Simbach am Inn

Flussgott mit „Popsch“

Von Albert Schäffer

17. April 2008 Dem heiklen Verhältnis von politischer Korrektheit und göttlicher Kreatürlichkeit wird an der deutsch-österreichischen Grenze nachgespürt. Im niederbayerischen Simbach am Inn steht seit wenigen Tagen eine Bronzeskulptur, mit der allegorisch der Inn, die Lebensader der Region, gefeiert wird.

Ein wohlgeformter - in zeitgenössischer Diktion muss es heißen: durchtrainierter - Flussgott, herrisch die linke Hand erhoben, reitet an der Innbrücke auf einem mächtigen Huchen, einem heimischen Raubfisch. Und ähnlich gebieterisch reckt der - wie es Göttern geziemt - nicht übermäßig bekleidete Reiter sein Gesäß der Stadt am anderen Flussufer entgegen: dem oberösterreichischen Braunau am Inn.

Gesamthistorisch-globalgeschichtliche Parallelen

Möglicherweise wäre die Aufregung über den göttlichen „Popsch“, wie in herrlicher Klangmalerei dieser Skulpturenteil in Österreich heißt, nicht ganz so groß, wenn Braunau nicht die Geburtsstadt Adolf Hitlers wäre. Anders ist es kaum zu erklären, dass im Streit über die Skulptur des Bildhauers Dominik Dengl munter gesamthistorisch-globalgeschichtliche Parallelen gezogen werden - bis hin zur Kunstsprache in totalitären Staaten im Allgemeinen und dem Dritten Reich im Besonderen.

Auch an zeitgenössischen politischen Stereotypen fehlt es nicht; der nach Braunau gewandte göttliche „Popsch“ wird als ikonographische Rache interpretiert, bezogen auf die unterschiedlichen wirtschaftlichen Prosperitäten in Deutschland und Österreich.

An die diplomatische Finesse der Kommunalpolitiker stellt der Streit damit höchste Ansprüche. Die Stellungnahme des Braunauer Bürgermeisters Gerhard Skiba, dass es zu Kunstwerken „dieser Art und an einer so exponierten Örtlichkeit immer unterschiedliche Meinungen und Kommentare“ gebe, hätte auch ein Regierungssprecher in Wien oder Berlin nicht schöner formulieren können.

Um letzte Wahrheiten geht es ohnehin nicht im Skulpturenstreit am Inn: Die Natürlichkeit des Reiters auf dem Huchen ist durch einen bronzenen Hauch eines Herrendessous gemildert. Wer ungehinderte Blicke auf göttliche Rückseiten genießen will, muss weiterhin in die Münchner Glyptothek gehen.



Text: F.A.Z.

 
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