Leserbrief

Der BND steht zu seiner Geschichte

16. Juni 2008 Zum Beitrag von Lutz Hachmeister "Weiße Flecken in der Geschichte des Bundesnachrichtendienstes" (F.A.Z.-Feuilleton vom 13. Mai): Der Autor ruft die Lebenswege von SD-Angehörigen in Erinnerung, die potentiell in Kriegsverbrechen involviert gewesen waren und ihren Weg in die Organisation Gehlen, das Ministerium für Staatssicherheit der ehemaligen DDR und angeblich auch in den BND gefunden haben.

Eine auf Archivbestände gestützte wissenschaftliche Erforschung der "Organisation Gehlen", die vor der Gründung der Bundesrepublik Deutschland unter amerikanischer Aufsicht durchgeführt wurde und als solche bis zur Übernahme als Bundesnachrichtendienst im Jahre 1956 bestand, gibt es bislang nicht. Die deutschen Archivbestände werden vom BND verwaltet.

Aus guten Gründen wird eine Zäsur zu machen sein zwischen der in der Verantwortung der Bundesregierung stehenden Entwicklung des Bundesnachrichtendienstes seit 1956 einerseits und der Geschichte und den Verwaltungsgrundsätzen der im Eigenbau nach dem Zweiten Weltkrieg entstandenen Organisation Gehlen andererseits, die von den Vereinigten Staaten finanziell unterhalten wurde. Die Überschrift des Aufsatzes ist also irreführend und lastet in subtiler Weise dem BND und damit der Bundesregierung die Verantwortung für die Organisation Gehlen auf - bewusst?

Amerikanisches Archivmaterial - auch zu der in amerikanischen Diensten stehenden Organisation Gehlen - ist in großem Umfang veröffentlicht worden und ist damit der wissenschaftlichen Forschung zugänglich, auch der deutschen. Der erste Verbindungsoffizier der CIA zur Organisation Gehlen, James Critchfield, wertete das Material in gewissem Umfang in seinen Erinnerungen über die Zusammenarbeit mit der Organisation Gehlen aus (deutsche Fassung "Auftrag Pullach - Die Organisation Gehlen 1948-1956, Mittler-Verlag 2005), und so tut es auch Timothy Naftali in seiner Rezension des Critchfield-Buches, die unter dem Titel "Berlin to Bagdad - The Pitfalls of Hiring Enemy Intelligence" (Foreign Affairs, Juli/August 2004) erschien. Naftali relativiert den Nutzen der Aufklärungsarbeit der Organisation Gehlen für die amerikanischen Streitkräfte und für die Nato und stellt ihn als "fragwürdig" dar.

In meiner von der Zeitschrift "Foreign Affairs" (November/Dezember 2004) veröffentlichten Replik stelle ich auf die Korrektur dieser Abwertung des Nutzens der nachrichtendienstlichen Arbeit der Organisation Gehlen für die amerikanischen Streitkräfte und die Nato ab und weise darauf hin, dass in den unmittelbaren Nachkriegsjahren andere Strukturen für die Beschaffung nachrichtendienstlicher Informationen über die sowjetischen Streitkräfte in Mittel- und Osteuropa nicht zur Verfügung standen. Hachmeister legt mir in seinem Hinweis auf die in der Zeitschrift "Foreign Affairs" publizierte Kontroverse die Worte in den Mund: Man muss "die Beschäftigung von Kriegsverbrechern pragmatisch abwägen mit dem verzweifelten Bedürfnis der Vereinigten Staaten nach Informationen über die sowjetischen Streitkräfte und die kommunistischen Regime in der Nachkriegszeit." Hochmeister unterschlägt die von mir bei der Beurteilung der moralischen Dimension der amerikanischen Zusammenarbeit mit der Organisation Gehlen, in der frühere SS- und SD-Angehörige tätig waren, ganz bewusst getroffene Feststellung, dass man auf die Kooperation mit "möglichen" Kriegsverbrechern nicht habe verzichten können. Mit keinem Wort habe ich die Nutzung erwiesener Kriegsverbrecher moralisch gerechtfertigt. Am Schluss der Replik stelle ich fest, dass die besonderen Umstände der unmittelbaren Nachkriegszeit die Nutzung "fragwürdiger" Personen gerechtfertigt habe. Nach Umwandlung der Organisation Gehlen in den Bundesnachrichtendienst wurde die Überprüfung des Personals eingeleitet, wie es auch bei der Bildung der Bundesregierung und ihres Apparats im Jahre 1949 und danach der Fall gewesen war.

Es wäre für den Autor des hier beanstandeten, in der F.A.Z. erschienenen Aufsatzes schon gut gewesen, bei einer so sensiblen Frage genau auf die Worte zu achten, die ein früherer Präsident des BND in seiner Stellungnahme benutzt hat. Der Bundesnachrichtendienst muss zu seiner Geschichte stehen und die Archive dieser Zeit nach und nach öffnen. Das geschieht. Die ersten Veröffentlichungen liegen vor, zum Beispiel die vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt als Band 14 der Schriftenreihe "Militärgeschichte der DDR" herausgegebene wissenschaftliche Arbeit von Matthias Uhl und Armin Wagner zum Thema "BND contra Sowjetarmee", eine Arbeit, die die kontinuierliche, fundierte und damit erfolgreiche Aufklärung der Sowjetstreitkräfte in der DDR durch den BND detailliert dokumentiert.

Die Organisation Gehlen war eine Struktur eigener Art. Sie konnte in der unübersichtlichen Lage des besetzten und von den vier Mächten verwalteten Deutschlands und dem unübersehbaren Wetterleuchten eines aufkommenden neuen Konflikts zwischen der Sowjetunion und den Westmächten entstehen und bestehen. Im Windschatten dieses Konfliktes konnten sich zunächst auf der Ebene von Ländern demokratische und rechtsstaatliche Strukturen entwickeln und schließlich auch mit dem Grundgesetz auf der Ebene des Bundes: Bis 1956 blieb die Verantwortung für die äußere Sicherheit bei den Alliierten. Erst danach konnte die Bundesregierung einen eigenen Auslandsnachrichtendienst aufbauen.

Dr. Hans-Georg Wieck, Botschafter a.D., Präsident des BND a.D., Berlin

Text: F.A.Z.

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