Von Mechthild Küpper, Berlin
06. Juli 2008 In einer Bildungsstätte der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi am Berliner Wannsee hat am Wochenende der im Mai neu gewählte Vorstand der Linkspartei seine erste Klausurtagung abgehalten. Was Lothar Bisky, der gemeinsam mit Oskar Lafontaine die Partei führt, und der stellvertretende Parteivorsitzende Klaus Ernst am Sonntagmittag mitteilten, wirkte jedoch nicht wie das Resultat lebhafter Diskussionen, von denen Bisky gesprochen hatte, sondern wie die gesammelten Neins zu allen Rentenbeschlüssen von Rot-Grün und der großen Koalition: Die gesetzliche Rente soll wieder zur tragenden Säule der Alterssicherung werden und zu diesem Zweck seien sämtliche Kürzungsfaktoren der vergangenen Jahre rückgängig zu machen. Rentenpolitik solle sich am Leistungsziel orientieren, nicht daran, dass die Beträge gedeckelt würden.
Langfristig strebt die Linkspartei die Rente mit 60 an - ohne Abschläge. Selbstverständlich, sagte Ernst, werde dazu der Steuerzuschuss an die Rentenkasse erhöht werden müssen. Bisky berichtete, am Samstag habe Lafontaine lange über die Frage der Glaubwürdigkeit gesprochen. Zur Zeit wachse die Linkspartei, weil sie Nichtwähler mobilisieren könne. Sie müsse anstreben, durch realistische Politikvorschläge Wähler zurück zu gewinnen, damit sich die Leute nicht enttäuscht Rechtsextremisten zuwendeten.
Mit Hoffnungen der Bürger korrespondieren
Die SPD sei in einer Vertrauenskrise, sagte Bisky, und wenn die CDU weiterhin in Ostdeutschland mit dem großen Geschichtsprügel arbeite, dann mobilisieren die Leute dort ihre eigenen Erfahrungen. Die Linkspartei müsse versuchen, Kümmererpartei zu bleiben, auch wenn dazu inzwischen ihre Kräfte nicht mehr überall ausreichten. In Ostdeutschland sei sie bundes- und europapolitisch die stärkste der Parteien. Sie müsse daher darauf achten, mit den Hoffnungen und Erwartungen der Bürger zu korrespondieren und für einen Politikwechsel Partner zu finden.
Als Kompromiss zwischen dem von Lafontaine repräsentierten Flügel in der Linkspartei, der vor allem den Sozialstaat westdeutscher Prägung wiederherstellen will, und neueren Ansätzen in der Sozialpolitik, für die etwa die sächsische Bundestagsabgeordnete Katja Kipping steht, wurde am Sonntag der Beschluss gewertet, dass nach Anrechnung von Einkommen und Vermögen künftig kein Rentner weniger als 800 Euro im Monat erhalten solle. Dafür soll außer einem Steuerzuschuss das Rentensystem so verändert werden, dass schrittweise alle Erwerbstätigen in die gesetzliche Rentenversicherung einbezogen werden.
Bisky kandidiert für Europaparlament
Am Wochenende wurde die Nachricht bestätigt, dass Bisky 2009 nicht noch einmal für den Bundestag, sondern für das europäische Parlament kandidieren will, das im selben Jahr gewählt wird. Er ist Vorsitzender der europäischen Linkspartei, der Die Linke angehört. Es existiere ein Entwurf einer gemeinsamen Wahlplattform von 28 europäischen linken Parteien, sagte Bisky. Auf einer Konferenz im November in Berlin soll die endgültige Fassung für den Wahlkampf 2009 beschlossen werden.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: ddp