30. Mai 2008 Salomon Korn vom Zentralrat der Juden ist mit dem Urteil gegen den Rabbiner-Attentäter unzufrieden und beklagt die Tendenz im Land, das Problem des Antisemitismus herunterzuspielen. In der F.A.Z. spricht er über Judenfeindschaft unter Muslimen.
Sie sind mit dem Frankfurter Urteil gegen den Rabbiner-Messerstecher - dreieinhalb Jahre Gefängnis - nicht zufrieden. Warum?
Für mich ist besonders ein Aspekt wichtig: die Verwendung von Schmähbegriffen wie Scheißjude, Judenschwein, Saujude. Das Gericht hat meiner Meinung nach diesen Punkt nicht zutreffend beurteilt.
Was werfen Sie dem Gericht vor?
In erster Linie Teile der Urteilsbegründung. Dem Angeklagten wurde so gut wie alles zu seinen Gunsten ausgelegt, dabei aber der Gesamtzusammenhang, in dem die erwähnten Schmähworte fielen, nicht genügend berücksichtigt.
Heißt der Gesamtzusammenhang für Sie Antisemitismus?
Wenn ein solcher Zusammenstoß zwischen einem Juden und einem Muslim stattfindet, würde ich eher von Judenfeindschaft sprechen. Denn traditionell pflegen jene gegen Juden eingestellten Muslime eher religiöse als rassistische Vorurteile. Leider hat sich das in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten geändert. Im Zuge des Erstarkens muslimischen Fundamentalismus und islamistischen Terrors hat ein Teil der Muslime den biologistisch begründeten Rassenhass des Nationalsozialismus übernommen.
Auch der Rabbi-Messerstecher?
Ich bin überzeugt davon, dass das Schimpfwort Judenschwein oder Saujude für ihn eine andere Bedeutung hatte als für einen Christen oder einen Atheisten. Das Schwein gilt in der muslimischen und jüdischen Religion als besonders unrein und abstoßend. Wer einen anderen ein Schwein nennt, erniedrigt ihn in besonderem Maße. Eine solche Schmähung hat zwischen Muslimen und Juden immer auch eine religiös-herabsetzende, auf die Entwertung der Persönlichkeit zielende Einfärbung. Diesen Aspekt, so scheint mir, hat das Gericht nicht ausreichend gewürdigt.
Bei manchen Jugendlichen ist allein das Wort Jude ein Schimpfwort. Macht Ihnen das Sorgen?
Gewiss, denn es lässt sich nicht mit dem Hinweis auf den Slang von Jugendlichen abtun. Ich habe immer die Ansicht vertreten, das Wort Jude sollte möglichst von allen benutzt werden, damit es nicht mehr wie zu den braunen Zeiten als Schmähbegriff empfunden wird, sondern in die Alltagssprache übergeht und von jedem Deutschen ohne Herzklopfen und ohne Vorbehalte ausgesprochen werden kann.
Sind zu viele muslimische Jugendliche hier anfällig für Judenhetze?
Ja. Der heutige Antisemitismus besitzt für seine Verbreitung neue Instrumentarien: Internet und Satellitenfernsehen. Muslime können jetzt Sendungen aus muslimischen Ländern empfangen, die nichts anderes sind als Hasspropaganda. Zum Beispiel gab es im ägyptischen Fernsehen eine 42-teilige Serie auf Grundlage des antisemitischen Klassikers Die Protokolle der Weisen von Zion. Diese judenfeindliche Hetze hat dank Satellitenfernsehen eine Verbreitung, die die nationalsozialistische Propaganda nie erreichen konnte.
Wird die Judenfeindlichkeit unter gewissen Muslimen in Deutschland unter den Teppich gekehrt?
Ich kann keine soziologischen Daten vorlegen oder Umfrageergebnisse. Aber aus Erfahrung weiß ich, dass es in Deutschland eine Tendenz gibt, das Problem des Antisemitismus herunterzuspielen. Ich schließe nicht aus, dass auch bei den am Frankfurter Verfahren Beteiligten der untergründige Wille vorhanden war, den für das Ansehen Deutschlands unangenehmen Messerangriff auf einen Rabbiner zur einfachen Straftat herabzustufen.
Wollen hierzulande manche Leute Judenfeindlichkeit nicht wahrhaben, weil es sie vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte einfach nicht mehr geben darf?
Weil, wie Christian Morgenstern treffend feststellt, nicht sein kann, was nicht sein darf. Nach diesem Motto, so mein Eindruck, wird zuweilen verfahren. Das war zum Beispiel der Fall bei einem Peter Krause, der in Sachsen Kultusminister und damit zuständig für KZ-Gedenkstätten werden sollte, obwohl er zuvor in rechtslastigen Medien mitgearbeitet hatte. Oder die erst kürzlich erfolgte hohe Auszeichnung des ehemaligen Präsidenten und Ehrenmitglieds der Bundesärztekammer, Hans-Joachim Sewering, durch den Berufsverband Deutscher Internisten; da war es offensichtlich unerheblich, dass er bereits 1933 in die SS und 1934 in die NSDAP eingetreten ist, an der Vernichtung unwerten Lebens beteiligt gewesen sein soll und seit 1994 nicht mehr in die Vereinigten Staaten einreisen darf. Mein Gefühl sagt mir: Untergründig ändert sich da etwas, dass judenfeindliche und nationalistische Haltungen allmählich nicht mehr so geächtet werden wie bisher. Diese Dreistigkeit nimmt zu, ohne entsprechende Reaktionen nach sich zu ziehen. Manche wollen um jeden Preis Normalität - eine forcierte Normalität wohlgemerkt, in der endlich Kritik an Juden frei weg von der Leber nach der Maxime Das wird man ja wohl noch sagen dürfen möglich sein soll.
Die Fragen stellte Hans Riebsamen.
Text: F.A.Z.
Arbeitnehmer federn die Krise ab
Anlagestrategie: Wie viel Betreuung braucht mein Geld?
Gescheiterter Anschlag in Amerika angeblich im Jemen geplant
| Tops | in % | |
| Fresenius Vz | +3,04% | |
| ThyssenKrupp | +1,43% | |
| Henkel Vz | +1,04% |
| Flops | in % | |
| Infineon | −1,69% | |
| K+S | −1,93% | |
| Volkswagen Vz | −2,84% |
Die Anti-Demokraten-Tiger-Enten
16:21 16:15 16:13Seit wann bekommen wir immer mehr Leistungen für unsere wachsenden Abgaben?
16:00