Von Reiner Burger
15. Januar 2008 Wo gebaut wird, fallen Bäume. Bei der Dresdner Waldschlösschenbrücke ist das nicht anders als überall auf der Welt bei Großprojekten. Zum Kernbestand des deutschen Umweltrechts gehören deshalb Ausgleichsmaßnahmen. Dennoch bleibt es bedauerlich, wenn auch so stattliche Bäume wie die Rotbuche an der Bautzener Landstraße Vorhaben wie der umstrittenen Dresdner Waldschlösschenbrücke weichen müssen.
Mehr als zweihundert Jahre alt war die Buche - man kann trefflich darüber räsonieren, welche Geistesgrößen beim verzückten Blick auf das wunderbare Dresdner Elbtal schon an ihr vorübergegangen sind. Seit dem 12. Dezember hielten Aktivisten von Robin Wood den Baum besetzt und machten nebenbei Werbung für sich. Rund einen Monat lang war die Buche das vielleicht letzte starke Symbol des Widerstands gegen die Brücke, der teilweise recht groteske Formen angenommen hat.
Totale Verhinderung
Über die Ästhetik der geplanten Brücke kann man nicht nur streiten, man hätte es von Beginn an tun müssen. Doch den meisten Gegnern des Bauwerks ging es nicht um Veränderungen, sondern um totale Verhinderung. Hochwillkommen war ihnen das apodiktische Verdikt des Welterbe-Komitees im Sommer 2006, das drohte, Dresden den erst zwei Jahre zuvor verliehenen Welterbe-Titel wieder zu entziehen, wenn am Waldschlösschen eine Brücke gebaut wird.
Das harsche Urteil warf schon damals viele Fragen auf: Warum hatte die Unesco sich nicht bereits 2004 an dem in wesentlichen Zügen bekannten Projekt gestört? Warum geschah das erst nach dem Bürgerentscheid Anfang 2005, bei dem sich zwei Drittel der Wähler für den Bau aussprachen? Hätte die Unesco sich früher artikuliert, wäre es mit großer Wahrscheinlichkeit nicht zur bisher einmaligen Konfliktlage Völkerrecht contra direkte Demokratie gekommen.
Eine weitere absurde Entwicklung ist im Elbtal zu beobachten: die Umdeutung einer Idee. In der Geistes- und Kulturgeschichte ist die Idee der Brücke durchweg positiv geprägt. Dem, der Brücken baut, gebührt die Sympathie der Wertegemeinschaft, nicht dem, der sie einreißt oder ihren Bau verhindert. Für viele Brückengegner in Dresden aber ist das Vorhaben am Waldschlösschen mittlerweile ein Verbrechen - das zumindest ist der logische Schluss daraus, dass sie die Baustelle links und rechts der Elbe als Tatort bezeichnen. Aber kann eine von der Mehrheit der Bürger gewollte Brücke ein Verbrechen sein, selbst wenn sie ästhetisch missraten ist? Setzte sich diese schräge Ansicht durch, müsste die Welterbekonvention dringend von einem robusten Mandat flankiert werden, und höchste Zeit wäre es dann, dass zumindest Blauhelme das Elbtal sichern.
Text: F.A.Z., 16.01.2008, Nr. 13 / Seite 33
Bildmaterial: dpa