31. Juli 2005 Mit einem weltweit einmaligen Verfahren sind am Wochenende zwei 1250 Tonnen schwere Stahlskelette über dem Glasdach des Berliner Hauptbahnhofes montiert worden. Tausende beobachteten, wie die Bauteile ähnlich einer Klappbrücke im Zeitlupentempo von der senkrechten in die Waagerechte aufeinander zukippten.
Nach rund 21 Stunden wurde die spektakuläre Montage am Samstag abend erfolgreich beendet. Die beiden Bauteile lagen über dem Dach des neuen Bahnhofes. Das Daumendrücken hat sich gelohnt, eine Last ist von uns abgefallen, sagte Bahn-Sprecher Burkhard Ahlert am Sonntag. Alles sei planmäßig verlaufen.
Bis zum Sonntag abend sollten noch Bodenplatten für das künftige Bürogebäude montiert werden, dessen Grundlage die abgeschwenkten Stahlbrücken sind. Berlins wichtigste Schienenverbindung sollte wegen der Arbeiten noch bis Montag früh um 4 Uhr gesperrt bleiben. Auf der Stadtbahn konnten seit Freitag abend etwa 2000 Züge nicht wie gewohnt durch den Bahnhof rollen. Normalerweise nutzen den Abschnitt täglich Hunderttausende Fahrgäste.
Sekt und Schnittchen
Fern- und Regionalzüge sollen am neuen Hauptbahnhof ab Mitte 2006 halten - pünktlich zur Fußball- Weltmeisterschaft. Schon in der Nacht zum Samstag war klar, daß es trotz der Gewitter gut läuft, sagte Bahn-Projektmanager Andreas Gausmann. Schon vor Abschluß des technischen Großmanövers feierte die Bahn mit Sekt und Schnittchen. Am Spreeufer verfolgten mehrere tausend Berliner und Touristen das Spektakel. Viele hatten seit der Nacht ausgeharrt und sich mit Kaffee und Butterbroten wach gehalten.
In der Nacht zum Samstag begann die Bahn, die hoch in den Himmel ragenden Stahltürme um 90 Grad so gegeneinander zu kippen, daß ein neuer Baukörper über den Gleisen gebildet wird. Die sogenannte Bügelbrücke soll Grundlage für den Bürotrakt des Bahnhofs werden.
Viele Schaulustige
Das spektakuläre Bauverfahren zog viele Schaulustige an. Auf den angrenzenden Straßen sicherten sich Berliner und Gäste bereits seit den frühen Morgenstunden die besten Beobachtungspunkte. Der Kippvorgang läuft in drei Stufen ab, für den zwölf Hydraulikpumpen und Stahlseile eingesetzt werden. Die Drehpunkte der jeweils 1.250 Tonnen schweren Stahlkonstruktionen liegen in 23 Metern Höhe. Die beiden Türme bewegten sich mit einer Geschwindigkeit von sechs Metern je Stunde aufeinander zu. Sobald sie wie eine geschlossene Bahnschranke waagerecht lagen, blieben zwischen den beiden Turmspitzen nur noch zwei Zentimeter Platz. In dieser Position wurden sie miteinander verbunden und fixiert. Zwischen den beiden Bügeln wird anschließend ein 200 Meter langes Dach in mehreren Phasen eingeschoben.
Ein zweiter Bügelbau soll mit derselben Technik am Wochenende des 13./14. August folgen, so daß hoch über den Gleisen 25.000 Quadratmeter Bürofläche in bester Citylage entstehen.
Technologische und logistische Meisterleistung
Noch nie in der bekannten Baugeschichte wurde diese Technik angewandt, wie die Bahn-Tochter DB Projekt Verkehrsbau versicherte. Ihr Vorteil sei die wesentlich kürzere Sperrung des Bahnverkehrs als bei einem traditionellen Brückenbau, weil über frei befahrbare Schienen keine Lasten bewegt werden dürfen. Fachleute sprechen von einer Sensation und von einer technischen und logistischen Meisterleistung, obwohl die Technik im Prinzip auch von Klappbrücken her bekannt ist. Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit würdigte das Projekt als eine große Herausforderung an die Ingenieurkunst und als ein Musterbeispiel für den technologischen Standort Deutschland.
Der bisherige Lehrter Stadtbahnhof soll am 28. Mai 2006 und damit pünktlich zu Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft als neuer Hauptbahnhof in Betrieb gehen. Dazu wird auch 15 Meter unter der Erde fieberhaft an dem Fern- und Regionalbahnhof gearbeitet. Der Komplex in Sichtweite des Kanzleramts ist das Herzstück des so genannten Bahnknotens in Berlin, für den die Deutsche Bahn seit 1990 insgesamt zehn Milliarden Euro verbaut hat. Er ist das derzeit größte Infrastrukturprojekt in Deutschland. Auf den oberirdischen Gleisen verläuft die Hauptstrecke von Ost nach West. Die Nord-Süd-Strecke verläuft im neuen Tunnel.
Text: FAZ.NET mit Material von AP
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