Von Albert Schäffer
25. April 2008 Mit dem Slogan Meer zu sehen wirbt die bayerische Marktgemeinde Prien am Chiemsee. Zwar stehen einem ungehinderten Blick auf adriatische Gewässer immer noch die Alpen im Weg - und bisher ist auch kein Sonderprogramm der Staatsregierung bekannt, diesem Missstand abzuhelfen.
Aber immerhin wird der Chiemsee im Volksmund das Bayerische Meer genannt; wer als holländischer Tourist durch Meer zu sehen auf die falsche Fährte gelockt wird, kann immerhin im Erlebnisbad Prienavera bei einem Cocktail die Augen schließen und maritime Weiten imaginieren.
Auf die Kraft der Vorstellung war die Staatsregierung auch am Donnerstag angewiesen gewesen, als es um den Maibaum (dem abgebildeten ähnlich) ging, den sie vor ihrer Vertretung in Brüssel aufstellen will. Gestiftet von einer Priener Familie, war das Prachtstangerl vor seiner Reise nach Belgien Spezialkräften mehrerer Trachtenvereine in Obhut gegeben worden - zur strengen Bewachung.
Denn zu einem beliebten Zeitvertreib gehört es in Bayern, Maibäume vor ihrer Aufstellung zu entwenden und nur gegen eine großzügige Zuwendung von Naturalien flüssiger und fester Konsistenz zurückzugeben.
In Prien schlugen nun Spezialkräfte eines Rundfunksenders zu: Sie machten den Maibaum ausfindig und schafften ihn über die Gemeindegrenzen. Der Maibaumbeauftragte der Staatsregierung, Europaminister Söder, zögerte nicht, bedingungslos zu kapitulieren und ein großzügiges Angebot für die Auslöseverhandlungen anzukündigen: Da werde ich mich nicht lumpen lassen.
Nicht lumpen ließ sich auch die SPD am Donnerstag: Söder missbrauche bayerisches Brauchtum zur persönlichen Profilierung, warf sie dem Europaminister vor und warnte vor einer kitschigen Sepplshow in Brüssel.
Keine Frage: Nicht nur Prien liegt nahe am Meer, ganz Bayern ist geographisch in Bewegung und rückt an die politische Mitte Europas, an Brüssel, heran. Edmund Stoiber, der Großmeister der Aktenvermerke, streitet dort gegen die Bürokratie; auch Markus Söder hat in der belgischen Hauptstadt zu sich gefunden, als Maibaumaufsteller; und die SPD entdeckt in Brüssel endlich ihre Identität als Anti-Sepplshow-Partei.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Bernd Helfert