, kein Journalistenherz kalt.

Eine echte Chance

Noch im September des vergangenen Jahres führte Franz Walter in der „Welt“ aus, Beck sei ein Politprofi aus echtem Schrot und Korn, so ganz anders als der „Typus der Büroleiter und Geschäftsführer“ von Müntefering bis Steinmeier, und habe daher eine „echte Chance“: Mit zäher Authentizität könne man in langer Perspektive beeindrucken – „selbst gegen die Süffisanz großstädtischer Leitartikler“. In der „Zeit“ hatte ein Jahr davor, also 2006, Tina Hildebrandt Becks Machtwillen gewürdigt, der sich so abhebe von der zögerlichen Art Platzecks. These des Artikels: „Kurt Beck ist gefährlicher, als es oft scheint.“ Außerdem stand da: „Rot-Rot kommt für ihn nicht in Frage. Die PDS ist für ihn immer noch die Erbin der Mauer- und Schießbefehlspartei SED.“

Pilgerfahrten nach Steinfeld, Reisen nach Afghanistan und Ruanda, Touren durch Deutschland – das große Bild blieb trotz der sinkenden Werte und der verlorenen Landtagswahlen durchaus respektvoll, ja mehr noch, die Journalisten bemühten sich erkennbar, nur solche Maßstäbe anzulegen, die Beck auch erfüllen konnte. Menschen sind geduldig und Journalisten, genau genommen ja auch Menschen, offenbar noch geduldiger: Mangelnde Neugier, mangelnde Englischkenntnisse und wenig Charisma wären zwar drei gute Gründe, einen Bewerber auf einen Redakteursposten abzulehnen, nicht aber den SPD-Chef, der in dummer, selbstverschuldeter Lage zum langen, einfühlsamen Interview, sei es bei „Beckmann“ oder im Magazin der „Süddeutschen“, gebeten wurde.

Das ist doch ein Rückfall

Auch Becks seltsame Rede auf dem Hamburger Parteitag wurde auf tausend Aspekte hin geprüft, die Hand tat einem weh vom Mitschreiben der ausufernden Ansprache über alles und jedes, aber man nahm es doch wichtig. Es war dann ein ehemaliges Parteivorstandsmitglied, das eine ebenso lässige wie entzaubernde Handbewegung in Richtung des Podiums machte: „Das ist doch ein Rückfall in die SPD der Fünfziger. Das ist doch nichts!“ Leider wahr. Beschämt sah man auf all die vollgekritzelten Seiten.

Bei allen Vorbehalten, die sich in Bezug auf seine Kreativität und sein Charisma ergaben, wurden Kurt Beck seine Aufrichtigkeit, Zuverlässigkeit und im besten alten Wortsinn seine Biederkeit hoch angerechnet.

In Wahrheit trauten sich die Journalisten selbst nicht über den Weg und kamen sich, wo sie Beck unterkomplex fanden, vor wie der Stadtneurotiker, der beim Dorffest allergisch rumniest und nach Sushi verlangt, während der Landesvater unter dem Jubel des Publikums in der Schüssel nach den Schweineschnauzen langt.

Extra dumpf und elementar

Die ganze Debatte leidet unter jenem grassierenden Elitevorbehalt, der auch die amerikanische Politik so lange prägte und unter George Bush fatale Auswüchse trieb: Plötzlich galten Logik sowie Volvo, Evian und Apple-Computer, als dekadentes Hobby einer linken Schickeria, und wer in der Politik überleben wollte, musste sich extra dumpf und elementar geben.

Die absurden Blüten schildert Barack Obama in seinem Buch „The Audacity of Hope“: Bei seiner ersten Wahlkampfreise über Land bekam der von der Partei abgestellte Medienberater einen mittleren Anfall, als der Kandidat in einer Truckerkneipe nicht bloß nach Senf, sondern nach Dijon verlangt. Sonderwünsche, das gehe nun gar nicht, wirke frankophil, so könne er den Kontakt zu den Menschen gleich vergessen, etc. pp., ein Monolog, der so lange dauert, bis die Kellnerin, Dijon, na klar, murmelnd, das Glas auf den Tisch stellt.

Wahrhaftigkeit ist immer noch das größte Kapital eines Kandidaten, und Beck hat es mit seinem Manöver vor der Hamburgwahl verspielt. Eine Öffnung zur Linkspartei, in einer großen Rede dargelegt und dem Votum eines Parteitags unterbreitet, wäre weniger desaströs gewesen als dieser nächtens angetestete Spurwechsel. Zu einem Geisterfahrer steigt man nicht ins Auto, ob er nun aus der Pfalz oder vom Mond kommt.

Ausdruck des schlechten Gewissens

Es hat aber auch keinen Sinn, nun aus Gründen eines angeblichen Provinzlerschutzes so zu tun, als könne aus Kurt Beck noch ein großer Kanzler werden. Das ist kein Mangel an Respekt: Viele fähige und beliebte Deutsche werden nicht Bundeskanzler und fühlen sich dadurch nicht herabgewürdigt.

Die endgültige Verantwortung für dieses Desaster trägt, da hat der dem Pfälzer demütigenderweise zu Hilfe eilende andere Provinzpolitiker Oskar Lafontaine schon recht, die Führung der SPD, die einen erfolgreichen Ministerpräsidenten nie für die kurzfristige Lösung eines Personalproblems auf Bundesebene hätte verfeuern dürfen. So ist es sicher auch als Ausdruck des schlechten Gewissens zu werten, wenn von dort die schärfsten Angriffe auf den Rudeljournalismus kommen. Nun aber wie Wolfgang Thierse im Interview mit dem Deutschlandradio zu behaupten, es gebe in Deutschland eine „Meinungsführerschaft“, und zwar der „Springer-Presse“, ist ein Zeichen für den dort immer noch grassierenden Wahnsinn.

Sicher, Journalisten sind viele, man kann sie eine Meute nennen, am Problem aber ändert das nichts, und die Entwicklung dieser Woche bedeutet für Kurt Beck nichts Gutes: Wenn die Meute schon auf sich selbst losgeht – und auch dieser Text ist Teil davon –, gibt es woanders wirklich nichts mehr zu beißen. Die Geschichte ist auserzählt.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche