Von Marcus Jauer
19:25 Uhr: Am Rednerpult
Mit einem Mal war die Musik verstummt, ein leichter Wind war aufgezogen, und im Westen stand ein einzelner Hubschrauber in der Luft. Eine Weile lang war nichts passiert. Bis Obama kam. Er läuft allein über das Podest zum Rednerpult, ein paar Leute rufen Yes, we can. Dann beginnt er zu sprechen.
18.57: Das Pult vor der Säule
Siegessäule. Ein einzelnes Pult, davor ein paar Grünpflanzen, daneben ein Sicherheitsmann mit Sonnenbrille. Nach all der Polizei, der Fahrzeugkolonnen und den Absperrungen bekommt der Auftritt nun etwas schlichtes. Um die Siegessäule herum allerdings stehen so viele Menschen wie zuletzt zur Fußballweltmeisterschaft oder jenen Jahren als hier an großen Stern ein gewisser Dr. Motte die Loveparade eröffnete.
18:39 Uhr: Schätzungen sind in Berlin schwierig
Vom Brandenburger Tor bis zur Siegessäule reißt der Strom der Menschen nicht ab. Sie stauen sich vor den Sicherheitsschleusen oder setzen sich einfach vor eine der Großbildwände. Zwischen zehntausend und einer Million Besucher hatte die Polizei geschätzt. Aber Schätzungen sind in Berlin immer schwierig, weil die Leute überall hinkommen, wo es etwas umsonst gibt. So hatte es auch auf der Akkreditierung für die Presse gestanden: Essen und Trinken ist kostenpflichtig. Das Unterhaltungsprogramm ist kostenlos.
17:23 Uhr: Vielleicht kann Obama doch nicht jeden retten
Siegessäule. Auf dem Weg zur Absperrung stehen Buden für Bratwürste und Frikadellen. Umweltaktivisten haben sich Eisbärenkostüme übergezogen. Helfer aus Obamas Team fischen lautstark alle Amerikaner aus dem Strom der Besucher, damit sie sich in Unterstützerlisten eintragen. Es sind noch zwei Stunden, bis Obama spricht, aber vor dem Zaun warten schon hunderte Leute. Es gibt Sicherheitsschleusen wie am Flughafen. Hinter der Absperrung ist auf dem Asphalt noch die rote Farbe zu sehen. Ein arbeitsloser Mann aus Baden-Württemberg hatte sie am Mittwoch aus seinem Kleinwagen geschüttet, um damit auf seine Arbeitslosigkeit in Baden-Württemberg aufmerksam zu machen. Die Polizei stoppte das Auto mit Eisenstangen. Vielleicht kann Obama doch nicht jeden retten.
15:40 Uhr: Nicht zu viele Bilder!
Hotel Adlon, rückwärtiger Ausgang. Es ist halb vier. Die Polizei hat ihre Motorräder abgestellt, die Touristen haben ihre Kameras weggesteckt. Es ist alles ruhig. In diesen Minuten soll Obama im Hotel Klaus Wowereit treffen, den regierender Bürgermeister, und sich ins Gästebuch der Stadt eintragen. Wäre es nach Wowereit gegangen, hätte Obama gern vor dem Brandenburger Tor sprechen können oder wenigstens einen Spaziergang hindurch machen. Aber nach einem Hinweis aus dem Kanzleramt, das Tor sei für Wahlkampfauftritte nicht geeignet, wechselte Obama zur Siegessäule. Ein Spaziergang ist offenbar auch nicht geplant. Bis zur Rede um sieben Uhr klafft in Obamas Terminplan ein Loch. Es gibt das Gerücht, er wolle nicht zu viele Bilder von sich und Berlin, um andere europäische Hauptstädte nicht zu verärgern. Also findet der Termin mit Wowereit im Inneren des Hotels statt. Das Gästebuch, in das sich der Kandidat einschreiben soll, musste ihm Wowereit aus dem Roten Rathaus nachtragen.
15:11 Uhr: Irgendwie ratlos
Auswärtiges Amt, blaue Halle. Der zweite Fototermin mit Steinmeier hat fünfzehn Sekunden gedauert. Er wäre noch kürzer ausgefallen, hätte ein Amerikaner am Ausgang Obama nicht dessen Buch unter die Nase gehalten, damit er es signiert. Hat er was gesagt?, fragt ein Fotograf in die Runde. Als niemand etwas sagt, fragt er: Hat er geatmet? einen Augenblick noch steht Steinmeier am Ausgang, ratlos irgendwie.
14:52 Uhr: Amerikanische Härte
Offenbar ist Frank-Walter Steinmeier der einzige Politiker, der zwei Fototermine mit Obama bekommen hat. Neben der Begrüßung soll es auch Fotos vom Abschied geben. Zwischen diesen beiden Terminen warten die Journalisten in der blauen Halle des Außenamtes. Es stellt sich heraus, dass die amerikanischen Fotografen im Kampf um die Plätze noch um einiges härter sind als die deutschen. Sie entscheiden jedes Gerangel für sich und können nur von den amerikanischen Sicherheitskräften in Schach gehalten werden, die noch etwas härter sind. Hinter den Fotografen stehen die Reporter und unterhalten sich über die Rede, die Obama am Abend vor der Siegessäule halten will. Es taucht die Frage auf, ob sich von der Säule aus das Brandenburger Tor, vor dem er ja nicht sprechen sollte, nicht viel besser ins Bild rücken lässt. Es werden Skizzen angefertigt, die Lage ist unübersichtlich, vermutlich aber steht Obama doch nur direkt vor der Säule und die verdeckt das Tor. Einen Moment lang hatte es so ausgesehen, als sei Obama noch schlauer, als man ihn ohnehin schon eingeschätzt hatte. Nun greift Ernüchterung um sich: Dann ist es doch kein Bild.
14:29 Uhr: Handschlag, winken, weg
Auswärtiges Amt, Protokollhof. Vor dem Bau, in dem einst das Reichsluftfahrtministerium saß, stehen die Fotografen. Etwas abseits davon haben sich Mitarbeiter des Außenamtes aufgebaut. Fünf schwarze Limousinen fahren vor, dann kommt der weiße Jeep. Obama steigt aus. Frank-Walter Steinmeier tritt aus der Tür, hinter der er gewartet hatte. Handschlag. Winken. Weg. Das ganze hat keine zwanzig Sekunden gedauert. Enttäuscht wenden sich die Mitarbeiter des Außenamtes ab. Yes, we can, sagt eine junge Frau. Wieder zur arbeit gehen, antwortet der Mann neben ihr.
13:44 Uhr: Ein Paket für Herrn Obama
Hotel Adlon. Ursprünglich hatte Obama im Hotel Interconti untergebracht werden sollen. Es gilt als das sicherste Hotel der Stadt. Das war auch der Grund, weshalb die Delegation des irakischen Ministerpräsidenten dort wohnt. So musste Obama ins Adlon umziehen. Offensichtlich ist man auch hier aufmerksam. Als ein Taxifahrer an der Rezeption ein Paket für Herrn Obama abgibt, wird sofort die Polizei informiert. Die Sprengstoffexperten rücken an. Nach eingehender Untersuchung stellt sich das Paket als Buch heraus, dem die Bitte an Obama beiliegt, er möge es bitte signieren. Kurz darauf wird der Eingangsbereich des Hotels, der wegen Bombenverdachts gesperrt worden war, wieder frei gegeben. Inzwischen steht der gesamte Pariser Platz voller Menschen, die geduldig das Adlon beobachten.
13:15 Uhr: Ein leichtes Fremdeln
Nach Auskunft der Journalisten, die in der Skylobby anwesend waren, lief der Fototermin folgendermaßen ab: Obama sei aus dem rechten der Fahrstühle gekommen, die in das amphitheaterähnliche Rund führen. Zuerst sei er in Merkels Büro verschwunden, wo beide durch das Fenster über den Tiergarten schauten. Dann hätten sie die Skylobby betreten und sich an den Markierungen, die am Fußboden angebracht waren, aufgestellt. Obama, der dazu neigt, neben ihm stehende Personen, zu berühren, habe Merkel am Arm gefasst. Merkel habe ihre Hand leicht auf seinen Rücken gelegt. Nach einem Blitzlichtgewitter der Fotografen, die nach deutscher und amerikanischer Nationalität aufgeteilt auf zwei Tribünen standen, hätten sich beide noch einmal in Richtung Reichstag gedreht, der durch die Fenster der Skylobby zu sehen ist. It looks better, habe Merkel gesagt, wobei nicht klar war, ob sie das Wetter meinte oder den Blickwinkel für die Fotografen. Danach seien beide in Merkels Büro zurückgekehrt. Fragen waren nicht zugelassen, wurden aber auch nicht gestellt.
12:30 Uhr: Der Mann neben Merkel
Nach einer Stunde verlässt Barack Obama das Kanzleramt und fährt in dem weißen Jeep davon. Diesmal trägt er keine Sonnenbrille. Die Fotografen hatten gehofft, Angela Merkel und er würden sich auf dem Balkon des Gebäudes zeigen. Als sich hinter einem der Fenster Schatten zeigten, sah es immerhin so aus, als blickten sie wenigstens zusammen auf den Reichstag. Dann stellte sich heraus, dass der Mann, der neben Merkel stand nicht Obama war sondern Ulrich Wilhelm, der Regierungssprecher.
10:53 Uhr, im Kanzleramt: Er hat gewinkt.
Um zehn Uhr dreiundfünfzig taucht der Konvoi hinter dem Hauptbahnhof auf und biegt ohne Hast in die kurze Straße zum Kanzleramt ein. Motorräder vorn und hinten, dazwischen dunkle Limousinen und zwei große Jeeps. In einem von ihnen sitzt Obama. Er trägt Sonnenbrille. Der Konvoi passiert zwei berittene Polizisten, die sich rechts und links des Eingangs zum Kanzleramt aufgebaut haben. Eine Minute darauf ist hinter dem Zaum lauter Jubel zu hören. Wie sich herausstellt hat an diesem Tag eine Schulklasse aus Dillingen eine Führung durch das Kanzleramt bewilligt bekommen. Sie war seit einem Jahr vereinbart und wurde trotz Obamas Besuchs nicht abgesagt. Die Schüler kamen gerade aus dem Gebäude, als Obama hineinging. Er habe ihnen gewinkt, sagen sie, als sie draußen von Journalisten interviewt werden. Danach rufen sie ihre Eltern an.
10:49 Uhr, Kanzleramt: Ob er aussteigt?
Kanzleramt. Vor dem Eingang haben sich fast hundert Menschen eingefunden. Berliner, Touristen und die Reporter, die nicht in den siebten Stock des Amtes gelassen wurden, wo Angela Merkel Obama in der Skylobby um elf Uhr zum Fototermin treffen wird. Aber noch ist er nicht da. Ob er aussteigt?, fragt ein junges Mädchen ihren Freund. Bestimmt, sagt er.
10:04 Uhr, Tegel: Er ist da
Flughafen Tegel, ziviler Teil, Ausflugsterrasse. Es hieß, von hier habe man den besten Blick auf die Landebahn, und es stimmt. Überall Fotografen. Um kurz vor zehn sehen sie eine weiße Maschine mit blauem Leitwerk landen. Obama ist in Berlin. Sein Flugzeug kommt direkt hinter dem Flugzeug des irakischen Ministerpräsidenten Maliki zum stehen, der bereits gestern die Stadt mit seinem Konvoi zeitweise lahmgelegt hat.
9:45 Uhr, Tegel: Haben sie kontrolliert?
Inzwischen haben sich ein paar Fotografen vor dem Flughafentor eingefunden. Einem von ihnen fallen ein paar Kisten auf, die in einer Seitenstraße, nur wenige Meter von der Ausfahrt entfernt stehen. Die Kisten tragen arabische Aufschriften, daneben wartet ein offensichtlich arabisch aussehender Mann. Haben Sie die kontrolliert, fragt der Fotograf eine Polizistin, die sich neben den Kisten postiert hat, als würde sie sie bewachen. Das werde ich Ihnen gerade sagen, antwortet sie.
Berlin, Tegel, 9:15 Uhr: Er ist ja spontan
Berlin, Flughafen Tegel, militärischer Teil. Viertel nach neun. Vor dem Tor stehen vier Polizisten. Einer hat eine Kladde mit einem Zeitplan. Der Zeitplan sagt, wann Obama landen wird und durch das Tor kommen. Aber der Zeitplan ist nicht sehr präzise. Irgendwann zwischen neun und zehn, sagt der Polizist, er ist ja spontan.
Vom Flughafen aus wird Barack Obama direkt ins Kanzleramt fahren zu einem Fototermin mit Angela Merkel. Der ist um elf. Wenn der Konvoi auf direktem Weg führt, wird Obama von Berlin zuerst nur ein paar kleinere Läden sehen, Dönerstand, Reisebüro, eine Kneipe, die Kneipchen heißt, ein Haarstudio Berber und jede Menge Polizei.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AP , ddp, REUTERS