Von Oliver Bock
07. Mai 2008 Die ebsch Seit wird im Rheingauer Dialekt jene verkehrte Seite des Rheins genannt, auf der man besser nicht wohnen und schon gar keinen Wein trinken sollte. Etwas Besseres als Liebfraumilch trauen eingefleischte Freunde des Rheingauer Rieslings dem gegenüberliegenden Weinanbaugebiet Rheinhessen auch gar nicht zu.
Der Vorzug der rheinhessischen Region westlich von Mainz beschränkt sich demnach auf den ungehinderten Blick auf die majestätischen Weinberge der Weinregion Rheingau zwischen Wiesbaden und Lorch. Doch das Selbstbewusstsein im Rheingau ist nicht erst ins Wanken geraten, seit immer mehr rheinhessische Erzeuger mit Qualität überzeugen.
Nun droht der Region auch auf wissenschaftlichem Gebiet Ungemach. Schon fast 130 Jahre lang gilt die Kleinstadt Geisenheim mit ihrer Forschungsanstalt und Fachhochschule als akademisches Zentrum des deutschen Weinbaus. Der Erfolg von Weinen aus Chile und Australien, Südafrika und Neuseeland gründet auf dem Wissen von Önologen, also Wein(bau)gelehrten, von denen nicht wenige ihre Ausbildung in Geisenheim erhalten haben. Das war und ist für die deutschen Winzer nicht unbedingt von Vorteil, dem Ruf von Geisenheim hat es aber nicht geschadet.
Doch nun ist diese Bastion in Gefahr, weil das einzige Bundesland, das einen Weinbauminister hat, eigene Önologen ausbilden will. Hessische Politiker sind darüber nicht begeistert. Von einem überflüssigen Studiengang light spricht etwa die weinbaupolitische Sprecherin der hessischen CDU-Landtagsfraktion, Petra Müller-Klepper, die aus dem Rheingau stammt.
Rheinland-Pfalz bereitet unterdessen allen Warnungen von hessischer Seite zum Trotz zügig den Aufbau des Studiengangs vor, an dem die Fachhochschulen Kaiserslautern, Ludwigshafen und Bingen beteiligt werden sollen. Der neue Studiengang mit Schwerpunkt Ökonomie und Ökologie soll zum Wintersemester 2009/2010 beginnen. Das Land will damit den positiven Trend im rheinland-pfälzischen Weinbau unterstützen. Für Widerstände vor allem aus der hessischen CDU gibt es dagegen kein Verständnis. Konkurrenz belebe schließlich das Geschäft.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Bernd Helfert
