Von Oliver Bock
27. Juni 2005 Mit der Weinlese im Herbst 2005 hat die Weinbaugemeinde Kiedrich fünf statt bisher vier und der Rheingau deshalb 120 statt bisher 119 Einzellagen. Erstmals seit der grundlegenden Neuordnung der Weinbergslagen im Jahr 1971 hat das Weinbauamt in Eltville - als die für die Führung der Weinbergsrolle zuständige Behörde - der Entstehung eines neuen alten Weinbergs zugestimmt: des Kiedricher Turmberg.
Diese vier Hektar große Fläche unterhalb der Burgruine Scharfenstein in Kiedrich war seit fast 35 Jahren Teil der Einzellage Kiedricher Wasseros und der Großlage Heiligenstock. Es handelt sich um einen schwierigen und besonders steilen Teil - mit der Folge, daß einige der Winzer dort den Weinanbau angesichts der bevorstehenden Flurbereinigung schon aufgegeben hatten. Die Folge waren und sind Brachflächen, sogenannte Driesche, die nicht nur das Landschaftsbild beeinträchtigen, sondern auch zum Herd von Krankheits- und Schädlingsbefall werden, der auf die benachbarten Flächen übergreifen kann.
Feine Weine
Doch nun hat der Turmberg wieder eine Zukunft. Das Kiedricher Weingut Robert Weil, das bisher schon 2,5 der vier Hektar besaß, hat im Zuge der Flurbereinigung und der damit verbundenen Neuverteilung der Weinberge den gesamten Turmberg in alleinigen Besitz genommen. Gutsdirektor Wilhelm Weil zählt den Turmberg zu den früheren Spitzenlagen des Rheingaus, der mit die feinsten Weine der Region hervorbringen könne. Bis zur Weingesetznovellierung 1971 war der Turmberg schon eine anerkannte Einzellage, und in der Schatzkammer des Weingutes Weil liegen heute noch Weine aus dieser Lage, die Wilhelm Weil in seiner Überzeugung bestärken, daß der Turmberg nicht nur erhalten, sondern zu neuer Blüte geführt werden kann.
Dazu allerdings soll der vier Hektar große Weinberg bis auf einen kleineren Teil im Lauf der nächsten vier bis fünf Jahr abschnittsweise gerodet und neu mit Riesling-Rebstöcken bepflanzt werden. Die Kosten für die Neubepflanzung liegen bei rund 25000 Euro je Hektar, hinzu kommen insgesamt rund 200000 Euro für die Wasserführung und Kanäle. Letzteres trägt die Teilnehmergemeinschaft der Flurbereinigung, in der alle Grundstückseigentümer der von der Flurbereinigung erfaßten Flächen zwangsweise Mitglied sind. Der neue Weinberg soll von einem Grüngürtel mit Streuobst und heimischen Pflanzen umgeben werden, auch ein neuer Wanderweg zur Burgruine soll angelegt werden.
Hoher Anteil von Phyllitschiefer
Daß der 1971 untergegangene Weinberg mit der Ernte 2005 wieder neu entsteht, war nach Angaben von Christoph Presser vom Weinbauamt nur deshalb möglich, weil der Turmberg aufgrund seiner Topographie, seiner bestehenden Eingrenzung durch Wege und Raine und seiner besonderen Bodenstruktur klar und eindeutig von der umgebenden Lage Wasseros abgegrenzt werden kann. Nur wenn ein eigenständiger Weintyp aus dieser Lage gekeltert werden könne, sei ihre Ausgrenzung statthaft.
Dieser eigenständige Weintyp wird Weil zufolge durch den hohen Anteil von Phyllitschiefer im Boden des Turmberg möglich sein, auch durch den kargen steinigen Boden und die Ausrichtung des Weinbergs. Hier, zwischen 190 und 220 Höhenmetern, seien ein besonders später Lesetermin und deshalb eine lange Hängezeit der Beeren am Stock möglich.
Elegante mineralische Note
Der Lagenname Turmberg leitet sich vom erhaltenen Bergfried der einstigen Ritterburg Scharfenstein - dem Wahrzeichen Kiedrichs - ab. Die Weine haben laut Weinbauamt eine äußerst mineralische Note mit fester Säure und einer komplexen Aromenstruktur. Sie seien als fein und elegant zu bezeichnen und haben sein sehr gutes Alterungspotential.
Dieser Wein wird aber auch seinen Preis haben. Weil ordnet den Turmberg ähnlich exklusiv wie den nahen Gräfenberg in seinem Sortiment ein und geht davon aus, daß Weine aus solchen Steillagen nicht unter zehn Euro je Flasche vermarktet werden können. Vorgesehen ist, die Kabinettweine und Spätlesen aus dem Turmberg vor allem süß auszubauen.
Steillagen mit Zukunft
Zufrieden ist auch der Erste Beigeordnete Winfried Steinmacher (SPD), daß der Hausberg der Gemeinde Kiedrich wieder neu bepflanzt und gepflegt wird und daß das Orts- und Landschaftsbild durch brachliegende Flächen keinen Schaden nimmt. Steinmacher und Weil verweisen darauf, daß von der gefundenen Konstellation sowohl die Gemeinde als auch die Flurbereinigung, der Naturschutz, die Kiedricher Winzer und das Weingut Weil profitieren werden. Gemeinsam mit den Vertretern der diversen Behörden hofft Weil, damit auch ein Signal zu setzen und ein Beispiel dafür zu geben, daß Steillagen im Rheingau Zukunft haben und wieder neu bewirtschaftet werden können. Schließlich sei das eines der im Masterplan Rheingau genannten Ziele. Die Wirtschaftlichkeit bleibe dabei aber nicht außer acht, versichert Weil: Das ist kein Samariterdienst.
Text: F.A.Z. / Rhein-Main-Zeitung vom 28. Juni 2005
Bildmaterial: dpa