Von Jan Grossarth
27. April 2008 Osnabrück ist die Stadt des Westfälischen Friedens. Dessen Verkündung fand vor 360 Jahren im dortigen Rathaus statt, der Dreißigjährige Krieg war beendet, das erste europäische Völkerrechtsabkommen besiegelt. Heute nennt sich Osnabrück deshalb Friedensstadt. Unglücklicherweise gibt es da noch den Nachbarn im Süden, getrennt nur durch den Teutoburger Wald. Auch im Rathaus von Münster wurde 1648 der Friede proklamiert, und auch Münster erfand das Label Friedensstadt.
Das Osnabrücker und Münsteraner Alleinstellungsmerkmal funktioniert also nicht wie im Marketing-Lehrbuch. Darum müssen beide Städte durch Taten darum eifern, welche die weltfriedliebendere sei, und nachdem es in Osnabrück bereits lange Friedensgespräche, Friedensläufe und Friedenswurst gibt, zeigt sich nun der Stadtrat engagiert - in weltpolitischer Mission.
In einer Sitzung forderte der Rat jetzt Peking dazu auf, die Menschenrechte zu achten, und verurteilte die Brutalität der chinesischen Sicherheitskräfte in Tibet. Osnabrück verlange, dass Tibet den Medien und Diplomaten geöffnet werde, hieß es in einer einstimmig verabschiedeten Resolution. Damit der Ruf nicht schon in der niedersächsischen Provinz verhalle, sandte ihn die Stadt schriftlich an die chinesische Regierung, die Bundesregierung, das IOC und Osnabrücks Partnerstadt Henfei.
Die Idee kam vom einzigen Stadtrat der Linkspartei, Christopher Cheeseman. Würde Osnabrück seine Stimme in Sachen Tibet nicht erheben, sei das mit der Friedensstadt nur ein billiges Etikett und Marketinginstrument, sagte Cheesemann. Diesen Vorwurf empfand Oberbürgermeister Boris Pistorius (SPD) als Frechheit, schließlich heiße Friedensstadt nicht, dass sich der Stadtrat in alle Weltkonflikte einmischen müsse.
Auch die CDU fand Grund zur Empörung: Es sei abgeschmackt, wie die ursprüngliche Forderung der Linkskpartei vorsah, Osnabrück müsse sich auch von tibetischer Gewalt distanzieren. Der Satz wurde geändert, alle Fraktionen waren einverstanden. Ein harmonisches Ende im Stadtrat, dessen Resolution gleichzeitig dem Weltfrieden und Stadtmarketing dienen möge. Eine Antwort Pekings wird erwartet.
Text: F.A.Z.
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