Frankfurt

Muff von vierzig Jahren

Von Hans Riebsamen

05. Mai 2008 Die Achtundsechziger sind im Museum gelandet. Das hat von den Helden der linken Protestbewegung bisher nur Joschka Fischer geschafft: Seine Turnschuhe, die er weiland bei der Vereidigung als hessischer Umweltminister im hessischen Landtag trug, sind längst im Ledermuseum in Offenbach ausgestellt.

Doch jetzt wird die gesamte Bewegung - bis hin zur Brille des Kommunarden Rainer Langhans - museal geadelt: in der Ausstellung „Die 68er“ im Historischen Museum Frankfurt.

Die Eröffnung fand an revolutionsgetränktem Ort statt, im Hörsaal VI der Frankfurter Universität, dem Adorno-Hörsaal, der häufig Schauplatz von „Sit-ins“ und „Vollversammlungen“ gewesen ist. Es wurde nicht gestritten und gebrüllt wie damals - bei den inzwischen ergrauten Alt-Achtundsechzigern hat sich der Furor deutlich gelegt, sie lauschten aufmerksam den Reden der Kulturhonoratioren, von Frankfurts Kulturdezernent Felix Semmelroth (CDU) bis zu Frankfurts Vorzeigeschriftstellerin Eva Demski. Ein Veteran, der frühere Vorsitzende des Sozialistischen Deutschen Studentenbunds, Frank Wolff, konnte immerhin für einige Minuten das alte Gefühl der Rebellion wecken - mit einer Interpretation von Bob-Dylan- und Jimi-Hendrix-Hits (auf dem Cello!).

Der Bund, könnte man sagen, bezahlt die Achtundsechziger. Denn der Hauptmäzen der Ausstellung ist die Bundeskulturstiftung - der Marsch durch die Institutionen war zweifellos erfolgreich. Doch mittlerweile beginnt der Abmarsch. Jener Joseph Fischer, Lektor, der - wie eine beglaubigte Abschrift in der Ausstellung belegt - am 16. November 1970 zusammen mit einem „Fräulein Barbara Brinkmann“ bei einem Frankfurter Notar erschienen war, um die Gründung einer Gesellschaft mit beschränkter Haftung mit dem Namen „Karl-Marx-Buchhandlung“ amtlich anzuzeigen, dieser Fischer ist nach seinem Ausscheiden als Außenminister schon ins Rentnerdasein gewechselt.

Das Alter zwingt die Achtundsechziger nicht nur zur Aufgabe ihrer Posten, sie müssen auch die Deutungshoheit über Achtundsechzig abgeben. Zwar schrieben einige jetzt zum Jubiläum schnell noch ein Buch, aber die Frankfurter Ausstellung durften Jüngere ausrichten, Historiker, die nach 1968 geboren wurden. So etwas nennt man wohl „Dialektik der Aufklärung“.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Frank Röth

 
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