01. April 2006 In der nächsten Woche wird es an der Rütli-Hauptschule in Berlin-Neukölln einen Medientag geben. Dann können die Lehrer viel von ihren Schülern lernen. Die einen füttern die Sensationsgier, die anderen versuchen, Informationen statt Skandale zu vermitteln.
Seit Donnerstag erleben die Schüler in der Rütlistraße einen regelrechten Belagerungszustand, die Krokusse in den Blumenkübeln sind von Kameraleuten zertrampelt, und nach Hause strebt am Freitag mittag kaum einer. (Dazu auch: Video: Ein neuer Anfang für die Rütli-Schule?)
Keinen Mut mehr
Auch die Schülerinnen der benachbarten Heinrich-Heine-Realschule nicht. Bei ihnen sei wieder mehr Unterricht ausgefallen als gegeben worden, berichtet die 13 Jahre alte Ebru. Ihr und ihren Freundinnen ist es wichtig, mit den Reportern zu sprechen, sie wollen nicht die Krawallschachteln vom Dienst sein. Der Kleine aber mit den großen Zähnen, der unter seiner Kapuze so gefährlich dreinschaut, der weiß, was Medien wollen: Ich bin der Pate von Neukölln!
Was über die Rütli-Schule gesagt, gezeigt, geschrieben wurde, sei wild übertrieben, die Fotos von steinewerfenden Teenagern hätten Fotografen regelrecht inszeniert, sagen Ebru und ihre Freundinnen. Es sei keine Terrorschule. Die Hälfte der Hauptschüler aber hat ihrer Meinung nach keinen Mut mehr. Sie machten, was sie wollten. Einige Lehrer wüßten, daß sie ihr Gehalt auch dann bekommen, wenn sie sich nicht anstengten, fügt eine andere hinzu.
Die zarte Sümeyya berichtet, sie habe keine Angst in der Schule. Ein Mädchen, das sich Nancy nennt, holt eine Boulevardzeitung aus der Tasche und schimpft: Die Rütli-Schule sei gut, sie sei gern dort, alles werde maßlos übertrieben, ja sei gelogen. Besonders regt sie sich über ein Foto auf, das drei Mädchen von hinten mit der Überschrift: Angst! zeigt.
Auf diesem Auge sind wir blind
Ich begreife nicht, wie einem Schulsenator jahrlang verborgen bleiben kann, daß eine ganze Schule komplett unkontrollierbar ist und im Chaos versinkt, sagt die FDP-Abgeordnete Mieke Senftleben und fordert eine parlamentarische Anhörung aller Leiter mutmaßlicher Brennpunktschulen.
Auch der Vorsitzende des Landeselternausschusses, Andre Schindler, wirft dem Bildungssenator Versagen vor, schiebt aber die Verantwortung für die Gewalttätigkeit an Schulen nicht allein der Politik zu, sondern allen: Auf diesem Auge sind wir blind geworden.
Vier Wochen alter Hilferuf
Senator Klaus Böger (SPD), der am Freitag den kommissarischen Schulleiter in der Rütli-Schule vorstellte und Stunden dort verbrachte, gab auf der Straße geduldig Interviews. Der Hilfebrief des Kollegiums - die Schulleiterin ist seit Beginn des Schuljahrs im vergangenen Spätsommer krank und wird nun pensioniert, eine heillos überforderte Stellvertreterin konnte nicht entlastet werden, weil sich wegen des offenbar schlechten Rufs der Rütli-Schule niemand für die Stelle fand - stamme vom 2. März.
Er habe davon am 30. März in der Zeitung gelesen, stellt Böger fest, der sich wünschte, die regionale Schulaufsicht würde solche Briefe schneller expedieren. Der Brief ist doch nicht an die Presse geschickt worden! schimpft die Schülerin Nancy und weist wie der Senator darauf hin, daß diese Art von Publicity bei der Suche nach Praktikumsplätzen gewiß nicht helfen wird.
Äußerst eloquente arabische Rapper
Deutsch, das wird am Freitag in der Rütlistraße klar, ist nicht das Problem in der Heine-Realschule und der Rütli-Hauptschule. Die Schüler sind äußerst eloquent, selbst die arabischen Rapper, die für die Rundfunkmikrophone rührend vom Getto reimen, können sich bestens ausdrücken.
Was die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Maria Böhmer, nach ihrem Besuch der Schule der Presse mitzuteilen hat, interessiert die Schüler weniger als die dicken dunklen Autos, mit denen sie vorgefahren war. Die Polizisten - der Schultag in der Rütlistraße begann unter Polizeischutz - stehen diskret am Eingang der Straße. Taschen wurden nicht kontrolliert.
Wir haben alle versagt
Die Bronx ist weit weg - aber die Viertel, in denen Lehrer fraglos Respektspersonen sind, ebenso. Zuhause werden sie autoritär erzogen, während in den Schjulen die Autoritäten schwach sind, sagte der Leiter des Arabischen Kulturinstituts in Berlin, Nazar Mahmood. Wir haben alle versagt: Politik, Behörden, Migrantenvereine und Eltern. Der Vorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft, Wolfgang Speck, sagte, Polizisten vor der Schule seien nur eine Lösung für heute, morgen oder übermorgen, dann muß die soziale Lösung beginnen.
Die skandalöse Art, mit der das erzieherische Problem an der Rütli-Schule bekannt wurde, soll nach dem Willen von Böger rasch positive Folgen bekommen. Er ermutigte die Kollegien von Rütli- und Heine-Schule, enger zu kooperieren. Eine Order aber werde er nicht geben. Die 58 Berliner Hauptschulen - zehn Prozent der Schüler besuchen sie - würden enger in die Sozial- und Jugendhilfe einbezogen. Die Rütli-Schule bekommt zwei Sozialarbeiter. Nach meinem Besuch bin ich viel optimistischer, als ich es gestern nach dem Lesen des Briefes war, sagte Böger.
Seine Vor-Vorgängerin, Sybille Volkholz (Grüne), die in Stiftungen und Vereinen an Hilfsangeboten für Schulen in Bedrängnis arbeitet, spricht von einer Kette von Verantwortungslosigkeit. Sie kennt ausgezeichnete Schulen, die in schwierigen Vierteln arbeiten. Schulen könnten auch in schlechten Gegenden gut werden, sie könnten viel professionelle Hilfe bekommen. Wo aber Schule mißlingt, müssen sich ihrer Meinung nach alle fragen lassen, was sie dazu beigetragen haben.
Bildmaterial: AP, ddp, dpa/dpaweb