München

Chaldäer in Bayern

Von Albert Schäffer

15. Mai 2008 Es ist eine unscheinbare Wohnung im Münchner Stadtteil Neuhausen, die ein Quell der Hoffnung ist für gepeinigte Christen, die aus dem Irak geflüchtet sind. In den einfach eingerichteten Räumen im Erdgeschoss arbeitet Pfarrer Peter Patto, der zuständig ist für die Chaldäer in Bayern. Ein karger Holztisch, einige Bücherregale, ein Telefon - das sind die Arbeitsmittel eines Seelsorgers, der seine Aufgabe in einem ganz elementaren Sinn versteht und verstehen muss.

Patto ist nicht nur geistlicher Beistand, sondern auch Psychologe, Dolmetscher und Ratgeber für Menschen, die zwischen die Mühlsteine der Geschichte geraten sind.

Die chaldäische Kirche geht zurück auf die ersten christlichen Gemeinden in Mesopotamien, die nach der Überlieferung der Apostel Thomas gegründet haben soll. Nach vielen Jahren der Isolierung schloss sie sich im 16. Jahrhundert der römisch-katholischen Kirche an; sie ist Teil der katholischen Ostkirche. Seit der Intervention der Vereinigten Staaten im Irak sind die Chaldäer zunehmend der Gewalt islamistischer Banden ausgesetzt. Ihre Familien sind wehrlose Opfer von Entführungen, Erpressungen und Mordanschlägen; jeden Tag werde die Lage schlimmer, berichtet Patto.

Auf fünftausend wird die Zahl der Chaldäer geschätzt, die in Bayern Zuflucht gefunden haben. Zweitausend leben in München; jeden Sonntag feiern sie in einer Kirche im Stadtteil Au die Messe.

In ihrer Liturgie hat sich das Aramäische, die Muttersprache Jesu, erhalten. Es hat eine Einwurzelung in Deutschland begonnen, vor allem bei den Jüngeren; die Katechese findet zweisprachig statt, in Aramäisch und Deutsch.

Die Älteren hoffen auf eine Rückkehr in den Irak - mehr als eine vage Hoffnung kann es angesichts der Nachrichten von immer neuem Leid, das den Christen im Irak widerfährt, nicht sein.

Für manche Münchner sind es unerwartete Erfahrungen, wenn sie hören, dass der Mann, der die U-Bahn säubert, ein christlicher Arzt aus dem Irak ist, der Spüler im Restaurant ein Ingenieur, der aus Bagdad stammt. So schnell wie möglich arbeiten wollten die Flüchtlinge - auch um mit bescheidenen Geldsendungen Familienangehörigen zu helfen, die noch im Irak sind, sagt Pfarrer Patto.

Es sind zwei Welten, die in Neuhausen zusammenstoßen: Ferner als in seinen Straßen mit sorgsam restaurierten Bürgerhäusern könnten die Greuel des Iraks nicht sein - und näher als in der Chaldäischen Mission, wie Pattos Amtssitz offiziell heißt, auch nicht.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp

 
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