19. Mai 2009 Wilhelm I., der reformfreudige württembergische König, reiste 1822 nach Schwenningen, weil er die Neckarquelle sehen wollte. Er empfahl seinen Untertanen, dort mehrere Augenblicke zu verweilen und auch einmal aus der Quelle zu trinken. Das Königreich und die dazugehörigen Untertanen gibt es nicht mehr, und den Ratschlag des Königs, an der Neckarquelle doch einmal Halt zu machen, konnten die Bürger des heutigen Bundeslandes Baden-Württemberg seit 50 Jahren nicht mehr befolgen.
Die Quelle des von Hölderlin lyrisch gewürdigten Flusses (In deinen Tälern wachte mein Herz mir auf) ist Anfang der sechziger Jahre nämlich unter Steinen und Beton verschwunden. In der einst von Uhrenherstellern geprägten Industriestadt Schwenningen wollte die Quelle offenbar niemand plätschern hören. Erst am Stadtrand trat der Fluss ans Tageslicht. Angesichts der Bedeutung des Flusses, der über eine Strecke von 367 Kilometern Landschaft, Wirtschaft und Kultur im Südwesten prägt, ist das ein ziemlicher Frevel. Erst die Entscheidung, die aus dem badischen Villingen und dem württembergischen Schwenningen zwangsvereinigte Stadt für die Landesgartenschau auszuwählen, brachte es mit sich, zur Quelle zurückzukehren.
Für elf Millionen Euro wurden die Quelle und ein etwa drei Kilometer langes Flussbett wiederhergestellt, also renaturiert. An die Quelle auf einem gerade sanierten und zuvor chemisch verseuchten früheren Bahngelände erinnerte bisher nur ein kleiner Gedenkstein. Jetzt soll der Neckar einen Kilometer durch das Gartenschaugelände fließen und dann zwei Kilometer in einem offenen Flussbett bis an die Stadtgrenze. Die Freilegung der Neckarquelle ist aber nur ein Projekt, das helfen soll, den Neckar von seinem schlechten Image zu befreien, nur eine Bundeswasserstraße im Betonmantel zu sein. Neun von 60 Renaturierungsprojekten sollen jetzt realisiert vorgestellt werden. Der Fluss soll wieder Landschaft werden.
Aus der Neckarquelle in Schwenningen wird allerdings erst im kommenden Jahr wieder richtiges Wasser fließen. Bei der Offenlegung der Quelle ließ die Stadt Villingen-Schwenningen zur Probe erst einmal Riesling durch die Quelle pumpen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa
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