Demographie

„Im Jahr 2015 Schock in Ostdeutschland“

Von Stephan Löwenstein, Berlin

16. März 2006 Eine Studie des privaten Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung hat ergeben, daß vor allem strukturschwache Regionen in Ostdeutschland, im Ruhrgebiet und im Saarland durch den zunehmenden Bevölkerungsrückgang bedroht sind.

Dort nehmen nach den Ergebnissen der Untersuchung, die am Mittwoch in Berlin vom Vorstandsvorsitzenden des Instituts, Fleisch, und seinem Direktor Klingholz vorgestellt wurde, Überalterung und Bevölkerungsschwund besonders stark zu.

Nur im Vatikan gibt es weniger Geburten

Junge und gut ausgebildete Menschen zögen auf der Suche nach einem Arbeitsplatz vor allem in die strukturstarken Gebiete Baden-Württembergs und Bayerns. So blieben die Alten, Arbeitslosen und Geringqualifizierten zurück, wodurch sich dort das Problem potenziere, heißt es in der Studie. Die arbeitslosen und schlecht qualifizierten Männer fielen als Familiengründer weitgehend aus.

Spätestens im Jahr 2015 werde der Osten den „zweiten demographischen Wendeschock“ erleben, weil dann eine wegen des Geburtenrückgangs nach 1990 halbausgefallene Generation als Eltern fehlen werde, sagte Klingholz. Nach der Wiedervereinigung war die Geburtenrate in den neuen Ländern auf durchschnittlich 0,77 Kinder pro Frau zurückgegangen.

Die ohnehin schon niedrige Geburtenrate sei in Deutschland weiter gesunken, heißt es in der Untersuchung weiter. Derzeit bringe jede Frau in der Bundesrepublik durchschnittlich 1,36 Kinder zur Welt. „Damit ist Deutschland Spitzenreiter im negativen Sinn“, sagte Klingholz. Fleisch sagte, das sei der niedrigste Wert in der Welt außer dem Vatikan.

Mangelnde Vereinbarkeit von Familie und Beruf

Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes kamen 2005 etwa 680.000 Kinder zur Welt. Das sei der niedrigste Wert seit 1945. Bis 2050 sei zu erwarten, daß sich die Zahl der Neugeborenen halbiere, sagte Klingholz.

Die Vorsitzende des Familienausschusses des Bundestags, Griese, sagte: „Wir müssen noch mehr Anstrengungen unternehmen, um zu einer kinderfreundlichen Gesellschaft zu werden.“ Hauptproblem sei immer noch die mangelnde Vereinbarkeit von Beruf und Kind. Frau Griese bekräftigte die Forderung nach mehr Kinderbetreuungsplätzen.

„Die Geburtenrate ist in Europa dort am höchsten, wo die Frauenerwerbsquote hoch und die Kinderbetreuung gut geregelt ist“, sagte sie. Sie vermisse eine echte Wahlfreiheit. Die klassische Hausfrauenrolle werde unter anderem durch das Ehegattensplitting und die kostenfreie Krankenversicherung erheblich gefördert. Gut ausgebildete Frauen wollten diese Rolle aber nicht mehr einnehmen. „Sie wollen Familie und Beruf. Deswegen stecken wir Milliarden in den Ausbau der Kinderbetreuung und das neue Elterngeld“, sagte Frau Griese.



Text: F.A.Z., 16.03.2006, Nr. 64 / Seite 1
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb

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