DFB-Pokal-Viertelfinale

Dortmund träumt von neuen Höhenflügen

Von Richard Leipold, Dortmund

26. Februar 2008 Als Thomas Doll das Spiel kommentierte, wirkte er wie ein Schüler, der im Unterricht ein Augenblick lang nicht richtig aufgepasst hatte. Er freue sich, dass Borussia Dortmund nach so langer Zeit wieder einmal im Halbfinale des DFB-Pokals stehe. Er wisse gar nicht, wie lange das jetzt schon her sei“, sagte er und schaute hilfesuchend zu seinem Nebenmann. Pressesprecher Josef Schneck hatte ungefähr eine Minute zuvor die historische Einordnung des Spiels vorgenommen und wiederholte sie auf Bitten des Trainers.

„Ich sage es gerne noch mal, es war vor neunzehn Jahren.“ Seitdem nimmt der BVB zum ersten Mal wieder Kurs auf Berlin als Endspielort - dank eines 3:1 über den Zweitligaklub TSG 1899 Hoffenheim. Im Mai 1989 hatten die Borussen den Titel gewonnen und von Berlin aus gewissermaßen Anlauf genommen zum größten Höhenflug ihrer Klubgeschichte. So steil bergauf wie in den neunziger Jahren dürfte es in naher Zukunft nicht gehen.

BVB-Trainer Doll: „Wir haben einen kleinen Lauf“

Im Tagesgeschäft seit langem nur Mittelmaß, genossen die Dortmunder diesen Abend umso mehr - vermutlich auch deshalb, weil sie hoffen, das lange nicht erlebte Fortkommen im Pokal als Indiz für einen Aufschwung werten zu können, der auch auf die Liga übergreift. „Unser Weg ist noch nicht zu Ende, das könnte ein gutes Jahr 2008 werden“, sagte Trainer Thomas Doll. „Wir haben einen kleinen Lauf.“ Von den fünf Pflichtspielen der Rückrunde hat seine Mannschaft drei gewonnen und nur eins verloren.

Ob der „kleine Lauf“ die Perspektive zu einem großen Wurf eröffnet, bleibt aber fürs Erste zweifelhaft. Eine Zweitligamannschaft daheim zu besiegen ist nicht mehr und nicht weniger als das, was jeder von einem Bundesligaklub erwartet, mögen die (noch) zweitklassigen Kicker auch technisch besser veranlagt und taktisch besser geschult sein als mancher Abstiegskandidat aus der ersten Klasse.

DFB-Pokal soll verlorenes Ansehen zurückbringen

Die ausgelassene, fast überschwängliche Freude bei der großen Dortmunder Mehrheit unter den gut 55.000 Zuschauern kann nur mit der langen Zeit zusammenhängen, die Dortmund nun schon im Mittelmaß festsitzt. Nach allerlei Pokalblamagen, in guten wie in schlechten Zeiten, könnte ausgerechnet dieser Wettbewerb plötzlich die Chance bieten, verlorenes Ansehen zurückzugewinnen. Aber so erfreulich das Ergebnis aus Dortmunder Sicht sein mag, auch diese Partie legte wieder Schwächen offen. Die beiden ersten Tore von Federico (20. Minute) und Tinga (23.) vermochten dem Favoriten nicht die Souveränität zu verleihen, die eine Mannschaft von gehobenem Format auszeichnet.

Dieses Defizit ist mit dem dubiosen Elfmeter nur unzureichend erklärt, den Copado zum Anschlusstor nutzte (38.), nachdem Schiedsrichter Brych ein angebliches Foul von Amdick mit einem Strafstoß geahndet hatte. Auch das 3:1 von Petric (54.) befreite den BVB noch nicht von der Sorge, dass gegen einen modern spielenden Außenseiter noch etwas schiefgehen könnte. Zweimal bewahrte der aufmerksame Torwart Ziegler die Borussen mit starken Paraden vor dem abermaligen Anschlusstreffer.

Rangnick: „Wir haben noch eine kleine Mannschaft“

Anders als die meisten Außenseiter wagten sich die Hoffenheimer nach vorn, wussten aber nur bis zum Strafraum zu gefallen. „Der letzte Punch hat uns gefehlt“, sagte Trainer Ralf Rangnick. „Wir haben über weite Strecken ordentlich bis gut gespielt. Um eine Sensation zu schaffen, hätten wir neunzig Minuten sehr gut spielen müssen.“ Dennoch wurde in Dortmund sichtbar, dass Rangnick selbstbewusster denkt und handelt als mancher Erstligatrainer.

Er ließ seine Mannschaft offensiv spielen und sprach hinterher nicht davon, gut mitgehalten zu haben, sondern benannte Schwächen wie die Nervosität während der Anfangsphase und die fehlende Athletik im Vergleich zu den körperbetonter spielenden Borussen. „Wir haben noch eine kleine Mannschaft.“ Der Fußball-Lehrer gewann der Niederlage auch etwas Gutes ab. Die Lobeshymnen auf seine Mannschaft, hervorgerufen durch eine Erfolgsserie in der zweiten Liga, werden ihm allmählich zu viel.

Dortmund will Jena im Halbfinale - „aber zu Hause“

„Hören Sie doch einfach damit auf“, raunzte er einen Journalisten an. „Ich mag mir gar nicht vorzustellen, was alles geschrieben worden wäre, wenn wir hier gewonnen hätten.“ Seine Elf wird inzwischen von vielen so wahrgenommen wie eine Erstligamannschaft in spe. Gut möglich, dass Hoffenheim in näherer Zukunft wieder gegen Dortmund spielt, auch ohne dass das Los die beiden Klubs zusammenführt.

Während Rangnick die Niederlage als willkommene Korrektur allzu hochfliegender Phantasien deutet, hoffen die Dortmunder auf weitere Kursausschläge nach oben - und auf einen weiteren Zweitligaklub. In den Katakomben verfolgte Sportdirektor Michael Zorc am Videotext den Verlauf des Elfmeterschießens zwischen Stuttgart und Jena. Als die Überraschung vollendet war, mutmaßte ein Reporter, der BVB wünsche sich nun sicher, wie zwei andere Halbfinalteilnehmer, Jena als nächsten Gegner. Zorc gab ihm recht - und fügte mit einem Lachen hinzu: „Aber zu Hause.“

Borussia Dortmund - 1899 Hoffenheim 3:1 (2:1)
Dortmund:
Ziegler - Rukavina, Amedick, Kovac, Dede - Kehl (76. Klimowicz) - Tinga, Kruska (70. Hummels) - Federico (70. Buckley) - Frei, Petric. - Trainer: Doll
Hoffenheim: Özcan - Ibertsberger, Janker, Compper, Löw (57. Salihovic) - Teber, Gustavo, Carlos Eduardo - Copado (71. Ibisevic) - Ba (81. Weis), Obasi. - Trainer: Rangnick
Schiedsrichter: Felix Brych (München)
Tore: 1:0 Federico (20.), 2:0 Tinga (23.), 2:1 Copado (38., Foulelfmeter), 3:1 Petric (54.)
Zuschauer: 55.400
Gelbe Karten: Frei, Tinga, Amedick - Carlos Eduardo, Teber, Löw, Salihovic



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, ddp, dpa, REUTERS

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