Oscar-Verleihung 2008

Amerika feiert die Europäer

25. Februar 2008 Der Westernthriller „No Country for Old Men“ ist der erfolgreichste Film des Jahres. Das Werk der amerikanischen Regiebrüder Joel und Ethan Coen wurde in der Nacht zum Montag in Hollywood von der amerikanischen Filmkunst-Akademie mit insgesamt vier Oscars ausgezeichnet (siehe: Filmkritik: „No Country for Old Men“).

Der sogenannte Auslands-Oscar ging wieder an ein deutschsprachiges Werk: Der österreichische Regisseur Stefan Ruzowitzky bekam die Trophäe für sein KZ-Drama „Die Fälscher“ (Video-Filmkritik: „Die Fälscher“). In dem Film geht es um eine Gruppe von KZ-Häftlingen, die während der nationalsozialistischen Diktatur im Lager Sachsenhausen für die Nazis ausländische Währungen fälschen sollen. Zu den Darstellern zählen die Deutschen August Diehl und Devid Striesow. Regisseur Stefan Ruzowitzky erinnerte in seiner Dankesansprache an österreichische Regisseure wie Billy Wilder, die vor den Nationalsozialisten fliehen mussten: „Es macht also Sinn, dass der erste österreichische Film, der einen Oscar gewinnt, von den Verbrechen der Nazis handelt.“

Im vergangenen Jahr war der Oscar für die beste nicht-englischsprachige Produktion an das deutsche Stasi-Drama „Das Leben der Anderen“ gegangen.

Day-Lewis und Cotillard

Die Darsteller-Preise gingen in der Gala ausschließlich an Nicht-Amerikaner: Der in Irland lebende Brite Daniel Day-Lewis wurde für die Hauptrolle als despotischer Öl-Baron in dem Drama „There Will Be Blood“ geehrt (Video-Filmkritik: „There Will Be Blood“). Für den Film des Regisseurs Paul Thomas Anderson verlief der Abend ansonsten enttäuschend. Mit acht Nominierungen war er einer der beiden Favoriten, neben dem Preis für Day-Lewis erhielt er aber nur noch die Auszeichnung in der Kategorie Kinematografie. Day-Lewis war bereits 1990 als bester Schauspieler geehrt worden.

Die Französin Marion Cotillard konnte zwei Tage nach dem französischen César auch noch den Oscar als beste Schauspielerin in Empfang nehmen. Sie verkörpert in dem Film „La vie en rose“ die legendäre französische Sängerin Edith Piaf; der Film hatte vor einem Jahr die Berlinale eröffnet (Berlinale-Eröffnung: „La vie en rose“). Die Favoritin für den Preis als beste Schauspielerin, Julie Christie („An ihrer Seite“), ging leer aus. Cotillard zeigte sich in ihrer Ansprache überwältigt: „Danke an die Liebe, danke an das Leben!“ Seit der Auszeichnung für Sophia Loren 1962 hatte keine fremdsprachige Schauspielerin mehr den Preis als beste Darstellerin gewonnen. Zum ersten Mal seit Simone Signoret 1960 erhielt eine Französin diesen Oscar und zum allerersten Mal überhaupt eine Schauspielerin, die ihre Rolle auf der Leinwand französisch spricht.

„Bourne Ultimatum“ erfolgreich

Die Britin Tilda Swinton erhielt den Oscar als beste Nebendarstellerin in „Michael Clayton“. Javier Bardem aus Spanien wurde für seine Nebenrolle in dem Siegerfilm „No Country for Old Men“ ausgezeichnet. Swinton nutzte ihre Dankesansprache für Glückwünsche an einen Jubilar: Der Oscar wurde zum 80. Mal vergeben. „Happy birthday, Mann“, rief sie der kleinen goldenen Statue entgegen.

Zwischen Glanz und Glamour schimmerten bei der Oscar-Gala auch politische Untertöne durch - der gegenwärtige Wahlkampf ließ sich nicht ignorieren. Der Regisseur Alex Gibney, der den Preis für den besten Dokumentarfilm erhielt, rief unter dem Beifall des Publikums zu einem Kurswechsel auf: „Lasst uns hoffen, dass wir dieses Land ändern können, dass wir uns von der dunklen Seite abwenden und dem Licht zuwenden.“ Gibney wurde für seinen Film „Taxi to the Dark Side“ über amerikanische Verhörmethoden in Afghanistan ausgezeichnet.

Zum besten Animationsfilm des Jahres kürten die Mitglieder der amerikanischen Filmkunst-Akademie den Kinohit „Ratatouille“ (Video-Filmkritik: „Ratatouille“). Rein zahlenmäßig schnitt auch der Film „Das Bourne Ultimatum“ hervorragend ab: Der Action-Thriller erhielt drei Preise für Filmschnitt, Tonschnitt und Tonmischung (Video-Filmkritik: „Bourne Ultimatum“). Für die besten Spezialeffekte wurde der Fantasy-Film „Der Goldene Kompass“ ausgezeichnet (Filmkritik: „Der goldene Kompass“).

Sogar das Wetter im gewöhnlich sonnigen Los Angeles passte perfekt zum Siegeszug der Europäer. Selten war es so grau und nasskalt wie bei der 80. Oscar-Verleihung. Erstmals war der Rote Teppich für das Defilee der Stars mit einem Plastikzelt überdacht worden.

Die Preisträger im Überblick

Bester Film: „No Country for Old Men“, Produktion Ethan Coen, Joel Coen und Scott Rudin

Hauptdarstellerin: Marion Cotillard, „La vie en rose“

Hauptdarsteller: Daniel Day-Lewis, „There Will Be Blood“

Nebendarstellerin: Tilda Swinton, „Michael Clayton“

Nebendarsteller: Javier Bardem, „No Country for Old Men“

Regie: Ethan und Joel Coen, „No Country for Old Men“

Nicht-englischsprachiger Film: Stefan Ruzowitzky, „Die Fälscher“

Adaptiertes Drehbuch: Ethan und Joel Coen, „No Country for Old Men“

Original-Drehbuch: Diablo Cody, „Juno“

Kamera: Robert Elswit, „There Will Be Blood“

Schnitt: Christopher Rouse, „Das Bourne Ultimatum“

Ausstattung: Dante Ferretti und Francesca Lo Schiavo, „Sweeney Todd - Der teuflische Barbier aus der Fleet Street“

Kostümdesign: Alexandra Byrne, „Elizabeth - Das goldene Zeitalter“

Ton: Scott Millan, David Parker und Kirk Francis, „Das Bourne
Ultimatum“

Ton-Schnitt: Karen Baker Landers und Per Hallberg, „Das Bourne
Ultimatum“

Make-Up: Didier Lavergne und Jan Archibald, „La vie en rose“

Spezial-Effekte: Michael Fink, Bill Westenhofer, Ben Morris und
Trevor Wood, „Der goldene Kompass“

Filmmusik: Dario Marianelli, „Atonement“

Original-Song: Glen Hansard und Markéta Irglová, „Falling Slowly“ („Once“)

Kurzfilm: Philippe Pollet-Villard, „Le Mozart des Pickpockets“

Animationsfilm: Brad Bird, „Ratatouille“

Animations-Kurzfilm: Suzie Templeton und Hugh Welchman, „Peter & the Wolf“

Dokumentarfilm: Alex Gibney und Eva Orner, „Taxi to the Dark Side“

Kurz-Dokumentarfilm: Cynthia Wade and Vanessa Roth, „Freeheld“

Ehren-Oscar für das Lebenswerk: Robert F. Boyle



Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, REUTERS

 

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