Bundeswehr

Rekrutierungsbüros in jeder Fußgängerzone?

Von Eckart Lohse

27. August 2007 Die Fußgängerzone einer beliebigen deutschen Stadt mit 30.000 Einwohnern, wir schreiben das Jahr 2010. Ein Blumengeschäft, drei Telefonläden, ein Ramschverkäufer mit fernöstlichen Drei-Euro-Produkten, eine Pommesbude und irgendwo dazwischen ein Rekrutierungsbüro.

Fritten und Handys, kennen wir ja - aber ein Rekrutierungsbüro? Ganz recht. Da werden Soldaten angeworben für die Bundeswehr. Dafür sind in den Räumlichkeiten der Kreiswehrersatzämter, in denen man sich zuvor um die Wehrpflichtigen gekümmert hat, ein paar Zimmer frei geworden. Armee im Wandel.

Bundeswehr als Tochter der Deutschland AG

Ob die Voraussage des SPD-Bundestagsabgeordneten Jörn Thießen, ohne Wehrpflicht müssten überall Rekrutierungsbüros eingerichtet werden, zutrifft, wird sich zeigen. So viel aber ist sicher: Die Sozialdemokraten haben nun auch den Weg in Richtung Abschaffung der Wehrpflicht eingeschlagen, auf dem FDP, Grüne und „Die Linke“ ohnehin wandeln; nur noch die Union verteidigt den staatlich verordneten Dienst an der Waffe.

Damit könnte die Bundeswehr bald zu einem auf Sicherheit spezialisierten Tochterunternehmen der Deutschland AG werden. Und das muss sich neue Methoden einfallen lassen, um seine Soldaten zusammenzubekommen.

„Bürger in Uniform“

Die Deutschen tun sich aus leicht nachvollziehbaren historischen Gründen besonders schwer mit dem Charakter ihrer Armee. Noch heute gehört das Argument, die Bundeswehr solle idealerweise ein Spiegelbild der Gesellschaft sein, eine Zusammensetzung von „Bürgern in Uniform“, zu den Kernsätzen der Wehrpflichtbefürworter.

Im Grunde treibt diese aber weniger die Sorge um, die Bundeswehr könnte zu einer von der Gesellschaft losgelösten Institution mutieren und der politischen Kontrolle entgleiten, als vielmehr die Frage, wie ohne Wehrpflicht an eine ausreichende Zahl von Soldaten zu kommen ist, vor allem qualifizierter Leute.

Nicht der Durchschnitt der Gesellschaft

Wer ist es, der heute Deutschland am Hindukusch verteidigt? Jörn Thießen, der bis 2005 das Sozialwissenschaftliche Institut der Bundeswehr (Sowi) im nahe Berlin gelegenen Strausberg leitete, sagt, es sei nicht der Durchschnitt der Gesellschaft, der zur Bundeswehr wolle.

Vielmehr seien unter den Bewerbern überdurchschnittlich viele mit einem schlechten Schulabschluss oder einem Migrationshintergrund. Doch fügt er gleich hinzu, damit unterscheide die Bundeswehr sich nicht von den Armeen anderer Länder. Die Wissenschaftler des Instituts kommen zu dem Schluss, das Interesse, Soldat zu werden, sei bei den Hauptschülern am größten, bei solchen mit Hochschulreife am geringsten.

Wehrpflichtigen-Jahrgang gut durchmischt

Umfassende Statistiken, die genau ausweisen, welchen Bildungsgrad Soldaten in welchen Laufbahnen und Verwendungen haben und wie sich das in den vergangenen Jahren entwickelte, hat die Bundeswehr nicht. Einiges ist jedoch bekannt. Von den etwa 33.000 Offizieren sind etwa die Hälfte Akademiker.

Untersucht man einen einigermaßen durchschnittlichen Wehrpflichtigen-Jahrgang der jüngsten Zeit, so findet sich folgendes Ergebnis: 27 Prozent sind Abiturienten, 6,5 Prozent haben Fachhochschulreife, 34 Prozent die Mittlere Reife, 27 Prozent einen Hauptschulabschluss, und nur 4,5 Prozent haben die Hauptschule ohne Abschluss verlassen. Der Anteil von Sonderschülern liegt bei unter einem Prozent.

Die Mehrheit bewirbt sich direkt bei der Truppe

Die Zahlen sind von Belang, da die Bundeswehr 40 Prozent ihres Unteroffiziers- und Offiziersnachwuchses über Wehrdienstleistende abdeckt. Der Rest, also die Mehrheit, bewirbt sich allerdings jetzt schon ohne den Umweg über die Wehrpflicht bei der Truppe.

36.000 derjenigen, die sich um eine Stelle als Zeitsoldat bewerben, geben übrigens an, dass sie auf Arbeitssuche seien. Allerdings ist die Zahl mit Vorsicht zu genießen, da sie auch Bewerber umfasst, die sich nach der Schule in einer Phase der Orientierung arbeitslos gemeldet haben.

„Heimatnahe“ Verwendung

Über die Zahl der Soldaten mit Migrationshintergrund, die derzeit bei der Truppe sind, gibt es ebenfalls keine umfassenden Statistiken. Dass es eine zunehmend große Zahl ist, bestreiten jedoch weder Politiker noch Militärs. Im Jahr achtzehn nach dem Ende der Blockkonfrontation wird auf deutschen Kasernenhöfen zwar nicht dauernd, aber auch nicht selten Russisch gesprochen.

Viele aus Russland kommende Spätaussiedler gehen zur Bundeswehr. Da ihre Familien in der Regel eng beieinander wohnen, finden sich bei „heimatnaher“ Verwendung viele Nachbarn aus dem Zivilleben in derselben Kaserne wieder.

Keine Sprachprobleme - Befehle werden verstanden

Ein zweites Phänomen, das von Militärs wie Soziologen beschrieben wird, ist die größere Zahl von Kindern in den meisten Migrantenfamilien. Wer nur einen Sohn habe, der tue sich schwerer damit, diesen Soldat werden zu lassen, als jener mit mehreren Söhnen. Das gelte allemal angesichts des gestiegenen Risikos bei den Einsätzen.

Von größeren Sprachproblemen wird nicht berichtet, die Befehle würden verstanden, allenfalls beim Aufsetzen von Dokumenten komme es schon mal zu Formulierungsschwierigkeiten, berichtet ein Militär. Allerdings sind Soldaten ohne Migrationshintergrund gegen solche Probleme auch nicht gefeit.

Rekrutierung mit Wehrpflicht ist einfacher

Je kleiner die Jahrgänge werden und je größer der politische Druck wird, die Wehrpflicht abzuschaffen, desto dringender stellt sich den Verantwortlichen die Frage, wie sie in Zukunft genügend und ausreichend qualifizierte Soldaten finden sollen. Um dieses zu ergründen, hat das Verteidigungsministerium das Sozialwissenschaftliche Institut der Bundeswehr mit regelmäßigen bundesweiten Erhebungen beauftragt, die aufzeigen sollen, welche Jugendliche sich mit dem Gedanken tragen, Soldat zu werden.

So lässt sich erstens die Rekrutierung mit bestehender Wehrpflicht leichter planen. Zweitens wird aber auch deutlich, welche Schwierigkeiten entstehen, den nötigen Nachwuchs zu gewinnen, wenn die Wehrpflicht wegfallen sollte.

„Interesse am Arbeitgeber Bundeswehr“

Ein Hauptaugenmerk gilt dabei Ostdeutschland. Denn regional gesehen ist die Zusammensetzung der Bundeswehr keinesfalls ein Spiegel der Gesellschaft. 35 Prozent aller Soldaten kommen momentan aus den ostdeutschen Ländern, bei den Wehrpflichtigen sind es sogar mehr als 40 Prozent.

Noch beeindruckender sind die Zahlen bei den - wichtigen - Wehrpflichtigen, die sich während ihres Dienstes entscheiden, freiwillig länger zu bleiben, damit im Übrigen für Auslandseinsätze in Frage kommen: Mehr als 52 Prozent von ihnen stammen aus Ostdeutschland.

Die Wissenschaftler haben auch eine Erklärung dafür: „Je höher die Arbeitslosigkeit, desto größer ist das Interesse an einer beruflichen Tätigkeit bei der Bundeswehr.“ Daher könne man in den von der Arbeitslosigkeit besonders betroffenen Regionen Nord- und Ostdeutschlands ein „überdurchschnittliches Interesse am Arbeitgeber Bundeswehr“ finden.

„Freiwilliger flexibler Kurzdienst“

Deswegen weist die jüngste Studie des Sozialwissenschaftlichen Instituts der Bundeswehr auch besonders auf den Bevölkerungsrückgang in Ostdeutschland hin: „In den kommenden fünf Jahren wird sich die Zahl der Absolventen und Abgänger aus allgemeinbildenden Schulen in den neuen Bundesländern nahezu halbieren.“ Das alarmiert die Verantwortlichen. Denn die Bundeswehr braucht nicht nur Nachwuchs, der muss - wie gesagt - auch qualifiziert sein.

Was könnte helfen? Rekrutierungsbüros? Mag sein. Vielleicht auch der von den Grünen vorgeschlagene „Freiwillige flexible Kurzdienst“, der bis zu 23 Monate dauern soll und eine Möglichkeit wäre, zu prüfen, ob das Berufsziel Soldat in Frage kommt.

Auf die eigene Truppe sollten sich die Verantwortlichen bei der Nachwuchswerbung nicht ausschließlich verlassen. Eine Umfrage des Deutschen Bundeswehrverbandes unter 45.000 seiner Mitglieder kam vor kurzem zu dem Ergebnis, dass mehr als 73 Prozent der befragten Berufssoldaten ihren Angehörigen und Freunden den Dienst in den Streitkräften nicht empfehlen.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
Bildmaterial: F.A.Z.-Greser&Lenz

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